Kontrollverlust

Das ist, was viele Menschen gerade mehr oder weniger, direkt oder indirekt beschäftigt. Doch wie kann man einem Kontrollverlust begegnen? Ich denke, es gibt zwei wesentliche Strategien, die vielfach genutzt werden: Einmal, indem man andere für die aktuelle Situation verantwortlich macht und möglichst schnell den früheren Status Quo wiederherzustellen sucht, zum anderen indem man Regeln relativ kritiklos und fast unterwürfig akzeptiert – mit dem gleichen Ziel der Wiederherstellung des Status Quo.

Zwei Wege, ein Ziel. Doch die jeweiligen Protagonisten bekämpfen sich manchmal bis auf‘s Blut, einfach weil sie nicht bemerken, dass sie das Gleiche umtreibt. Dabei müssten sie sich nur einmal darüber unterhalten, was sie eigentlich mit ihren Aktionen bezwecken, dann kämen sie schnell darauf, dass es ihnen um das Gleiche geht.

Also einfach einmal locker lassen? Schwierig. Denn das geht gegen das Bedürfnis vieler, vorher zu wissen, was hinterher passiert. Was zwar vollkommen unrealistisch ist, aber so denken viele. Und sind dann frustriert, wenn es nicht so läuft, wie sie sich das vorstellen. Dabei würde gerade in der Aufgabe der Kontrolle die Chance liegen, sich weiter zu entwicklen. Festhalten am Gewohnten ist sicher nicht sonderlich hilfreich. Die Welt und auch die Gesellschaft sind nun einmal nicht kompliziert, sondern einfach „nur“ komplex. Doch diese Komplexität muss man auch verstehen wollen.

Das Interessante ist, dass viele ja lieber die Kontrolle (obwohl „Kontrolle“ nicht das ganz richtige Wort ist) freiwillig aufgeben, die sie tatsächlich haben, um eine andere vermeintliche (!) Kontrolle nicht zu verlieren. Da wird ein Messanger benutzt, der – übrigens auch noch allgemein bekannt, nur gut verdrängt – alles, was über ihn läuft, an Firmen weitergibt. Dabei wäre es eine praktische Art der Kontrolle, indem man einfach nichts mehr macht, was einem schaden könnte, wenn es dafür Alternativen gibt. Ganze einfach. Doch weil sie das wahrscheinlich nicht spüren oder es sich nicht vorstellen können wollen, behalten sie diesen Messenger lieber. Warum? Weil alle es auch tun.

Ich finde das immer so witzig, wenn sich diese Menschen dann darüber aufregen, dass viele Firmen immer mehr und mehr Daten hortet. Dabei bräuchten sie  die eigenen einfach nicht mehr freiwillig weitergeben. Ich frage dann immer. Ganz unschuldig, welchen Messenger sie eigentlich benutzen. Fazit: Viele verhalten sich wie Schafe und folgen einem imaginären Leithammel. Der heißt: „Ich will dabei sein!“ Dabei wäre alles so einfach: Wenn keiner mehr hingeht, fällt die Party eben aus, aber nicht komplett, sondern sie findet einfach wo anders statt.

Irgendwie hat sich noch nicht herumgesprochen, dass niemand Macht über einen hat, wenn man nicht mitmacht. Aber das ist letztlich nur die Symptom-Behandlung. Denn die wirkliche Ursache zu behandeln ist total einfach, auch wenn es scheinbar Überwindung kostet: Komplexe Systeme lassen sich einfach nicht kontrollieren. Versucht man es trotzdem, wird es problematisch. Doch wenn man die Kontrolle aufgibt, kann es sich entwickeln. Das setzt natürlich ein spezifisches Verhalten voraus.

Nämlich die Dinge zu akzeptieren, wie sie nun einmal sind. Das – und nicht etwa, sie kontrollieren zu wollen – ist die Voraussetzung, um sie wirklich gestalten zu können. Aber eben nicht bewusst. Also muss man diese Zusammenhänge erst einmal in Erfahrung bringen wollen. Darüberhinaus kann man sich vorbereiten. Mehr aber auch nicht. Das wirkt irgendwie trübe, ist es aber gar nicht, denn genau das Gegenteil ist der Fall. Denn dann beginnt erst die Freude am Leben, und zwar so richtig. Nur die kennt  kaum noch jemand, nur den Spaß.