Mythos „ich“

Um den Mythos des eigenen„ich“ verstehen zu können, meine eigenen Geschichte, muss ich erst einmal den Kosmos, das Universum und die Welt verstehen. Verstehe ich das alles zumindest ansatzweise, vor allem die sich daraus ergebenden grundsätzlichen, philosophischen Fragen, dann kann ich auch mich selbst verstehen.

Zumindest bin ich dann nicht mehr auf die Ansichten anderer über mich selbst angewiesen, denn ich bin weder von dem Kosmos, noch von dem Universum und auch nicht von der Welt verscheiden, auch wenn ich ganz anders aussehen mag. Je besser ich sie verstehe, desto besser verstehe ich mich selbst.

Oder ich mache es ganz anders und suche die Natur in ihrer Funktionalität zu verstehen. Denn ich bin, wie alles andere auch, nichts anderes als Natur. Verstehe ich, wie sich natürliche Prozesse gestalten, weiß ich auch, wie ich meine eigenen Prozesse gestalte. Nicht, wie ich sie gestalten könnte, sondern wie ich es ganz konkret tue.

Das war dann der Moment, als ich so richtig ins Schleudern kam. Wie konnte der Kosmos und all seine Ausdifferernzierungen es sozusagen zulassen, dass ich vollkommen irrige Annahmen über mich entwickeln konnte, also über den Kosmos selbst. War der Kosmos an sich eine fehlerhafte Konstruktion oder folgte er keinem wahrhaftigen Plan, sondern es passiert eben, was passiert?

Vielleicht hat ja jedes einzelne System die Freiheit zu tun und zu lassen, was es mag, wobei die einzelnen Systeme nicht getrennt von einander existieren, sondern miteinander verbunden sind und sich gegenseitig bedingen, jedoch mit einer interessanten Einschränkung: „Es ist, wie es ist. Aber es wird, was jeder Einzelne daraus macht.“ Also ich etwa, für meinen Bereich. Aber auch nur für den und für nichts darüber hinaus.

In einem Körper ist jede Zelle in ihrer Funktionalität auf sich selbst gestellt, dabei gleichzeitig auf die Zusammenarbeit mit allen andere Zellen angewiesen. Der Sinn oder Nutzen der einzelnen Zelle liegt dabei alleine darin, nicht den anderen, sondern dem Ganzen, also letztlich dem Universum, zu dienen und so die Idee des Kosmos zu realisieren.

Früher habe ich mich immer gefragt, was die Idee des Kosmos denn sein könnte. Bis ich endlich begriff, dass ich die Antwort darauf nur in mir selbst finden konnte. Denn ich war ja auch Kosmos, so wie jede Zelle meines Körpers ja auch ich selbst ist. So wie ich selbst keine Idee von mir selbst habe, sondern nur alle Ideen der einzelnen Zellen zusammen „meine“ Idee ausmachen.

Ich kann also nicht wissen, wie viel ich von der kosmischen Idee erfasst habe, aber ich werde immer mein Bestes geben, um diese Idee zu erfassen, die ich aber immer nur in mir selbst erkennen und realisieren kann. Doch vielleicht ist das gar keine besondere Idee, sondern ganz einfach die ideale Lösung für ein pragmatisches und gutes Leben.

Dabei geht es zwar immer nur um mich selbst, doch gerecht kann ich dem nur aus der Perspektive des Ganzen werden. Dabei darf ich nicht nur darauf fokussiert sein, sondern muss mich sozusagen Schicht um Schicht immer näher heran tasten und arbeiten. In diesem Prozess liegt meine eigene Freiheit wie meine Verantwortlichkeit.

Vor allen Dingen muss ich wohl aufhören, hinter allem einen tieferen Sinn zu suchen. Es wäre nämlich blöd, wenn es den gar nicht gäbe, dann würde ich mich ja komplett durch sinnloses Suchen blockieren. Wie ich da drauf kam? Es war vielleicht ein Bericht über den Schleimpilz Physarum polycephalum, der, ganz ohne Gehirn und bar dessen, was wir gemeinhin unter Intelligenz verstehen, in der Lage ist Rätsel zu lösen. Ganz pragmatisch. Und was macht er dann, wenn er das Rätsel gelöst hat? Ganz einfach, er freut sich des Lebens.

Vielleicht sollte ich das auch mehr tun, wer weiß?