Ist das so?

Viele glauben ja an Theorien, Konzepte und Methoden. Auch Wege und Ebenen sind sehr beliebt, weil sie einen so sicher zum Ziel zu führen scheinen. Aber tun sie das wirklich? Ich persönlich habe mittlerweile die Erfahrung gemacht, dass es vielleicht ganz anders ist. Solange man nach einem Weg sucht, stecken man irgendwie in einer Zeitschleife fest. Jedenfalls habe ich im Nachhinein das Gefühl, dass es irgendwie schon immer so war. Erkenntnis dämmert einem zwar vorher, als würde sie irgendwo lauern, aber wenn sie da ist, dann ist das wie bei dem Lied der Zipfelbuben. 1000 mal berührt … und dann passiert es eben doch. Einfach so. Es macht einfach „Zoom“. Ohne Vorwarnung. Folge ich jedoch einem Weg, schaue ich auf die Umsetzung und nicht auf die Erkenntnis.

Also noch einmal zurück auf Anfang. Was hat Krishnamurti nur mit dem Satz gemeint, das die Wahrheit ein pfadloses Land sei? Ich denke, dass er damit gerade nicht ausdrücken wollte, dass es einen Weg der Erkenntnis gibt, sondern genau das Gegenteil. Was allen methodischen Wegen widerspricht. Es gibt keinen Weg zur Erkenntnis, es gibt nur Erkenntnis. Man darf nicht vergessen, dass sich auch die Zen-Menschen nie so wirklich einig sind. Man denke nur an die Geschichte von Hui-Neng, als er die Robe vom fünften Patriarchen bekam. Mit seinem Text

Im Grund gibt es keinen Bodhi-Baum
Da ist kein klarer Spiegel auf einem Gestell
Im Ursprung ist da kein Ding
Worauf soll sich Staub legen.

stach er seinen Kontrahenten und dessen Text

Der Leib ist der Bodhi-Baum
Der Geist ist wie ein klarer stehender Spiegel
Poliere ihn allzeit mit Eifer
Lass keinen Staub daran haften 

glatt aus. Doch warum? Weil der Text seines Kontrahenten ganz klar noch Vorstellungen enthielt. Hui-Neng gilt als Begründer der Südlichen Schule des Chan, die auch die Schule der plötzlichen Erleuchtung genannt wird. Das glaube ich mittlerweile auch so, dass also Erleuchtung unmittelbar erlangt oder wie man das „Etwas-Begreifen“ nennen mag. Bevor ich etwas erkenne, habe ich ein Gefühl im Kopf, als säße ich auf dem Klo und hätte eine ordentliche Verstopfung. Aber mit einem Mal ist es dann da. Also die Erkenntnis.

Nur, warum ist das so? Wir Menschen, also ich auf jeden Fall, zumindest früher, wollte immer ganz genau wissen, wenn ich wo hinwill, wie ich da auch hinkomme. Nur stimmt das für mich persönlich nicht mehr. Seit geraumer Zeit komme ich ohne Navi nirgendwo mehr an. Also bis in den nächsten Ort, das schaffe ich schon, Aber wie ich zu dieser oder jener Kneipe komme – keine Chance. Und im Urlaub stelle ich immer wieder ein wenig erstaunt fest, dass ich da schon mal war. Irgendwie ist es immer neu. Kommt vielleicht daher, dass ich immer weniger auf Sicherheit und Ordnung in meinem gedanklichen Leben baue. Wer weiß?

Also ist die Frage, wie ich meine Vorgehensweise ändern sollte oder auch muss. Ich darf einfach nichts werden wollen. Einfach nur sein, was ich bin. Ich muss mich immer fragen, was ich bin, aber nicht, was ich werden will. Oder was Gewahrsein ist und nicht, wie ich gewahr werde. Auch zu fragen „Gibt es eine unbewusste Vernunft?“ Ist genau eine der Fragen, die ich lieber lassen sollte, denn sie führt mich direkt in das Land der Spekulation. Es ist nämlich vollkommen egal, ob es sie gibt oder nicht, denn ich werde mich immer gleich verhalten. Also frage ich mich nicht, was Bewusstsein ist, sondern ergründe es. Dann komme ich schon auf die Lösung. Doch Einfach-nur-sein-der-ich-bin braucht ein Höchstmaß an Konzentration und Achtsamkeit. Aber das kann ich nur sein, es gibt keinen Weg dorthin. Klingt echt frustrierend, ist es aber nicht, wenn man sich einmal darauf einlässt. Mit der Zeit merkt man, dass es wirklich ganz anders ist.

Obwohl, man begreift es nicht, man merkt es allenfalls.