Kann man ein Denken beurteilen, das man nicht kennt?

Ganz einfach, man denkt darüber nach. Könnte man denken. Aber es ist wie bei dem Rechtssystem, das in seinen Anfängen nur eine dienende Funktion hatte. Bei den Römern war es noch Sitte, dass sich die Menschen einigten, was sie zusammen machen wollten, dann riefen sie den Juristen, dass er ihnen das in trockene Tücher brachte. Heute hat sich das Rechtssystem zu etwas Eigenständigem, quasi aus sich selbst heraus Existierendem entwickelt, dem sich die Menschen regelrecht unterwerfen.

Und das ist mit vielen Dingen so, mit der Wirtschaft, der Politik, dem Gesundheitssystem und so weiter und so fort. Angefangen hat es wohl damit, dass der Mensch irgendwann selbst hat, etwas von allem anderen getrenntes und aus sich selbst heraus existierendes Ich zu sein. Und damit hat er auch seinem Denken in seiner Vorstellung zu einer eigenen Existenz verholfen. Er meint, sein Denken wäre umfassend und er könne damit alles verstehen. Was er aber nicht kann, schon die Weisen der alten Griechen waren daher die Ansicht, dass das Wissen um das eigene Nichtwissen die Basiskunst der Weisheit sei. Und weil ich auch ein Mensch bin, der in diese Gesellschaft hineingeboren und in ihr aufgewachsen ist, ist das auch mein Problem.

Es liegt ja auf der Hand, dass, sehe ich mich selbst als etwas aus mir selbst heraus Existierendes an, ich auch mein Denken als etwas Abgeschlossenes ansehe, ich also alles denken kann, wenn ich es nur ordentlich lerne. Das Denken an sich aber muss ich nicht lernen, das kann ich ja. Glaubte ich jedenfalls. Das erinnert mich gewaltig an meine Schulzeit, da hat man versucht, mir jede Menge Wissen einzutrichtern, aber zu denken hat mir niemand beigebracht. Auch über Erkenntnistheorien habe ich einiges gelernt, aber nicht, dass es sich dabei nicht um Wissen handelt, sondern um das Denken an sich, seine Struktur.

Also kann ich mir unbekanntes Denken nicht beurteilen, es sei denn natürlich, ich kann es selbst schon denken. Denken ist eine Erkenntnistheorie ein Werkzeug, das ich nur benutzen kann, wenn ich zum einen eines habe und es zum anderen auch sinnvoll einsetzen kann. Dass ich einen Schraubendreher besitze heißt ja noch lange nicht, dass ich gut damit umgehen könnte. Das ist etwas ganz anderes als etwa Kochen. Man fängt bei null an und steigert sich dann allmählich. Doch ob man ein guter Koch ist und auch, was oder wie man kocht ist damit nicht beantwortet. Ein anderer kann jedoch beurteilen, ob es gut schmeckt oder nicht und wie es angerichtet ist. Denn für ihn ist nicht das Kochen entscheidend, sondern der Geschmackssinn. Und der ist schon vorher vorhanden, angeboren.

Doch beim Denken ist es etwas diffiziler. Denn es gibt zwei Arten des Denkens. Das eine ist das natürliche Denken, das wir Menschen genauso wie Tiere, Pflanzen und, zwar schwer vorstellbar, aber es ist wohl so, auch anorganische Substanzen haben. Alles verfügt über eine natürliche Intelligenz oder hat einen Zugang dazu, eine Intelligenz, die sie aber vollkommen unterschiedlich organisieren. Ich frage mich ja schon lange, woher Vögel soviel über Thermik und Fische so genau wissen, wie sie ihre Schuppen strömungsgünstig anordnen, dass selbst wir Menschen etwas davon lernen können. Das alles ein Ergebnis des Systems von Try and Error der Evolution anzusehen, halte ich für problematisch. Da steckt etwas anderes dahinter, was aber wissen wir nicht. Also ich jedenfalls weiß es nicht.

Und genau um dieses natürliche oder implizite Denken, das mir nicht bewusst ist, geht es auch im Chan. Die sprechen dann von Denken durch Nicht-Denken, der Basis des Handelns durch Nicht-Handeln. Dieses implizite Denken braucht man aber nicht zu lernen, man kann es auch überhaupt nicht lernen, sondern man muss nur das bewusste Verstandes-Denken aus dem Weg räumen. Und dieses implizite, nicht-bewusste Denken kann man auch nicht beurteilen, wohl aber das explizite Verstandes-Denken. Genauso wie eine Erkenntnistheorie, denn das ist gleichfalls explizites und eben kein implizites Denken. Doch die Erkenntnistheorie ist die Grundlage für das Verstandesdenken. „Verwende“ ich eine andere Erkenntnistheorie, also ein anderes Denksystem, ändert sich mein Verstandes-Denken insgesamt.

Eine Hürde aber ist noch zu nehmen. Denn ob sich ein anderes Denksystem gut oder schlecht anfühlt ist nur der Hinweis darauf, dass man es noch mit dem alten Denksystem bewertet, denn Emotionen sind, leider oft verkannt, eine Denkleistung. Ärgere ich mich Beispielsweise über das, was jemand sagt, dann ist das ein Hinweis auf meine Erkenntnistheorie, nach der der andere mich verletzen kann. Doch wenn meine Erkenntnistheorie besagt, dass der andere mich gedanklich ja gar nicht verletzen kann, also nur ich mich selbst, weil er nicht das tut, was ich von ihm erwarte, dann ärgere ich mich nicht über ihn, allenfalls über mich selbst.

Fazit: Eine Erkenntnistheorie kann man erst beurteilen, wenn man sie selbst verifiziert hat und nicht etwa, wenn man denkt, dass man sie verstanden hätte. Viele denken ja, es genüge etwas zu verstehen. Doch was kann ich überhaupt verstehen? Mechanische Vorgänge und Prozesse kann ich selbstverständlich verstehen, selbst wenn ich sie nicht beherrsche. Beim Motorradfahren war mir vollkommen klar, was mir der Kammsche Kreis sagen will, wie ich fahren sollte. Wie gesagt, verstanden hatte ich es dank meiner Physikkenntnisse schnell, doch ich konnte es lange nicht umsetzen. Das ging nur allmählich und recht langsam. Ganz einfach deshalb, weil ich kein mechanisches, sondern ein lebendiges System bin.

Ein lebendiges System braucht ein ganz anderes Denken als ein mechanisches; ein Denken, das man nicht erklären und auch nicht verstehen beziehungsweise begreifen kann, sondern nur erleben. Es ist implizites Denken, genauer ein Denken durch Nicht-Denken, das sich dem Verstandes-Denken vollkommen entzieht. Und wenn ich einen lebendigen Sachverhalt mit einem mechanistischen Denken erklären oder verstehen will, wird das eben nicht funktionieren.

Verstandes-Denken kann ich also beurteilen, Denken durch Nicht-Denken aber nicht. Und davor sollte ich mich auch hüten, denn es ist stimmiges, natürliches Denken. Krishnamurti unterscheidet zwischen Gehirn und Geist. Das Gehirn mit seinem Verstandesdenken kann konditioniert sein, nicht aber der Geist, das ursprüngliche, natürliche Denken. Und Bewertungen sind nichts anderes, als der Ausdruck einer Konditionierung. Doch ich muss mich hüten zu glauben, ich könnte schlauer als natürliches Denken sein.

Davor kann ich nur meinen Hut ziehen.