Leben wir in einer Matrix?

Ja, das tun wir. Definitiv. Ich jedenfalls bin der Überzeugung, dass das sehr, sehr viele tun. Und man kann die Matrix auch recht gut beschreiben. Sichtbar wird sie zum einen in der Konvention und zum anderen in dem Wirtschaftssystem, das wir haben und in dem die meisten von uns arbeiten. Beides definiert, wie wir uns letztlich verhalten. Dem kann niemand entkommen, es sind die Rahmenbedingungen unseres gegenwärtigen Lebens. So weit der Anschein und das sogenannte Normalverhalten. Verlasse ich nämlich die Konvention, verlasse ich wohl auch das Funktionieren in diesem Wirtschaftssystem. Umgekehrt ist es genauso, funktioniere ich nicht mehr in diesem Wirtschaftssystem, verlasse ich auch die Konvention. Dass beides sich bedingt, kann ich zwar nicht beweisen, aber ich gehe davon aus.

Die Konvention verlassen

Doch was bedeutet es, die Konvention und / oder das Wirtschaftssystem zu verlassen? Erst einmal bedeutet es, sich seiner selbst bewusst zu werden, die Ängste und Befürchtungen zu sehen, die man bei der Vorstellung für den Fall hat, dass man sich daraus verabschiedet. Was projizieren wir dabei in die Zukunft? Denn was anderes ist es ja nicht! Ich kann ja nicht wissen, was passieren wird. Welche Erinnerung ist da aber im Spiel, wenn ich doch noch nie aus der Konvention und / oder dem Wirtschaftssystem ausgestiegen bin? Ich denke, es ist allein die Konvention, die uns hindert, den Schritt zu machen und uns daraus zu verabschieden. Als ich studierte, zeigte ich der bürgerlichen Konvention den Stinkefinger, und das sehr bewusst und demonstrativ.

Doch gerade weil es so demonstrativ war, ist mir heute klar, dass ich noch immer drin steckte. Meine Fantasie ist, dass ich einfach nicht bereit war, mich auf Neues einzulassen. Dazu ein Satz, den ich gerade auf neue-debatte.com gelesen habe: „Die Akteure einer untergehenden Epoche handeln nicht mit der Weisheit der historischen Betrachtung, sondern sie gehorchen nach wie vor dem Impuls der persönlichen Bereicherung und dem größtmöglichen Nutzen.“ Fehlte mir ganz einfach die Weisheit der historischen Betrachtung? Heute sage ich definitiv ja! Ich blickte auf meine Eltern mit den Augen eines enttäuschten Kindes, aber nicht mit den Augen eines Erwachsenen. Noch war meine Kindheit nicht abgeschlossen, die Sehnsüchte des enttäuschten Kindes waren noch immer in mir lebendig.

Die Aufrechterhaltung der Vortäuschung

Doch warum war das so? Ganz einfach, weil ich noch immer auf eine Gemeinschaft konditioniert war (was ich übrigens selbst tat), und ich Dinge für angemessen hielt, die für mich selbst absolut kontraproduktiv waren. Zur Erinnerung ein immer wieder gerne von mir zitierter Text von Scott Peck: „Das verbreitetste Anfangsstadium und einzige Stadium vieler Gemeinschaften, Gruppen und Organisationen ist das der Pseudogemeinschaft, ein Stadium der Vortäuschung und des Scheins. Die Gruppe tut so, als sei sie bereits eine Gemeinschaft, als gäbe es unter den Gruppenmitgliedern nur oberflächliche, individuelle Differenzen und kein Grund für Konflikte. Zur Aufrechterhaltung dieser Vortäuschung bedient man sich vor allem einer Anzahl unausgesprochener allgemeingültiger Verhaltensregeln, Manieren genannt:

Wir sollen unser Bestes tun, um nichts zu sagen, was einen anderen Menschen verstören oder anfeinden könnte; wenn jemand anderes etwas sagt, das uns beleidigt oder schmerzliche Gefühle oder Erinnerungen in uns weckt, dann sollen wir so tun, als mache es uns nicht das geringste aus; und wenn Meinungsverschiedenheiten oder andere unangenehme Dinge auftauchen, dann sollten wir sofort das Thema wechseln. Jede gute Gastgeberin kennt diese Regeln. Sie mögen den reibungslosen Ablauf einer Dinnerparty ermöglichen, aber mehr auch nicht. Die Kommunikation in der Pseudogemeinschaft läuft über Verallgemeinerungen ab. Sie ist höflich, unauthentisch, langweilig, steril und unproduktiv.“

In meinem beruflichen Leben und auch während meiner politischen Zeit waren immer zwei Dinge von großer Wichtigkeit, einmal, dass ich auf einem Eliteinternat war (warum wollte keiner wissen) und dass ich Rechtsanwalt war (auch hier wollte niemand wissen, warum ich diesen Beruf erlernte). Es ging immer nur um den größtmöglichen Nutzen, den sich andere von einem Kontakt mit mir erhofften. Doch es ging nie wirklich um mich. Ist es da noch eine Frage, ob ich in einer Matrix lebte? Und viele andere genauso? Immer ging es um den größtmöglichen Nutzen statt um die Weisheit der historischen Betrachtung. Doch was ist der „missing link?“

Den Kreis der Leidenschaften ausdehnen

Wir leben definitiv in einer Matrix, einer Matrix aus Gewohnheiten und Rechtfertigungen für den Schwachsinn, den wir so tagtäglich machen, aber auch für das Grausige, das wir Menschen tun. Und ich darf nie glauben, dass ich daran nicht beteiligt wäre, weil ich doch nur ein kleines Licht bin, das nichts zu sagen hat. Dem ist nicht so, solange ich selbst zum Erhalt der Konvention beitrage und mich an dem falschen Spiel von Gewohnheiten und Rechtfertigungen beteilige. Oder dass ich für dieses Wirtschaftssystem arbeite, wie ich als Anwalt es tat. Es geht dabei nur vordergründig um die Tatsache, dass wir in einer Pseudogesellschaft leben, ein Leben, das zwar höflich, aber unauthentisch, langweilig, steril und unproduktiv ist. Die Wirkung der Konvention geht weit darüber hinaus, denn sie macht viele blind für das, was Einstein einmal gesagt hat:

„Ein Mensch ist Teil eines Ganzen, das wir Universum nennen, ein in Zeit und Raum begrenzter Teil. Er erfährt sich selbst, seine Gedanken, seine Gefühle als etwas vom Rest Getrenntes, eine Art optischer Täuschung des Bewusstseins. Diese Täuschung ist eine Art Gefängnis für uns, sie beschränkt uns auf unsere persönlichen Wünsche und auf unsere Zuneigung gegenüber einigen wenigen, die uns am nächsten stehen. Unsere Aufgabe muss es sein, uns aus diesem Gefängnis zu befreien, indem wir unseren Kreis der Leidenschaften ausdehnen, bis er alle lebenden Wesen und das Ganze der Natur in all ihrer Schönheit umfasst.“

Nicht anders ist es, wenn wir uns widerspruchslos dem herrschenden Wirtschaftssystem beugen und das falsche und letztlich destruktive Spiel mitspielen. Morpheus bringt das Dilemma in dem Film „Die Matrix“ in diesem Gedanken exakt auf den Punkt, mit dem sich jeder konfrontiert sieht, der sich ernsthaft dem Thema stellt: „Die Matrix ist überall. Es ist alles um uns herum. Es ist die Welt, die über die Augen gezogen wurde, um dich von der Wahrheit zu blenden. Dass du ein Sklave bist. Wie alle anderen bist du in Fesseln geboren … . Ich versuche, deinen Verstand zu befreien. Aber ich kann dir nur die Tür zeigen. Du bist derjenige, der durch sie laufen muss. Du musst alles gehen lassen. Angst, Zweifel und Unglauben. Befreie deinen Verstand.“

Wer hat nicht schon Erich Fromm und seine Gedanken über den Marketingcharakter des Menschen gelesen oder zumindest gehört? Und wer kennt nicht die Gedanken von Arno Gruen über die falschen Götter, denen so viele so oft huldigen? Gehört haben es schon viele – doch leben sie auch dementsprechend anders? Wenden sie sich von der Konvention und oder dem Wirtschaftssystem ab? Oder ist es nur ein Lamentieren und Beklagen, doch ohne die konkrete Intension, etwas wirklich anders zu machen, nicht etwas zu ändern, sondern selbst anders zu handeln? Wer immer nur über andere redet und was die machen müssten, ändert doch nichts! Er beruhigt doch meist nur sein schlechtes Gewissen, nichts wirklich zu tun!

Den Sinnraum des Lebens betreten

Ich weiß zwar nicht, ob Adorno den Matrix-Gedanken von Morpheus oder die Gedanken von Einstein, Fromm und von Gruen für richtig gehalten hätte, aber ich denke, dass er etwas sehr ähnliches im Sinn hatte, als er den Satz prägte, dass es kein richtiges Leben im falschen gibt. Bleibe ich also in der Matrix oder nicht? Das ist die Frage, der sich jeder stellen müsste. Und vor allem muss man darauf eine ehrliche Antwort geben. Was ohne (Selbst-) Reflexion nicht geht. Doch wenn ich früh aus der Matrix des Schlafes aufgewacht bin und mich noch ein wenig Morpheus hingebe, dem Gott der Träume, dann bin ich noch immer nicht aufgestanden, dann bin ich noch immer in einer Reflexionsschleife des Lebens. Aber der Eintritt in den Sinnraum des Lebens steht noch an. Es ist im Dialog: Erst muss ich die Konvention verlassen und das Hervorbrechen der von mir so lange unterdrückten inneren Konflikte aushalten, um dann mein Denken in der Selbstreflexion zu ergründen und zu läutern. Habe ich das getan, dann kann ich in diesen Sinnraum eintreten.

Der Dialog ist die einzige korrekte Antwort auf die Matrix.