Natürlich leben – was heißt das?

Und wissen wir das überhaupt noch? Heute Nacht trieb mich der Gedanke um, wieviel Natur eigentlich in mir steckt und wie ich damit umgehe. Natürlich bin ich zu 100% Natur, doch lebe ich auch dementsprechend? Sicher nicht, denn mein Wissen über natürliche Ernährung endet an der Ladentheke und ich blende regelmäßig aus, dass wir unsere Ernährung industriell betreiben lassen, also absolut unnatürlich. Und im Bio-Laden einzukaufen ist nichts anderes als Augenwischerei, ein Ablenkungsmanöver von dem eigentlichen Problem. Aber es gibt immerhin ein gutes Gefühl.

Doch bevor ich mich ernsthaft damit auseinandersetzen kann, muss ich erst einmal klären, mit welcher Strategie ich das Problem vor mir selbst ausblende, denn sonst würde ich es wohl kaum ertragen. Natürlich kann ich von einem kleinen Häuschen mit ein wenig Landwirtschaft als Selbstversorger träumen, aber wie soll das für Millionenstädte funktionieren? Es ist doch nur ein Traum, aber keine Lösung! Und bei meinem landwirtschaftlichen Know-how wird das eher ein Fiasko als ein Erfolgsprojekt. Ich lebe nun einmal in einer hochgradig differenzierten Gesellschaft und auch ich bin in meinem Wissen differenziert. Mit jedem Stückchen Wissen, das ich erlange, wächst auch auf der anderen Seite mein Nicht-Wissen von etwas anderem. Alles andere ist eine Illusion.

Aber wie schreibt doch Kodo Sawaki in seinem Buch „An Dich“? „Allein sind die Menschen noch annehmbar, doch wenn sie Cliquen bilden, fangen sie an, zu verblöden. Sie verfallen dem Gruppenwahn. Sie sind so sehr darauf aus, in Gruppen zu verblöden, dass sie dafür extra Vereine gründen und Mitgliedsbeiträge bezahlen.“ Ich finde ihn schon deswegen so interessant, weil er noch lebte, als ich geboren wurde, ich also davon ausgehe, dass er unsere moderne Zeit wohl kannte. Wie dem auch sei, mit dem Cliquen-Bilden kenne ich mich aus. Ich war in vielen Cliquen zuhause, erst in der Schule im Internat, dann während des Studiums, dann als Anwalt, später als Politiker auch noch in einer Partei. Bis ich den Wahnsinn, auf den ich mich da einließ, endlich anfing zu durchschauen. Da wurde mir dann doch so langsam bewusst, wie ich meine Wahrnehmung der Wirklichkeit selbst betäubt hatte.

Denn wie schreibt er ganz richtig? „Wo sich Gruppen bilden, wird die Wahrnehmung betäubt, und der Mensch hört auf zu verstehen, was gut ist und was schlecht ist. Es ist nicht so, dass wir Mönche uns von der Welt zurückziehen oder der Realität davonlaufen wollen. Wir wollen einfach nicht dabei mitmachen, unsere Wahrnehmung zu narkotisieren.“ Nur halte ich es nur für schwierig für mich alleine seiner Empfehlung zu folgen und in Wäldern und Bergen nach seiner Berufung zu suchen, auch wenn Wälder und Berge hier „nur“ hier die transparente Welt bedeuten. Eine transparente Welt ist für mich eine Welt, die ihrer Natürlichkeit nicht beraubt ist. Das bedeutet jetzt nicht, dass wir alle zurück auf die Bäume sollen, da wäre es dann auch ziemlich eng, sondern es bedeutet vielmehr, dass wir uns anders organisieren.

Eben im Einklang mit der Natur und damit mit mir selbst. Doch da steckt die Kröte drin, denn das kann ich nicht alleine bewerkstelligen, dazu brauche ich die Gemeinschaft aller Menschen, aber keinen Verein. Jeder Einzelne muss eigenverantwortlich handeln, es ist ein Unding zu glauben, man könnte anderen sagen oder gar anordnen, was sie zu tun haben. Es gibt also zwei Bereiche, die wieder in Übereinstimmung gebracht werden müssen. Da ist zum einen das Natürliche (was erst einmal nur ein Begriff ist, der der weiteren Präzisierung bedarf) und zum anderen unser Handeln als menschliche Gesellschaft. Beides muss wieder zusammenpassen, sich zusammenfügen.

Doch das braucht keine emotionalen Reaktionen, sondern klug durchdachte Konzepte.