Intellektuelle Redlichkeit

Ein Thema nicht nur für Philosophen, Denker oder Politiker. Sondern für jedermann. Warum aber für jedermann? Weil kaum jemand wirklich Falsches will, der Falsches tut. Jeder folgt seinem Gewissen, was wahrhaftig nicht bedeutet, dass es damit gut wäre. Die Geschichte lehrt uns eindringlichst, wie leicht man immer tiefer und tiefer in Abgründe abrutschen kann, bis man am Ende nicht mehr herauskommt. Vor allem: Man merkt es kaum, mehr als ein leichtes Unwohlsein ist da nicht. Und ich bilde mir nicht ein, dass ich dagegen immun sein könnte. Es ist allein dieses Wissen, das mir hilft, mich davor zu bewahren.

Hannah Arendt hat mit ihren Überlegungen zur „Banalität des Bösen“ einen regelrechten Sturm der Entrüstung ausgelöst. Sehr zu Unrecht, wie ich finde. Aus eigener Anschauung weiß ich, wie erstaunt man plötzlich schauen kann, wenn man (endlich) realisiert, wo man angekommen ist. Und wie schwer es sein kann, aus dieser Grube wieder herauszukommen. Und das auch noch möglichst ohne Gesichtsverlust. Meine Empfehlung? Ehrlichkeit, ohne wenn und aber.

Aber zurück. Wie kann ich mich davor schützen? Ich glaube, es ist recht einfach, nämlich indem ich nicht versuche, mich hinter einer Maske zu verbergen. Denn das ist genau das, was wir permanent tun, solange wir in der Konvention leben; wir verbergen uns hinter einer Maske, bis es uns ganz selbstverständlich geworden ist und wir nichts Verwerfliches mehr daran finden so zu sein, wie wir doch zu Beginn absolut nicht sein wollten. Der Philosoph Thomas Metzinger hat es in diesem kurzen Text exakt auf den Punkt gebracht: „Beim Denken geht es nicht um schöne Gefühle. Es geht um die bestmögliche Übereinstimmung zwischen Wissen und Meinung; es geht darum, nur evidenzbasierte Überzeugungen zu haben und darum, dass Kognition nicht emotionalen Bedürfnissen dient.

Nach Thomas Metzinger ist intellektuelle Redlichkeit, wie er es nennt, „eine sehr konservative Weise, wirklich subversiv zu sein“, denn sie hat „etwas mit sehr altmodischen Werten wie Anständigkeit, Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit zu tun“. Vor allem aber hat es mit dem Anspruch zu tun, sich nicht selbst zu belügen, was aber nicht bedeutet, dass ich die Absicht hätte, mich oder andere belügen zu wollen. Aber es geht eben nicht um den Vorsatz zu lügen, eher um den tolerierenden Umgang mit Gewohnheiten, die mich letztlich ins Verderben ziehen können. Auch mit sehr, sehr kleinen Schritten ist man in der Lage, große Strecken hinter sich zu bringen.

Entscheidend ist, jedenfalls ist das meine feste Überzeugung, dass es gerade nicht um schöne Gefühle und emotionale Bedürfnisse geht. Darum gehen bei mir auch immer sämtliche Warnleuchten an, wenn Texte oder Gedanken schwärmerisch und mit Herzchen verbrämt daherkommen, und wenn mit süßen Bildchen möglicherweise fehlende Fundiertheit kaschiert wird. Wie also dem begegnen? Satt vieler Worte genügt es hier vielleicht schon, den Fragen von Byron Katie nachzugehen: 

Ist das wahr?
Kannst du dir absolut sicher sein, dass das wahr ist?
Wie reagierst du, wenn du diesen Gedanken glaubst?
Wer wärst du ohne den Gedanken?

Ich sage immer, was ich nicht selbst in meinem eigenen Leben verifiziert habe, fass ich nur mit sehr spitzen Fingern an. Das war leider nicht immer so. Und seit ich dies verstanden habe, verstecke ich mich auch möglichst nicht mehr hinter Zitaten, außer, die Redlichkeit verlangt das. Und wenn ich merke, dass mich ein Text emotional anmacht, dann geht bei mir mittlerweile eine Sirene los, die ganz klar signalisiert: Sei bloß auf der Hut!

Auf der Hut vor mir selbst sein, ja, darum geht es.