Lernen oder lieber doch nicht?

Ich kann lernen, was etwa die Vier Edlen Wahrheiten sind und was sie bedeuten, die der Buddha gelehrt haben soll. Ich denke schon, dass er in die Richtung gedacht hat, aber mit Überlieferungen habe ich es nicht so, vor allem dann nicht, wenn die x-mal übersetzt wurden. Da stecken dann ja zwangsläufig Vorstellungen und Ansichten der jeweiligen Schreiber wie der Übersetzer drin. Zu viele für meinen Geschmack. Aber ich will mal bei den Vier Edlen Wahrheiten bleiben.

Die kann ich lernen, so dass ich sie quasi im Schlaf aufsagen kann. Doch bedeutet das auch, dass ich Buddhismus praktizieren würde? Nein, das bedeutet es nicht. Und was, wenn ich Nagarjunas Gedanken verstehe und auch rekapitulieren kann, heißt das dann, dass ich den Zen-Weg gehen würde? Nein, das bedeutet es nicht. Wahrlich nicht. Genauso, wie ich die Bibel ziemlich gut kennen kann und deswegen trotzdem kein Christ sein muss.

Doch was macht den Unterschied? Wann bin ich Buddhist? Wann gehe ich den Zen-Weg? Und wann bin ich Christ? Das alles sind nicht beantwortbare Fragen. Man ist es oder man ist es nicht. Niemand kann derart in einen Menschen hineinschauen, dass er die Frage beantworten könnte. Nicht einmal man selbst kann das. Man kann es nur glauben oder auch nicht.

Was also tun? Ganz einfach, man kümmert sich nicht darum und lebt sein Leben. Doch das lebt man nach klar definierten Prinzipien. So wie ein Stylesheet einer Website ihre Form gibt, die dann die Inhalte definiert. Und nicht etwa umgekehrt. Das ist alles, was man tun kann, denn wir sind ja, wenn man genau hinschaut, uns unserer selbst nicht bewusst. Was wir uns aber in den seltensten Fällen bewusst sind. Aber das genügt auch. Ich kann mir zwar meiner selbst nicht bewusst sein, aber ich kann mir bewusst sein, wie ich etwa denke, aber nicht, was ich denke. Ohne ein solches persönliches Stylesheet kann es daher nichts werden. Jedenfalls ist das meine Erfahrung.

Als ich das konsequent umsetzte, hörte ich auf, irgendetwas nur zu lernen, sondern begann es zu verifizieren. In meinem eigenen Leben. Ich machte es zu meinem Leben. Und was Bestand hatte, das integrierte ich in mein Denken. Das andere kommt raus. Das Interessante dabei ist, dass sich mein Verständnis von dem Weg, dem ich folgte, zunehmend veränderte. Es verdichtete sich, wurde konzentrierter. Es war immer weniger Theorie sondern Praxis.

Die eigentliche, dahinterstehende Lehre wurde für mich immer unbedeutender, sie wurde zunehmend von meinen eigenen, auf eigenen Erkenntnissen – statt auf Lehren – beruhenden Erfahrungen ersetzt. Aber auch noch etwas anderes wurde für mich immer deutlicher, nämlich dass das, was ich denke, meine Überzeugungen und Ansichten eins zu eins in meiner Lebensorganisation und in meinem Verhalten offensichtlich ist. Mit anderen Worten, niemand konnte mir in die Seele blicken, denn ich habe keine, aber jeder konnte mir sozusagen in meinen Geist blicken, denn der war absolut erkennbar.

Nur nicht für mich selbst. Und mit einem Mal erkannte ich, dass mein Geist für jeden sichtbar ist. Auch dass ich eine Maske mit mir herumtrug, auch das war für andere leicht erkennbar. Doch die Maske schützte mich nicht davor, dass andere mich sahen, sondern davor, dass ich mich selbst sah! Es war nur die Konvention, die die anderen davon abhielt, mir offen und ehrlich ins Gesicht zu sagen, wie ich war. Aber sie wussten es ganz genau und nicht etwa nur, wenn sie es wissen wollten,

Huang Po hat mit diesem Zitat darauf hingewiesen: „Der Zen-Weg ist nichts, das erlernt werden kann. Lernen führt zum Festhalten an Begriffen, und dies ist ein völliges Missverständnis des Weges.“ Lange Zeit habe ich mir die Frage nicht wirklich gestellt, was denn jetzt der Zen-Weg ist – und nicht etwa, was er wäre. Bis ich begriffen habe, dass es keinen Zen-Weg gibt. Es gibt allein das, was ich denke und tue. Nichts sonst, was ich gehen könnte. Ich habe einfach mein eigenes (Selbst-) Bild im Spiegel nicht erkannt. Und das kann ganz schön bitter sein, wenn man sich auf einmal erkennt. Die Art und Weise, wie ich denke und damit, was ich tue, die hat ihren Ursprung in meiner Art, wie ich mich organisiere. Und ich kann mich im Außen nicht anders organisieren, als ich das im Innen tue.

Innen und Außen sind insofern identisch, weil sie mit der selben Struktur organisiert werden. Ich stelle mir das so vor: Der unverstellte, nicht konditionierte und nicht der Konvention unterliegende Geist kann jedoch nur durch die Matrix meiner Ansichten, Überzeugungen und meines Weltbildes wirken. Und diese gespeicherten Vorstellungen über das, was ist, gestalten sowohl mein Innen wie mein Außen; das ist die Matrix meiner Selbstorganisation, die Matrix, nach der ich lebe. Indem ich erkenne, dass ich diese Matrix aber nicht von außen übernommen, sondern selbst definiert habe, kann ich sie zwar nicht ändern, aber neu und anders gestalten. Dass ich mich selbst organisiere ist ein Fakt, nicht jedoch die dem zugrundeliegende Matrix.

Es geht also nicht darum, etwas zu lernen, sondern darum, etwas zu erkennen.