Ist mein Selbstverständnis überhaupt stimmig?

Wenn ich mich selbst verstehen will, muss ich erkennen, was mich in meinem Leben geprägt hat. Doch diesen Prägungen liegt eine eindeutige Erkenntnistheorie zugrunde, nämlich meine Sprache.

Und unsere Sprache ist nach einem tradierten Weltbild aufgebaut. Und das entspricht der klassischen Physik. In unserer Sprache und damit leider auch in meinem Denken finden sich die identischen Strukturen und Annahmen wieder. Und genau das ist das Problem. Die Physik vermittelte bisher den Eindruck, das Universum sei klar berechenbar und die darin stattfindenden Prozesse seien eindeutig und vorhersagbar strukturiert. Seit wir jedoch über die Erkenntnisse der Quantenphysiker verfügen, hat sich dieses Bild drastisch gewandelt. Weder wissen wir was das Universum im Großen ist und auch nicht, was es im Kleinen ist.

Wirklichkeit lässt sich nur beschreiben

Die „moderne“ Physik hingegen hat klar festgestellt, dass es nicht so einfach und vor allem nicht so logisch ist, wie wir immer dachten. Die Naturgesetze lassen sich eben nicht definieren, sondern es sind keine feststehenden Gesetze mehr, sondern Beschreibungen der Wirklichkeit. Aber nicht nur das, die Physiker haben auch erkannt, dass der Beobachter durch seine Beobachtung beeinflusst, was passiert. Schauen wir etwas genau an, nimmt es sozusagen Haltung an, schauen wir es aber nicht mehr an, löst es sich in einen diffusen Raum von Möglichkeiten auf. Das ist für mich als Otto Normalmensch die vielleicht interessanteste Erkenntnis.

Unabhängig davon, dass jeder Mensch die Dinge sieht, wie er sie eben sieht, gestalten wir die Realität durch das, worauf unser Aufmerksamkeit gerichtet ist. Wie und in welchem Umfang wir das machen, wissen wir nicht, aber wir tun es. Doch das bedeutet nicht, dass wir es auch wahrnehmen könnten, denn die Realität können wir nicht wahrnehmen, sondern nur die für uns erfahrbare Wirklichkeit. Diesen persönlichen Raum können wir nur dadurch verlassen, wenn wir nichts mehr wollen, nicht mehr urteilen, nicht mehr beurteilen und die Vorstellung eines Ich im Schrank ganz hintern verräumt haben.

Wissen, was wir nicht wissen können

Unser Wissen ist nicht nur begrenzt, wir können vieles einfach nie wissen. Heisenberg hat es Unschärferelation genannt. Und die Logik, von der wir bisher ausgehen konnten, gilt in dem Universum eben nicht – und wir sollten wirklich nicht denken, sie gelte nur in der Physik nicht, nein, sie gilt überhaupt nicht. Das liegt an dem bei der Theoriebildung ausgeschlossenen Dritten, denn er bildet ja die Theorie, aber durch die Theoriebildung beobachtet er. 

Demnach kann eine Anzahl an Einsichten allgemeiner Relevanz und Bedeutung für mein Verständnis von der Wirklichkeit der Quantentheorie entnommen werden. Die eine ist, dass es keine universale Rationalität gibt. Die Aristotelische Logik gilt ganz offensichtlich nicht absolut. Das andere ist, dass es auch keine universale Epistemologie gibt. Jeder Versuch, die Quantenwelt mit klassischer Klarheit zu erkennen, wird fehlschlagen. Wir haben also ein ernsthaftes Erkenntnisproblem.

Wir sehen das Universum, die Welt und uns selbst ganz offensichtlich nur sehr, sehr unscharf. Was nichts anderes bedeutet, dass unser Verständnis auch von uns selbst leider falsch ist. Also sollten wir mal genauer hinschauen. Ich denke nämlich, dass unser Verständnis von der Welt unmittelbaren Einfluss auf die von uns praktizierte Ethik hat.

Hinter das Offensichtliche schauen

Im zwanzigsten Jahrhundert wollten auch die Wissenschaftler hinter das Offensichtliche sehen, sie wollten wissen, was Materie ist. Die Antwort auf die Frage, was sich hinter dem Oberflächlichen verbirgt war irritierend. Es war ? Aus dieser Neugier entstand die Quantenphysik. Quantenphysiker wie Bohr, Pauli, Heisenberg oder Dürr vertraten in ihren Vorträgen und Publikationen weltanschauliche Positionen, die lebensphilosophisch geprägte Motive erkennen lassen.

Damit stellt sich die Frage, inwiefern eine Beschäftigung mit den Erkenntnissen der Quantenphysik Einfluss auf die eigene weltanschauliche Haltung und damit auf das persönliche Verständnis von Ethik hat. Es ist eine Gratwanderung, denn wovon können und wovon müssen wir ausgehen? Ich denke, dass wir uns in einer Sandwich-Position befinden. Von oben und von unten Druck. Wir müssen nämlich davon ausgehen, dass wir die Welt des ganz Großen, also das Oben, nicht präzise beschreiben können, genauso wenig wie die Welt des ganz Kleinen, als das Unten. Nur das Dazwischen lässt sich scheinbar eindeutig definieren. Doch kann ich das Oben und das Unten bei der Betrachtung des Dazwischen vernachlässigen?

Was stimmt jetzt eigentlich?

Das gewohnte, mechanistische Weltbild (Der gesunden Menschenverstand) beschreibt die Welt mit den Prinzipien 1) der Kausalität, der Kette von Ursache und Wirkung, 2) der Lokalität, Dinge wirken nur dann aufeinander ein, wenn sie auf irgendeine Weise miteinander örtlich (lokal) in Berührung kommen und 3) der Chronologie, also Dinge, die kausal voneinander abhängig sind, sind auch zeitlich voneinander abhängig.

Worin besteht nun die Oberflächlichkeit und Beschränktheit dieses mechanistischen Weltbildes? Die Antwort hierauf wird verblüffend offensichtlich, wenn man die Axiome, die grundlegenden Annahmen, von denen dieses Weltbild ausgeht, näher betrachtet: Die Annahme der mechanistischen Kausalität geht von der Autonomie der Teile aus. Die Annahme der mechanistischen Lokalität geht von der Isolation der Teile aus. Die Annahme der mechanistischen Chronologie geht von der Linearität der Teile aus. A, B, C und so weiter bilden nicht nur im Raum, sondern auch in der Zeit eine Linie. 

Bei diesen Formulierungen wird die Oberflächlichkeit und Beschränktheit plötzlich auffallend. Kein Faktor, Objekt oder Lebewesen ist autonom. Die Welt und die gesamte Schöpfung zeigt in jedem ihrer Aspekte einen organischen Aufbau. Alle Teile sind „gleichzeitig“ voneinander abhängig und wachsen gemeinsam. Sie bilden ein organisches Ganzes, und innerhalb dieses Gesamtzusammenhanges hat jeder Teil seine Aufgabe. Versucht man nun – wie wir es tun, wenn wir die Dinge differenziert betrachten – die Teile herauszulösen, um sie als autonome und isolierte Faktoren zu analysieren, bricht man den Gesamtzusammenhang künstlich auf und schafft eine unnatürliche Situation.

Wovon also ausgehen?

Wovon können (oder müssen) wir also ausgehen? Die Wirklichkeit ist nicht eindeutig. Ein Teilchen kann an zwei Orten gleichzeitig sein. Muss aber nicht. Physiker nennen das Superposition. Die zeitliche Reihenfolge von Ursache und Wirkung ist nicht zwingend, was die Frage aufwirft, ob es Zeit überhaupt gibt. So erlebe ich zwar Bewegung, aber ohne Zeitgefühl. Je genauer wir hinschauen, desto weniger können wir etwas konkret feststellen.

Und mit dieser Feststellung verabschiedet sich mein Selbstverständnis und zeiht leise jammernd die Decke über den Kopf. Aber egal. Ich sitze trotzdem noch hier, auch ohne bekanntes Selbstverständnis. Eigentlich kenne ich das ja. Habe ich schon oft erlebt. Als ich in die Schule kam. Dann, als ich in ein Internat ging. Und so ging es weiter, mit dem Studium, dem Beruf, den Kindern, die zweite Ehe, die Rente. Immer wieder komplette Herausforderungen für mein Selbstverständnis. Zeit, mich neu zu orientieren. Warum also nicht auch jetzt! Nur bitte mit einem anderen Sprachverständnis. Gott sei Dank sind mir die Gedanken der radikalen Konstruktivisten nicht fremd. Das macht es definitiv leichter.

Also auf und an die Arbeit!