Ist Lebenskunst gleich Kochkunst?

Das kommt einem erst einmal verrückt vor, aber irgendwie ist es genau so. Darauf kam ich, als sich meine Frau und ich über die Kochkünste unserer Schwägerin unterhielten. Die ist recht begeistert von dem, was es bei uns so an Geburtstagen zu essen gibt. Sie möchte dann immer das Rezept, um es nachzukochen, doch ihren eigenen Angaben zufolge gelingt ihr das nicht. Bei ihr schmecke es immer anders, sagt sie. Eine, wie ich finde, gute Gelegenheit einmal genau zu untersuchen, woran das liegen mag.

Ein Rezept ist eine klassische wenn-dann Anweisung, ganz logisch und Schritt für Schritt aufgebaut. Doch so mechanisch wie das Rezept ist eben das Kochen  selbst nicht. Dieser Prozess folgt ganz anderen Spielregeln, nämlich komplexen. Man weiß zu Beginn nie wirklich, was am Ende herauskommt. Die Vorstellung, mit der ich anfange, ist meist etwas anderes als das, was dann auf dem Tisch steht. Ich bin immer gespannt, ob das Essen, das ich gekocht habe, auch so schmeckt, wie ich es mir zu Beginn vorgestellt hatte. Meine Vorstellung zu Beginn ist ein sehr wichtiger Faktor in dem Kochprozess. Je klarer die nämlich ist, desto genauer komme ich da auch hin, schmeckt das Essen so, wie ich es gerne hätte.

Aber ich möchte noch einen Schritt zurück gehen. Warum koche ich, was ich koche? Unsere Schwägerin kocht keineswegs schlecht, nur eben ganz anders. Ich koche eher italienisch, sie kocht fränkisch. Und genau deswegen hat sie Schwierigkeiten mit „meiner“ Küche – und ich kann nur mäßig fränkisch kochen. Das habe ich einfach nicht drauf. Aber warum nicht? Vielleicht einfach deshalb nicht, weil es nicht meinem Lebensgefühl entspricht. Jedenfalls nicht, was das Essen betrifft. Sie ist in Franken aufgewachsen und hat das so gelernt, genauer sie hat die Lebensart ihrer Eltern übernommen. Das aber habe ich nicht, meine Mutter hat ganz anders gekocht als ich es tue. Warum also koche ich so gerne italienisch? Es ist das Lebensgefühl, das ich damit assoziiere, die Leichtigkeit, die Fröhlichkeit, aber auch die toskanische Landschaft, die mich immer wieder fasziniert.

Es geht also, wie auch im Leben selbst, um drei Dinge. Da ist einmal das nicht wirklich definierbare, sondern allenfalls durch Metaphern zu beschreibende Lebensgefühl, dem ich folge. Dann kommt das Sichtbare, wie meine Küche aussieht, was für einen Herd ich habe, wie ich mich als Koch verhalte, welche Gewürze im Schrank stehen, meine Kochbücher und was im Kühlschrank ist. Damit und dadurch wird idealerweise mein Lebensgefühl sichtbar. Je deutlicher es sichtbar ist, desto deutlicher wird es auch später zu schmecken sein. Danach kommt wieder etwas Unsichtbares, nämlich das Kochen selbst, denn das folgt komplexen und eben keinen mechanischen Regeln. Wenn ich schlecht gelaunt bin, was leider auch mal vorkommt, schmeckt mein Essen genau so.

Nun ist die Frage, wie ich solche Gedanken umsetzen kann, wie ich sie Wirklichkeit werden lassen kann. Dazu ‚bediene’ ich mich der (Zen-) Anweisungen für den Koch. Die Grundidee dabei ist: ‚Was in der Zen-Haltung der Suche nach Vollendung getan wird, gelingt, weil sich Richtiges und Falsches immer weiter auflöst. Und: Der Zen-Weg muss in allem gesehen und gegangen werden, sonst ist es kein Zen-Weg.‘  Damit wird auch zum Ausdruck gebracht, dass es zwischen der Geistes-Haltung eines Menschen und seinem Tun keinen Unterschied geben kann. Daher bringt wesentliches und wahrhaftiges Handeln einen wesentlichen und wahrhaftigen Geist hervor. Und umgekehrt. Alles, was uns begegnet, ist unser Leben, daher sollen wir es in keinem Augenblick und durch keine Handlung vergeuden, die nicht im Einklang mit dem Tao ist. So setzen wir unser Leben in wesentliches Handeln und Sein um. Praxis ist alles, was uns begegnet, weil alles, was uns begegnet unser eigenes Leben ist.

Zum Koch eines Zen-Klosters berufen zu werden war für sie eine Ehre, Anerkennung und Verpflichtung gleichermaßen. Daher war ihnen Halbherzigkeit fremd und sie kamen niemals auf den Gedanken, ihre Aufgabe zu delegieren oder sich vertreten zu lassen. In den Anweisungen für den Zen-Koch heißt es daher auch, dass der Zen-Geist in ihrem Tun stets gegenwärtig sein muss, können sie nur so ein Essen zubereiten, das die Mönche befähigt, Zazen zu praktizieren. Das Essen wurde stets einen Tag zuvor zubereitet. Dabei gingen sie mit den Nahrungsmitteln so gewissenhaft um, als seien es Ihre »Augäpfel«. Es war die Pflicht des Kochs, die Nahrungsmittel so zu behandeln, als seien sie für das Mahl eines Kaisers bestimmt. Was es zu essen gibt und welche Nahrungsmittel verwendet werden sollen, wird stets gemeinsam entschieden. Eigenständige Entscheidungen waren dem Koch nicht gestattet. 

Wegen der Bedeutung der Zubereitung der Lebensmittel ist der Koch auch verpflichtet, jegliche Zubereitung persönlich vorzunehmen, dabei ganz konzentriert und anwesend zu sein. Stets hat der Koch Wert darauf zu legen, alle sechs Geschmacksrichtungen mit den drei »Vorzügen« zu vereinigen (richtiges Kochen, korrektes Anrichten und gut bedachter Geschmack). Insbesondere beim Reinigen der Nahrungsmittel darf nichts verschwendet werden. Es darf auch kein Unterschied gemacht werden zwischen einfachen oder komplexen Dingen, alles ist mit ganzer Sorgfalt und Konzentration zu tun. Gerade bei der Zubereitung von Nahrungsmitteln können die Gesetzmäßigkeiten hervorragend studiert werden. Wer bereit ist, sich auf diese Art zu Kochen einzulassen, wird schnell merken, dass es ‚funktioniert’. Und je länger man das praktiziert, desto weniger muss man auf die Beachtung der Regeln und Prinzipien achten, einfach, weil sie einem immer mehr in Fleisch und Blut übergegangen sind.

Und diese Gedanken suche ich auch auf mein Leben zu übertragen. Vielleicht wird es wirklich zur Lebenskunst, wenn ich es entsprechend organisiert?