Mein Verstand braucht einen Übersetzer

Denn die Welt des Verstehens ist eine andere als die des internalen Wissens. (Wobei ich hier ‚verstehen‘ im umgangssprachlichen Sinn ‚verstehe‘.) ‚Verstanden’ habe ich in meinem Sprachgebrauch etwas, was ich logisch und rational eben verstehe und was ich auch logisch herleiten kann. Doch das bedeutet noch lange nicht, dass ich das auch direkt anwenden könnte, dass es also internales Wissen geworden wäre.

Ich bin immer wieder davon fasziniert, wie unmöglich es für mich ist, etwas, das ich verstehe, auch ganz einfach anzuwenden, wenn ich es nicht wirklich begriffen habe, wenn ich es also noch nicht verinnerlicht habe. Nicht etwa, dass es mir schwer fallen würde, es ist einfach nicht möglich. Also mir.

Was also verhindert, dass mein externales Wissen auch ganz einfach internales Wissen ist oder wird? Externales Wissen folgt logischen und klar strukturierten Regeln, internales Wissen hingegen folgt gezwungenermaßen komplexen Regeln. Ich selbst folge ja in meinem Verhalten und meinem Tun komplexen und keinen gleichförmigen, reproduzierbaren und determinierten Strukturen.

Das ist nun einmal so, auch wenn viele Menschen davon nichts wissen und sich einfach nicht damit beschäftigen wollen. Habe ich früher auch nicht. Mittlerweile habe ich jedoch begriffen, dass ich bei Dingen, die ich neu verstanden habe, erst einmal den Weg vom externalen zum internalen Wissen hinbekommen muss, damit ich es auch anwende.

Ein Beispiel: Beim Motorradfahren war mir dank meiner 6 Semester Physikstudium schnell klar, wie ich eine Kurve idealerweise fahren sollte. Doch das bedeutete nicht, dass ich es auch gekonnt hätte. Also musste ich es üben. Und übe immer noch, leider. Aber ich habe einen unschätzbaren Vorteil, um hier vom externalen zum internalen Wissen zu kommen: Ich habe ein Motorrad, mit dem ich üben kann! Wenn ich mich entschließe, Motorrad zu fahren, mache ich das auch und übe dann zwangsläufig meine Kurventechnik. Mein Motorrad zwingt mich zu üben.

Da ich üblicherweise gern und viel rede, habe ich mir vorgenommen, in bestimmten Situationen einfach die Klappe zu halten. Dafür gibt es eine Menge logischer und vor allem viele gute Gründe. Doch dieses Wissen ist leider erst einmal nur external und nicht internal. Also halte ich meist immer noch nicht die Klappe, obwohl ich eigentlich weiß, dass es besser wäre, still zu sein. Warum aber mache ich es nicht? Weil da nichts ist, das mich dazu zwingen würde, so wie es mein Motorrad tut. Das zwingt mir ein spezifisches Verhalten auf.

Um vom externalen zum internalen Wissen zu kommen brauche ich also einen Übersetzer, der mich von dem einen Ufer zum anderen bringt, damit es mir nicht wie Phil Connors in dem Film ‚Täglich grüßt das Murmeltier‘ ergeht und ich regelrecht in einer Zeitschleife festhänge, die mich das immergleiche tun lässt. Nur warum ist das so? Die Antwort darauf finde ich, wenn überhaupt, nur in meinem Denken. Ich denke also falsch, nämlich determiniert statt komplex. Dass das so ist, ist dummerweise ziemlich normal, denn unsere Sprache ist nicht komplex aufgebaut, sondern eben deterministisch.

Sie beschreibt wie die klassische Physik Fakten. Also alles was klar definiert ist. Alle Dinge sind räumlich und zeitlich an einem bestimmten Ort und Raum und Zeit sind Teil unseres Erlebens. Wie aber würde ich denken, wenn ich denken könnte, wie es die Quantenmechaniker tun? Denn die Quantenmechanik beschreibt Möglichkeiten – und es gibt darüberhinaus den objektiven Zufall (was Buddhisten so gar nicht erfreut). Und Materie ist räumlich und zeitlich nicht lokal, sie ‚existiert‘ nicht wie in der klassischen Physik, sondern vielmehr in einer ‚Überlagerung aller Möglichkeiten‘.

Das ist nun wirklich nicht so ohne weiteres vorstellbar. So wenig wie einfach die Klappe zu halten. Also für mich. Aber ich kann mich dem nähern, kann es einüben. Wie meine Kurventechnik auf dem Motorrad. Nur was entspricht dabei meinem Motorrad? Was bringt mich von dem einen Ufer, dem expliziten Wissen, zu dem anderen Ufer, dem impliziten Wissen? Die Zeit, die ich für die Übersetzung brauche, ist exakt die Zeit, die ich für das Einüben brauche. Wie auf dem Motorrad. Was also kann beim ‚Klappe halten‘ das ‚Boot‘ zum übersetzen sein? Was bringt mich an das andere Ufer? Das ist die Frage, der ich mich stellen muss.

Was also ist das Boot, das mich üben lässt?