Jenseits jeglicher Vorstellung

Was „macht“ es mit mir, wenn ich die Dinge nicht mehr verstehe, mit denen ich aber tagtäglich umgehe? Ganz einfach: Ich blende das, was ich nicht verstehe, aus. Als Jugendlicher habe ich meine Autos noch selbst repariert, heute weiß ich nicht einmal mehr, wie die so genau funktionieren. Warum eine Glühlampe leuchtet konnte ich mir vorstellen, aber die heutigen Glühmittel? Keine Ahnung, aber sie leuchten.

Alles funktionierte wunderbar verständlich und erklärbar. Jedenfalls meistens. Und wenn man wie ich mit Technik und ein bisschen Physik wie auch mit Logik umgehen kann, war das Leben irgendwie leicht. Doch wie ist es heute? Sehr, sehr viele technische Dinge verstehe ich immer weniger. Also wende ich sie an, ohne dass ich wüsste, was da so im Hintergrund passiert. Ich muss mich immer mehr auf immer kleinere Gebiete konzentrieren, wenn ich etwas wirklich verstehen will. Aber das große Ganze verstehen? Keine Chance.

Ist mir bewusst, dass ich vieles nicht verstehe?

Und genau so, wie ich die Technik verstand, verstand ich auch die oder den Menschen. Es gab eine Menge psychologische Modelle, die menschliches Verhalten verständlich erklärten. Und das ist auch so geblieben. Das Problem ist nur, dass menschliches Verhalten schon damals nicht mit Modellen erklärbar war. Die Fehlerquote hat man jedoch einfach hingenommen, beziehungsweise ignoriert. Schließlich war das Leben ja auch einigermaßen erträglich. Wer sich nicht an die Konvention anpassen wollte und auch nicht bereit war, ordentlich zu funktionieren, der wurde eben ganz einfach ausgeschlossen. Da sich alles in meist kleinräumigen Strukturen abspielte und kaum jemand so wirklich wusste, was in der Welt so alles geschah, passte man regelrecht aufeinander auf, damit niemand aus dem Ruder lief. Man hatte ja sonst auch nichts, worüber man sich hätte aufregen konnte. Ich kenne das noch gut aus meiner Jugend. Der Spruch „Unter den TalarenMuff von 1000 Jahren“ war ja nicht von der Hand zu weisen.

Doch die Zeiten haben sich nicht nur wegen der 68er Bewegung, sondern vor allem aufgrund der Veränderung in den räumlichen Strukturen der Wirtschaft gewaltig geändert. Wirtschaftliches Handeln geschah nun nicht mehr nur regional und auch nicht mehr nur national, sondern geschah zunehmend global. Auch die bisherigen gesellschaftlichen Strukturen sind damit mit aufgebrochen, das Denken der meisten Menschen aber ist gleich geblieben. An der Sprache lässt sich sehr leicht ablesen, dass vielfach immer noch wie vor langer Zeit gedacht wird. Aber was hat das alles mit Wirtschaft zu tun? In der Zeit um 1950 kannte man sich mit der Technik noch einigermaßen aus, man verstand sie ziemlich gut. Und in den Zeiten des Wirtschaftswunders bestand auch ein großes Interesse an technischem Fortschritt, man war stolz darauf. Und für die psychischen Probleme, mit denen Menschen zu tun hatten, fand man auch jede Menge Modelle.

Man darf einfach nicht so genau hinschauen

Aber darin steckte ein gravierendes Problem, denn psychisch gesund waren vermeintlich die, die gut angepasst waren – und zwar an die Konvention. Die aber ist höflich, unauthentisch, langweilig, steril und unproduktiv. Es hatte schon seinen Grund, warum Erich Fromm in den 70er Jahren es so formulierte: „Die Normalen sind die Kränkesten und die Kranken die Gesündesten.“ Nur haben scheinbar wenige wirklich auf ihn gehört. Es war in dieser Zeit regelrecht Kult, Fromm zu lesen. Ich habe zwar immer gesagt, dass ich ihn wohl nicht begriffen hätte, richtiger und ehrlicher ist aber wohl, dass ich seine Gedanken schlicht ignoriert und schnell wieder ausgeblendet hatte. Ich hatte mich zwar gegen das gesellschaftliche System gestellt, nicht aber gegen das wirtschaftliche. Und je mehr ich durch meinen Beruf in das wirtschaftliche System eingebunden wurde, desto mehr verfing ich mich auch wieder in den gesellschaftlichen Strukturen und passte mich brav der Konvention an. Ich wollte ja was werden, und das ging eben nicht außerhalb der Konvention.

Wenn ich die politische Situation betrachte, in der BRD, in Europa und in der Welt, dann stelle ich für mich fest, dass die Menschen die mit den wirtschaftlichen „Notwendigkeiten“ einhergehenden Zwänge immer weniger zu tolerieren bereit sind. Sie spüren, dass sie die Technik nicht mehr verstehen, dass sie Gefangene der von ihnen selbst geschaffenen Strukturen geworden sind. Und sie wissen nicht, wie sie da wieder heraus kommen können. Die Welt ist ihnen zu kompliziert geworden. Da passt es absolut ins Bild, was ich gerade (Dezember 2019) in der NZZ gelesen habe: „In einer unübersichtlich gewordenen Welt boomen einfache Rezepte wie Milchreis und Gebrannte Creme.“

Die Sehnsucht, das Komplizierte hinter sich zu lassen

Es wundert nicht, dass Menschen, denen die Anforderungen des alltäglichen Lebens über den Kopf wachsen, ein Gegengewicht in der Einfachheit suchen. Einfachheit, auch Schlichtheit, ist ein Zustand, der sich dadurch auszeichnet, dass nur wenige Faktoren zu seinem Entstehen oder Bestehen beitragen sowie dadurch, dass das Zusammenspiel dieser Faktoren durch nur wenige Regeln beschrieben werden kann. Weil Einfachheit das Gegenteil von Kompliziertheit ist, ist sie zunehmend beliebt. Und hier schließt sich scheinbar der Kreis: Ich blende das, was ich nicht verstehe, einfach aus. Doch ist das Problem damit auch gelöst? Das denke ich nämlich nicht! Ein Beispiel: Habe ich ein Problem mit meinem Gewicht bekomme ich das schnell in den Griff, wenn für mich nur noch wenig Essbares erreichbar ist. Oder ich mache öfters eine Diät, auch wenn ich weiß (aber mir nicht implizit bewusst bin), dass das nur kurzfristig helfen wird. Denn ich darf Symptom und Ursache nicht verwechseln. Dass ich zu viel esse ist nur ein Symptom, die Ursache aber ist ein ganz anderes psychisches Problem.

Was ich damit sagen will: Einfachheit ist fraglos sinnvoll, aber sie alleine löst das eigentliche Problem nicht, vielmehr kaschiert sie es nur. Also wende ich mich dem tatsächlichen Problem zu, nämlich der Komplexität des modernen wirtschaftlichen Handelns. Und da spielen zwei Dinge eine Rolle, einmal die Technik und zum anderen das System. Die Technik zu verstehen bedeutet sie gerade nicht mehr als kompliziert anzusehen, sondern als komplex. Wir sagen zwar immer noch Technik dazu, doch es ist eine ganz andere Art von Technik, mit der wir heute ganz selbstverständlich arbeiten. Diese Technik funktioniert zunehmend nach ganz anderen Prinzipien als sie noch vor 50 oder 60 Jahren funktionierte. Ein Paradigmenwechsel hat, für viele unbemerkt, stattgefunden. Wir nutzen heute nicht mehr nur die Erkenntnisse der Physik, wie Isaac Newton sie beschrieben hat, sondern wir nutzen auch die Erkenntnisse der Quantenmechanik. Und das immer mehr. Nur, wie gesagt, wenigen ist das auch bewusst.

Mit Paradoxien können wir schlecht umgehen

Die technischen Modelle haben sich geändert. Aber eins ist geblieben, das sind nämlich die Modelle, die menschliches Verhalten nicht nur beschreiben, sondern auch zu definieren suchen. Und die funktionieren nach wie vor nur im Rahmen der Konvention. Werden konventionelle Verhaltensstrukturen jedoch aufgebrochen, brechen auch die bislang unter dem Deckmantel der Konvention gehaltenen individuellen Probleme hervor. Was also tun, sprach Zeus. Kürzlich habe ich einen Beitrag über eine Konfliktlösung gesehen, die so ganz anders ist, als man bisher gewohnt ist, zu denken. Und das Komische daran: Es funktionierte auch noch. Ein klarer Fall dafür, dass unsere gewohnten Konfliktlösungsstrategien nicht wirklich funktionieren. Ein guter Grund, einmal über Gewohntes nachzudenken.

Ein einfaches Beispiel, um das zu verdeutlichen. A und B sind freundlich und höflich zu anderen Menschen. Wer würde dem widersprechen wollen? Niemand! Man würde auch kaum einen Unterschied bemerken. Doch die Motivation dahinter kann sehr unterschiedlich sein. A ist so, weil man das so macht, weil es sich gehört. Kinderstube eben. B hingegen tut es aus einem ganz anderen Grund, nämlich weil er den Kategorischen Imperativ von Kant richtig findet. A ist freundlich und höflich, wenn es ihm etwas bringt; B ist es, weil es seine innere Haltung ist. Und so ist es auch mit der Einfachheit. Dem einen ist das Viele einfach zu viel, der andere nutzt die Einfachheit, um seine innere Haltung damit zum Ausdruck zu bringen. Der eine lebt um seiner selbst willen einfach, der andere ist einfach einfach, es ist seine Natur. Letzteres ist die Voraussetzung, um erkennen zu können, dass menschliches Verhalten sich nicht mit Modellen erklären lässt, da Menschen, die sich nicht an die Konvention halten, aber trotzdem nach ethischen Prinzipien leben, die Komplexität der eigenen Natur erkannt haben. Ganz im Gegensatz zu dem, der nur die Konvention kennt, mit der er die Probleme seiner eigenen Natur unterdrückt. Der eine ist ganz einfach höflich, der andere muss sich disziplinieren.

Bereit sein, anders zu denken

Es ist ein Unterscheid in dem eigenen wie dem Verständnis des Menschen überhaupt. Der eine sieht sich als normal an und hält manche Menschen für kompliziert, der andere sieht nicht nur das eigene Verhalten, sondern das Verhalten eines jeden Menschen als komplex an. Warum aber ist es so schwierig, die Menschen einfach als komplex anzusehen? Ganz einfach, weil die Wenigsten die dafür erforderliche Logik des Tetralemma beherrschen. Gut, aber was hat das mit Technik zu tun? Sehr, sehr viel! Unsere moderne Technik basiert nämlich nicht nur auf der klassischen Physik, sondern vielfach auch auf quantenmechanischen Prozessen, und das vermehrt. Was aber viele noch nicht erkannt haben ist, dass man mit dem quantenmechanischen Denken auch menschliches Verhalten sehr gut erklären kann. Etwa die paradoxe Konfliktlösungsstrategie, die ich oben erwähnt habe.

Wenn mehr Menschen bereit wären, sich auf dieses „neue“ Denken einzulassen und sich damit zu beschäftigen, wären nicht nur unsere alltäglichen technischen Probleme besser lösbar, sondern auch deren Umsetzung. Wenn jemand keine Leber mag, wird er sie noch weniger mögen, wenn man ihm vorschwärmt, wie toll Leber schmeckt. Und genau das ist der Grund, warum so viele nach der Politik und nach Gesetzen rufen: Weil noch die Mehrheit nicht einsieht, dass es notwendig ist, etwas zu tun. In Brasilien brennt sozusagen die Lunge der Erde. Glauben Sie ernsthaft, dass jemand von denen, die das Feuer gelegt haben, sich davon abbringen lassen, wenn man ihnen erklärt, wie bescheuert das ist? Nein, man geht auf ihre Interessen und Bedürfnisse ein und bringt sie so dazu, darüber nachzudenken. Damit wäre fraglos etwas gewonnen.

Der Beginn einer neuen Vorstellung von der Welt. Und vielleicht der Beginn eines besseren Verständnisses nicht nur von der Welt, sondern auch von uns selbst. Man darf nicht vergessen, dass man mit dem Denken, das einem ein Problem eingebrockt hat, nicht wieder herauskommen kann. Man muss bereit sein, einen Paradigmenwechsel im Denken einzuleiten. Denn auch viele technische Probleme haben ihre wirkliche Ursache im Denken. Und diese Ursache hat scheinbar mit dem Symptom ganz oft nichts zu tun. Aber eben nur scheinbar. Und, jedenfalls ist das meine Überzeugung, das spüren viele Menschen, dass etwas ganz grundsätzlich nicht stimmt. Jedenfalls bedeutet anders zu denken ganz andere Zusammenhänge und auch andere Dynamiken zu erkennen.

Also dann: Denken wir eben anders!

Wo das bisherige Denken eindeutig erschien, erscheint es nun vieldeutig; wo es bisher klare Wenn-dann-Beziehungen gab, gibt es nun offene, nicht eindeutige Möglichkeitsräume, wo die Dinge bisher klar definierbar waren, sind sie nur noch beschreibbar und ändern sich mit der Beobachtung; Zustände, die sich bisher vermeintlich ausgeschlossen haben, sind doch gleichzeitig möglich; was bisher für unmöglich gehalten war, ist es tatsächlich nicht. Mit anderen Worten: Wir können die Welt und auch uns besser wahrnehmen und verstehen. Es ist keine Frage, dass das neue Denken unsere bisherigen Vorstellungen wesentlich erweitert. Man muss nur damit beginnen, die bisherige Logik mit der Logik des Tetralemma zu ergänzen. Was natürlich gedankliche Klarheit erfordert, will man nicht in den Mystizismus abdriften. Wie sagt doch Niels Bohr? „Wirklichkeit ist das, was wir daraus machen. Nichts gegebenes, nichts vorhandenes.“ Warum also leben wir immer noch in einer Welt des Materialismus, in einer Welt, die Messbarkeit mit Wirklichkeit und scheinbar objektive Tatsachen mit Wahrheit verwechselt? Machen wir uns also auf in eine neue Welt des Denkens. Das Fazit (Der Text ist dem Buch von Nathalie Knapp entnommen):

Unsere Welt ist in einem verheerenden Zustand, jedenfalls aus Sicht des Menschen. Die Natur hat in der Geschichte der Welt schon immer Katastrophen überstanden, doch wie diese ausgehen könnte, mag man sich nicht ausmalen. Aber, man kann etwas tun: Sie, ich, wir.

Albert Einstein hat einen wichtigen (und völlig unwidersprochenen) Gedanken geprägt: Mit dem Denken, durch das man sich in ein Problem manövriert, kommt man nicht wieder heraus. Dazu muss man grundsätzlicher denken. Die Denkstrukturen, die uns heute zur Verfügung stehen, sind im 16. und 17. Jahrhundert entstanden. Doch mit der Entdeckung der Quantenphysik zu Beginn des 20. Jahrhunderts hätte eine Erweiterung unserer Denkstrukturen einhergehen müssen, eine Evolution unseres Denkens.

Doch das ist bis heute nicht erfolgt. Wir leben geistig in einer Welt, die es schon lange nicht mehr gibt. Doch wenn wir gemeinsam einen globalen Bewusstseinswandel vollziehen wollen, müssen wir zunächst verstehen, wie unser Denken die Welt, in der wir leben, beeinflusst. Die Frage ist also: Was verstehen wir unter Wirklichkeit? Was ist ein Weltbild? Und wie denken wir überhaupt?

Sobald wir unserer lebendigen Welt lebendig denkend begegnen können, werden sich auch die ersehnten Lösungsmöglichkeiten zeigen, für uns selbst und für die Welt, in der wir leben.

Damit wird das bisher nicht Vorstellbare wieder vorstellbar, weil denkbar. Wie das geht, anders zu denken, darüber sollte man endlich miteinander reden.