Manchmal geht es um Entwicklung und nicht nur um Veränderung

Verändere ich mich, dann organisiere ich mich äußerlich neu, entwickle ich mich aber, dann organisiere ich mich in meinem Denken auf neue, andere Weise. Jede Entwicklung beinhaltet zwingend anders zu denken. Das ist etwas grundsätzlich anderes, als etwas einzusehen oder etwas Neues zu lernen. Andererseits, wenn ich mich im Denken entwickeln will, unterstützt mich dabei eine dementsprechende äußere Organisation.

Es ist die wirkliche Herausforderung, im Denken nicht in der alten und gewohnten Struktur zu bleiben. Es geht nicht nur darum anders zu denken und auch nicht darum, etwas Neues zu denken, etwas, was ich bisher noch nie gedacht habe, sondern es geht darum, meine Denkstruktur neu zu organisieren. Dann ist Entwicklung möglich. Ein eher technisches Beispiel kennen wir aus der Welt der Physik. Quantenmechanik zu verstehen setzt eine andere Art des Denkens als die klassische Physik voraus. Anwenden kann ich sie mit der bisherigen Denkstruktur, nicht aber verstehen.

Mich geistig zu entwickeln bedeutet also bereit zu sein, mich einzulassen auf vollkommen Unbekanntes. Und das kann ich auch mit meinem bisherigen Denken nicht verifizieren. Da muss ich schon bereit sein, den Sprung zu wagen ohne zu wissen, wie ich daraus wieder auftauchen werde. Ich kann mir das vielleicht vorstellen, doch wie es dann wirklich sein wird, das weiß ich erst, wenn ich den Schritt gemacht habe.

Wirklich anders zu denken setzt also voraus, mein Denken anders zu organisieren. Um mich dabei leichter zurechtzufinden und es mir leichter zu machen ist es sinnvoll, auch meine Lebensform zu ändern. Doch ändere ich nur die Lebensform, nicht aber die Struktur meines Denkens, scheint es zwar anders zu sein, aber ich bleibe in meinem inneren Verhalten gleich. Als ich NLP lernte war das beispielsweise so. Meine innere „Motivationslage“ hatte sich nicht verändert, nur mein äußeres Verhalten war anders: Ich hatte mehr Wissen, aber die innere Haltung war die gleiche geblieben.

Ich habe vor vielen, vielen Jahren das Buch „Anleitung zum Unglücklichsein“ von Paul Watzlawick gelesen. Das Buch hat einiges an Veränderung in meinem Verhalten ausgelöst, aber nur äußerlich, keine wirkliche  Entwicklung. Ich bin gerade wieder darüber gestolpert, genauer über das Kapitel Das Leben als Spiel und den Epilog. Und ich habe begriffen, dass ich die Quintessenz des Buches bisher noch nicht wirklich begriffen hatte. Die entsprechende Entwicklung hat eine Weile auf sich warten lassen … .

Wie oft habe ich schon den Spruch gehört, dass so, wie man in den Wald hineinruft, es heraus schallt? Im Kopf weiß ich das schon lange, aber ich habe es nie wirklich geglaubt. Denn hätte ich es wirklich geglaubt, dann wäre mir klar, dass ich nicht nur der Schöpfer meines eigenen Unglücklichseins bin, sondern auch meine Glücklichkeit selbst schaffen kann.

Aber wie sagt Dostojevski in den Dämonen? „Alles ist gut… Alles. Der Mensch ist unglücklich, weil er nicht weiß, daß er glücklich ist. Nur deshalb. Das ist alles, alles! Wer das erkennt, der wird gleich glücklich sein, sofort, im selben Augenblick…“ So hoffnungslos einfach ist die Lösung. Jedenfalls sagt das Paul Watzlawick. Vielleicht sollte ich doch ernsthaft daran glauben?

Was natürlich die Frage aufwirft, was uns Menschen möglicherweise davon abhält, sich nicht nur zu verändern und Wissen zu generieren, sondern sich tatsächlich (weiter) zu entwickeln. Ich denke, es ist die Zugehörigkeit. Entwickle ich mich, dann sehe ich manche Dinge anders als bisher. Sind das aber für meine Bekannten und Freunde wichtige Dinge, dann kann das schon schwierig werden. Entwicklungen haben meist Auswirkungen auf mein inneres Weltbild. Sehe ich aber die Welt anders als andere, dann belastet das eben manchmal die Beziehung.