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Bei mir sein

Interessanter Weise hat dies sehr viel mit dem Thema ‚Form versus Inhalt‘ zu tun. Beschäftige ich mich mit dem Inhalt, dann funktioniere ich fraglos automatisch und gerade nicht bewusst und erst recht nicht willentlich. Dann bin ich absolut bei mir selbst!

‚Perfekt’, könnte ich denken. Doch will ich wirklich genau der sein, der ich bin, wenn ich mich sozusagen von der Leine lasse? Mit all meinen Macken? Sicher nicht! Denn ich weiß, dass ich noch einiges an zivilisatorischem Müll und persönlichen Eigenschaften mit mir herumschleppe, Dinge, auf die ich nicht sonderlich stolz bin.

Andererseits will ich nicht irgendwelchen Regeln folgen, vor allen Dingen keinen konventionellen. Doch es ist klar, dass ich etwas brauche, an dem ich mich orientieren kann. Was ich in diesem Zusammenhang nicht mehr hören kann, dass ist, dass wir alle gut und edel wären.

Das bin ich definitiv nicht. Vor allem, es ist eine Bewertung. Und schon bin ich, bildlich gesprochen, rausgeflogen. Was ich jedoch tun kann, das ist, mich an Prinzipien zu halten, an grundlegende Werte. Und damit an meiner Form arbeiten. Es ist klar, dass ich die selbst definieren muss, denn wenn ich mich nicht selbst entscheide, gebe ich die Verantwortung für mein Leben ab. Das will ich definitiv nicht.

Doch wie kann ich authentisch leben, wenn ich nicht weiß, wie ich bin? Das aber werde ich wohl nie wissen, denn auch ich bin wie die Natur nicht definier-, sondern nur beschreibbar. Also muss ich einen anderen Weg gehen, und zwar über das Tun. So, wie ich mich verhalte, bin ich, nichts anderes.

Den für mich idealen Zustand habe ich im meditativen Moment des Flow. Doch das ist keine fixe Größe, sondern abhängig von dem, was ich darüber weiß, nicht was ich bin, sondern wie ich ‚funktioniere‘, wie ich mich also selbst organisieren kann. Was wiederum bedeutet, mich selbst in Frage zu stellen. Scheinbar braucht es immer wieder die Herausforderung an Grenzen zu gehen, die mich wissen lässt, wie ich bin.

Eine dieser Herausforderungen ist, meine Wahrheit zu offenbaren, gegen über meinem Partner, meinen Kindern, meinen Freunden. Ich mache kein Hehl mehr aus irgendetwas. Dazu gehört vor allem, der Konvention ade gesagt zu haben. ‚Ikkyû Sôjun‘ hat es in einem seiner Gedichte sehr gut ausgedrückt:

All die Geschichten und alten Beispiele vermehren nur die Lügen,
Auch das tägliche Verbeugen vor den Oberen,
Und das Protzen mit dem wahren Wissen,
das über allem auf der Welt steht …
Die Mädchen vom Bordell dagegen, sie tragen den Goldbrokat.

Das erinnert mich an das Buch ‚Naked Presenter‘ von Garr Reynolds. Wenn ich im übertragenen Sinn nackt bin, bin ich absolut offen. Da ist keine Maske mehr, hinter der ich mich verstecken könnte. Es bedeutet das Ende jeglicher Konvention. Es ist nicht das Außergewöhnliche, auf das es ankommt, sondern auf das Gewöhnliche, meine alltägliche Haltung. Die ist dafür verantwortlich, wenn ich eine Maske trage. Oder eben nicht.

Aus dem Grund ‚arbeite’ ich an meiner Form.