Marketing- versus Seins-Charakter

Mit unserem Verständnis von Beziehungen, von Kommunikation und Gemeinschaft gestalten wir die Welt. Die, wenn man so will, technischen Aspekte spielen dabei eine eher untergeordnete und nachrangige Rolle, etwa was man macht, was einen beschäftigt et cetera. Doch warum steht trotzdem meist das Nachrangige im Vordergrund und nicht das Eigentliche?

Ich denke, es ist wie bei Form und Inhalt. Das ist ja eines meiner Lieblingsthemen, denn ich finde, dass dem viel zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet wird. In Gesprächen beschäftigen wir uns permanent mit den Inhalten, doch viel zu selten mit der Form. Natürlich ist es jedermanns ganz persönliche Sache, welcher Form er sich bedient, etwa der Ego-Form, wenn er jedem erzählt, welche Krankheiten er hat oder etwas in der Art. Das ist nicht nur eine Altersfrage, junge Menschen machen das auch, nur mit anderen Themen. Was interessiert es andere, dass jemand ein Haus sucht? Und so weiter und so fort.

In alltäglichen Gesprächen wird der von Erich Fromm so genannte Marketing-Charakter vieler Menschen sehr, sehr deutlich. Ich muss auch aufpassen, dass ich nicht ständig darüber rede, wo ich nächstes Jahr mit dem Moped hinfahren möchte, denn das interessiert mich gerade sehr. Doch das interessiert mich, andere nicht unbedingt, vor allem interessiert es die nicht, die nicht Motorrad fahren. Doch sich permanent die Frage zu stellen, worüber denn zu reden denn nun angemessen wäre ist ein bisschen arg anspruchsvoll. Ich würde sagen, das funktioniert nicht.

Wie aber kann ich dann von dem Marketingcharakter wegkommen, den ich wirklich nicht mag, der aber mein Leben noch immer grinsend dominiert? Wie kann ich die darin zum Ausdruck kommende Haltung gegen eine Seins-Haltung auswechseln? Sicher nicht, wenn ich mir immer Gedanken über die Inhalte mache. Das wird nicht funktionieren, dann bin ich ja ständig am Überlegen, worüber ich denn jetzt reden soll, so dass ich wahrscheinlich recht schweigsam werden würde. Das ist es also nicht.

Wenn ich mich aber stattdessen mit der Form beschäftige und einen Seins-Charakter definieren könnte, ähnlich einem Stylesheet, dann würde ich genau die Inhalte generieren, die ich haben will. Das lässt sich leicht an einem recht technischen Thema erkennen, hier wunderbar dargestellt: CSS Zen Garden. Man darf sich nur nicht von der Technik ablenken lassen und nur darauf schauen. Presentation Zen von Garr Reynolds funktioniert genauso. Und sagen Sie jetzt bitte nicht, dass Sie keine Präsentation machen würden! Die macht doch jeder, ständig! Und der Medientheoretiker Marshall McLuhan hat den identischen Grundsatz für Medien erkannt.

Gute Gründe, das auch einmal für mich selbst zu erkennen. Denn es ist auch für uns Menschen ein Grundsatz, schließlich haben ja auch die Physiker erkennen können, dass dies ein Grundsatz des Kosmos ist. Nur sprechen sie da nicht von Form, sondern von Geist. Und wer mag sich schon als Materie bezeichnen wollen? Das ist der Inhalt, die Form aber, das Geistige ist das eigentlich Bedeutsame, denn es definiert die Inhalte, also das, was ich bin. Und weil das so ist, mache ich mir eben Gedanken über die Form meines Lebens. Damit ist nicht gemeint, was ich erreichen will, sondern wie ich sein will.

Wesentlich, wahrhaftig sind zwei Begriffe, die mir da sofort einfallen. Der Marketing-Charakter fragt, wie er wahrgenommen werden will. Der Seins-Charakter hingegen fragt, wie er ist und nicht wie er sein will. Intellektuelle Redlichkeit steht da ganz oben. Ein kleines Beispiel. Ich habe ein Motorrad, das funktioniert und für meinen Bedarf optimal passt. Trotzdem habe ich mir immer wieder überlegt, doch ein neues zu kaufen. Wende ich jedoch auf diesen Wunsch das Prinzip der intellektuelle Redlichkeit an, erlischt er ganz schnell. Es gibt noch mehr solcher einfachen Hilfsmittel, die mich unterstützen, wesentlicher und wahrhaftiger zu sein. Etwa den Zen-Weg zu einem authentischen Leben, wie ihn Ezra Bayda beschreibt. Wir sprechen ja oft von Lebenskunst, doch selten fragen wir uns, was Lebenskunst eigentlich ist. Leben tut ja jeder von ganz alleine, es geht also um die Kunst. Und da frage ich am besten einen Künstler, etwa Dürer, und mache mir sein Kunstverständnis zu eigen: Technisches Detailwissen, Streben nach Perfektion (bitte nicht mit Perfektionismus verwechseln), Leidenschaft und Eigenständigkeit.

Will ich sein, was ich bin, darf ich weder in Pragmatismus noch in Mystizismus abdriften, sondern muss auf dem Boden der Tatsachen bleiben. Doch das kann ich nur, wenn ich mich auch verstehe, so gut ich das kann. Das bedeutet, mich aus dem Mainstream des gesunden Menschenverstandes zu lösen, es bedeutet aufzuhören zu denken, wie alle anderen denken, nur weil ich dazu gehören will. Letztlich bedeutet es zu erkennen, dass ich die Wahrheit – was immer das auch ist – selbst erkennen muss, frei von irgendwelchen fremden wie eigenen Ansichten. Und das dann auch im Leben zu verifizieren.

Die Wirklichkeit ist nicht einfach, den sie ist nicht klar und eindeutig definiert, vielmehr ist sie ein Tetralemma. Also kann ich sie nur beschreiben. Wenn aber die Wirklichkeit nicht eindeutig ist, dann kann ja auch ich in meinem Denken nicht eindeutig sein. Und genau deswegen brauche ich ein klares Stylesheet, damit ich sein kann, was ich bin. Klingt ziemlich paradox, dass ich mir Regeln auferlegen muss, um zu sein, was ich bin. Wenn ich das aber nicht tue, drifte ich sofort in den Marketingcharakter ab und orientiere mich am Außen. Statt dass ich mich an mir selbst orientiere, was jetzt wirklich keine Aufforderung ist, in Egoismus abzutauchen. Edmund Hillary, der 1953 zusammen mit dem nepalesischen Bergsteiger Tenzing Norgay, einem Sherpa, die Erstbesteigung des Mount Everest gelang, hat es mit diesen Worten umschrieben: „Es ist nicht der Berg, den wir bezwingen, sondern das ‚Ich’.

Doch was steckt eigentlich hinter diesem Gedanken? Wie ist er zu verstehen? Ich interpretiere ihn aus meinem eigenen Erleben dahingehend, dass bei einer wirklichen persönlichen Herausforderung das Ich-Denken die Grenze ist, die zu überwinden ist, will man die Herausforderung meistern. Es ist die Extremsituation, die das „Ich“ aus dem Schutzraum von Konditionierung und Konvention regelrecht heraustreibt. Sowohl Konditionierung wie auch Konvention werden in einer solchen Situation als das entlarvt, was sie tatsächlich sind, nämlich unnatürliche Begrenzungen für einen selbst. Doch ich glaube, dass es auch etwas einfacher geht, nämlich indem man sich wirklich auf das einlässt, was ist. Denn dann tue ich das, was ich auch in Extremsituationen tun muss, nämlich die eigene Meinung einmal abstellen und die Klappe halten. Und dann bin ichschlagartig, wie ich wirklich bin. Keine Maske mehr, hinter der ich mich verbergen könnte.

Die Frage ist also nicht, was ich tue, sondern wie ich bin.