Mein Weltbild

Die selten reflektierten Grundlagen meines eigenen Denkens. Viele Menschen gehen davon aus, dass das Universum eine Art Hologramm ist. Das ist, jedenfalls ist das meine Überzeugung, aus zwei Gründen attraktiv, wobei ich mich natürlich auch gwaltig irren kann. Da ist zum einen die Tatsache, dass bei einem Hologramm alles mit allem verbunden ist und man sich nicht ausgeschlossen fühlt, selbst wenn das tatsächlich der Fall ist, weil man eben so fühlt. Ein Hologramm wirkt also wie eine Beruhigungspille gegen Ängste oder depressive Zustände. Zum anderen hat man irgendwie weniger Verantwortung, denn die hat ja das große Ganze. Oder nicht?

Als holographisches Prinzip wird in Theorien der Quantengravitation die Hypothese bezeichnet, dass es zu jeder Beschreibung der Dynamik eines Raum-Zeit-Gebiets eine äquivalente Beschreibung gibt, die nur auf dem Rand des Gebiets lokalisiert ist. Was mir bei dem Ganzen aber nicht gefällt, ist die darin liegende Vorherbestimmung. Alles Kismet, alles Karma, alles Schicksal? Darum machen mich auch die indischen Palmblattbibliotheken nicht an. Auch der Dalai Lama hat akzeptiert, dass es tatsächlich einen objektiven Zufall gibt. Zwar sehr, sehr selten, aber immerhin. Es gibt ihn. Also nichts mit einem eindeutigen Ursache-Wirkungs-Ablauf in der Welt. An eine Vorherbestimmung glaube ich nicht, wenn ich auch nicht so verrückt bin zu denken, ich könnte tun und lassen, was ich will.

Jedenfalls verstehe ich das so. Und wenn ich es richtig interpretiere, dann entstammt dem holographischen Denken auch die Theorie der vielen Welten. Was es natürlich einfach macht, wenn jeder in seiner eigenen, höchst persönlichen Welt lebt, dann muss er sich ja nicht mit den anderen auseinandersetzen. Und wenn uns die Welt demnächst um die Ohren fliegt, vielleicht betrifft das ja meine Welt nicht? Ich jedenfalls weiß nicht, warum die Viele-Welten-Theorie sonst so beliebt sein sollte. Das klingt jetzt ein wenig polemisch, aber ist es nicht so? Worauf ich hinaus will: Nachdem sich ja auch die Wissenschaftler absolut nicht einig sind, was das Universum letztlich ist, sie also nur Theorien darüber haben, dann sollte man die eigenen Vorstellungen über die Welt ganz genau untersuchen, denn da sind die eigenen Wünsche und Absichten ganz klar drin. Ein Beispiel: Kann ich Stephen Hawking und Jiddu Krishnamurti in einem Atemzug als Vordenker meines Weltbildes nennen, wenn der eine den Anfang der Zeit sucht, der andere hingegen davon ausgeht, dass es Zeit nicht gibt? Das wäre nämlich ein Widerspruch in sich.

Für mich ist das Universum an sich nichts Statisches oder Materielles mit Leben drin, sondern es ist das Leben selbst. Da ist nichts Vorgegebenes, nur eine Handvoll Axiome, wie etwa der Ursprung allen Seins, nämlich Geist, wobei ich darunter etwas anderes verstehe als mein Denken. Geist, Bewusstsein und auch Intelligenz sind wie Energie einfach „da“, sie können weder erzeugt werden noch vergehen, sie können nur gewandelt werden. Ich mache bewusst diese Klammer um geistige und materielle Phänomene, denn für mich sind sie nur unterschiedliche Erscheinungsformen des Immer-Selben. Nur ich denke es eben unterschiedlich, was wiederum bedeutet, dass ich das Universum oder die Welt nicht so denke, wie sie sind. Ich schreibe hier bewusst „denke“ und nicht erlebe, denn das Erleben findet ohne Denken statt.

Alles ist nach dem identischen Prinzip organisiert, nämlich nach dem Prinzip der Selbstorganisation. Mein Körper besteht aus einer riesigen Menge Zellen, Bakterien, Viren, allerlei sonstigem Getier und auch aus hartem Material, wie die Knochen oder die Nierensteine, die ich einmal hatte, aber auch der Zahnstein, den ich mir regelmäßig entfernen lasse, und so weiter und so fort. Zu dem sage ich „ich“, wenn dieser Körper Zugang zu Geist, Bewusstsein, Intelligenz und Energie hat. Und dieses „Ich“ erlebe ich als etwas Getrenntes, was es aber nicht ist, es ist keinesfalls fragmentiert. Und diese Community organisiert sich selbst, so wie jedes System. Diese Organisation funktioniert über Information, damit jede Zelle weiß, was ihr Job ist.

Das Universum ist – für mich – das in sich differenzierte Eine, wie Hans-Peter Dürr es einmal genannt hat. Die Quantenphysiker haben ja um 1900 einen grundlegenden Paradigmenwechsel in der Betrachtung der Wirklichkeit wie des Universums eingeleitet, eine Sichtweise, die auch schon früher Mystiker hatten. Aber mir sind die Erkenntnisse der Physiker mittlerweile lieber, denn da kann ich mir ziemlich sicher sein, dass da keine Spekulation und auch kein Mystizismus drinsteckt. Nur ich muss auch darauf achten, was sie verifizieren konnten und was nicht. Offene Fragen gibt es da ja noch jede Menge.

Es kommt für mich nicht von ungefähr, dass Jiddu Krishnamurti von David Bohm sagte, dass der seine Gedanken verstanden hätte. Oder dass Krishnamurti mit Aldous Huxley befreundet war. Ein Grund für mich alle drei für mein Weltbild heranzuziehen. Doch das bedeutet nicht, dass ich deren Weltbilder einfach einmal so nachplappern würde, sondern ich übernehme sozusagen nur, was ich selbst auch verifizieren kann. Auf dem Boden der Tatsachen zu bleiben bedeutet für mich nämlich, dass ich das Unmögliche denken muss, um das Mögliche erreichen zu können.

Bruce Lee, auch ein Freund Krishnamurtis, zeigt für mein Empfinden, wie durch die richtige Form der gewünschte Inhalt generiert werden kann, wobei, sagt er, diese Form auf jeden persönlich zugeschnitten sein muss. Jeder muss seinen eigenen Still entwickeln. Den eigenen Stil zu entwickeln ist gleichzusetzen mit die eigenen Annahmen über Wirklichkeit zu verifizieren. Sonst bleibt es nur graue Theorie. Aus genau diesem Grund, da ich nicht in einer spekulativen Welt sondern in der Realität leben will, die aber nicht gegeben ist, sonder die ich kreiere, habe ich die Gedanken Krishnamurtis aus der Videoserie „Jenseits von Mythos & Tradition“ genommen und mit meinen konkreten Erfahrungen auf dem Motorrad verifiziert. Gerade bin ich dabei, diese Gedanken mit meinem täglichen Erleben zu verifizieren. Als nächstes steht eine Verifikation auf der Grundlage von Wirtschaften und Managen an, also meine berufliche Perspektive.

Doch noch ein Philosoph hat mein Denken und damit die Gestaltung meines Weltbildes ganz maßgeblich beeinflußt, und das ist Nagarjuna, der große Philosoph des Buddhismus und des Zen. Er bezieht sich auf vier extreme aber in unserem gewöhnlichen Denken ganz selbstverständliche Wirklichkeitsbegriffe, die er jedoch ablehnt: Substantialismus, Subjektivismus, Holismus und Instrumentalismus. Dies stellt er in Form eines ‚Tetralemma‘ dar. Sie können vielleicht so formuliert werden: Die Dinge entstehen nicht substantiell, 1. weder aus sich selbst heraus, 2. noch aus etwas anderem heraus, 3. nicht aus beidem, 4. aber auch nicht ohne eine Ursache. Dahinter stehen Wirklichkeitsbegriffe, die sich auf 1. substantielle, 2. subjektivistische, 3. holistische und 4. intstrumentalistische Denkweisen der modernen Welt beziehen lassen.

Anders formuliert: Nichts existiert aus sich selbst heraus, Bewusstsein ist nicht primär, das Ganze besteht nicht unabhängig von seinen Teilen, es gibt weder Subjekt noch Objekt. Niels Bohr hat dies für die Quantenwelt mit diesen Worten treffend zusammengefasst: „Es gibt keine Quantenwelt, es gibt nur eine quantenmechanische Beschreibung.“ Und das gilt meines Erachtens nach überhaupt. Diese Ansicht Nagarjunas steht für mich in Übereinstimmung mit meiner Vorstellung, dass Geist, Bewusstsein, Intelligenz aber auch Energie weder entstehen noch vernichtet werden können, sondern nur in andere Zustände übergehen.

„Sagt man ‚es ist‘, hält man an ewiger Dauer fest. Sagt man ‚es ist nicht‘, hat man die Vorstellung des Aufhörens [der Nichtexistenz der Dinge]. Deshalb möge sich der Verständige nicht auf die beiden [Ansichten], ‚es ist‘ und ‚es ist nicht‘, festlegen lassen.“ Das sagt Nagarjuna zur Klarstellung, denn er weist nur die Idee des substantiellen Entstehens der Dinge, eine absolute und unabhängige Existenz zurück, nicht jedoch das empirische Entstehen, nicht eine empirische Existenz der Dinge werden von ihm zurückgewiesen. Ein Beispiel: Für Nagarjuna gibt es nur einen Weg, wenn er von jemandem gegangen wird, Geher und Weg sind in seinem Verständnis eins, sie bilden ein System einer materiellen und einer immateriellen Komponenten, die sich komplementär ergänzen.

Wirklichkeit ist nichts Statisches, nichts Festes, nichts Unabhängiges, sie besteht überhaupt nicht aus einzelnen, isolierten materiellen oder immateriellen Faktoren, sondern aus Systemen abhängiger Körper. Die meisten Systeme bestehen aus mehr als zwei Körpern, aber es gibt keine Systeme, die aus weniger als zwei Körpern bestehen. In der Quantenphysik werden solche grundlegenden Zwei-Körper-Systeme Erde & Mond, Elektron & Positron, Quark & Antiquark, Elementarteilchen & Kraftfeld genannt. Nichts existiert ohne Beziehung zu etwas anderem. Nagarjuna nennt seine Systeme Geher & begangene Strecke, Feuer & Brennstoff, Tat & Täter, Seher & Sehen. Beide Sichtweisen beschreiben Zwei-Körper- Systeme, deren Körper weder richtig getrennt noch richtig miteinander verbunden sind, weder fallen sie zusammen, noch auseinander.

Die Körper sind nicht unabhängig, nicht selbständig und sie können einzeln nicht beobachtet werden, weil sie in ihrer Existenz und Beschaffenheit von einander abhängig sind und nicht unabhängig von einander existieren und funktionieren können. Sie werden durch eine Wechselwirkung zusammengehalten. Der eine Körper kann nicht auf den anderen reduziert werden, der eine lässt sich nicht durch den anderen erklären, die Körper sind nicht identisch miteinander. Die Systeme haben eine fragile Stabilität, die auf manchmal bekannten, manchmal noch nicht vollständig bekannten und manchmal (wie zum Beispiel bei Zwillingsphotonen) vollkommen unbekannten Wechselwirkungen und gegenseitigen Abhängigkeiten ihrer Komponenten beruht.

Was also ist Wirklichkeit? Wir sind daran gewöhnt, festen Boden unter den Füßen zu haben und flüchtige Wolken am Himmel zu sehen. Der Wirklichkeitsbegriff der Philosophie Nagarjunas und die physikalischen Begriffe der Komplementarität. der Wechselwirkungen und der Verschränkungen in der Quantenphysik lehren uns etwas anderes. Man braucht sich nur einmal darüber im klaren zu sein, dass der eigene Körper ja fast nur leerer Raum ist, betrachtet man ihn nur auf der Atomeben unter Zugrundelegung des Bohrschen Atommodells. Das gibt wenigstens etwas Festes dazu, was aber auch nur zu existieren scheint, schaut man genau hin.

Fazit: Wir können weder das Universum noch die Wirklichkeit definieren, wir können sie nur beschreiben.