Natürlich sein

Klar, wer will nicht so sein! Nur was ist ‚natürlich‘? Dieser Gedanke ging mir durch den Kopf, als ich diesen Text von Wilhelm Klingholz las. Ja, was ist überhaupt natürlich? Wie Wilhelm Klingholz richtig schreibt, ein Eichhörnchen, ein Hund und eine Katze, die kennen nichts Unnatürliches. Für die gibt es weder Natürliches noch das Gegenteil davon. Denn das sind rein menschliche Kriterien, ein Tier kennt die nicht. Nicht in seinem Denk-Repertoire enthalten. Aber in unserem.

Und das macht einen gewaltigen Unterschied aus. Kann der Mensch aufgrund seiner Selbstbewusstheit überhaupt noch so ursprünglich sein, wie es ein Tier sein kann? Ich behaupte, dass er es kann. Wir nennen diesen Zustand dann Flow. Doch in diesen Zustand kommen wir nicht ‚einfach so‘, sondern es müssen bestimmte ‚Bedingungen‘ erfüllt sein, warum auch immer. Mihály Csíkszentmihályi, der sich intensiv mit diesem Phänomen befasst hat, beschreibt acht Komponenten der Flow-Erfahrung.

Die ersten drei können als notwendige Voraussetzungen für ein Zustandekommen derartiger Erfahrungen bezeichnet werden, die weiteren fünf beziehen sich auf die Ebene des subjektiven Erlebens beim Handeln im Flow.

    1. Klarheit der Ziele und unmittelbare Rückmeldungen.
    2. Eine hohe Konzentration auf ein begrenztes Feld.
    3. Das stimmige Verhältnis zwischen Anforderungen und Fähigkeiten.
    4. Das Gefühl von Kontrolle, dem aber nichts Zwanghaftes anhaftet. Es ist vielmehr ein Zustand der Gelöstheit und Angstfreiheit.
    5. Die Mühelosigkeit des Handlungsablaufs.
    6. Die Veränderung des Zeiterlebens.
    7. Das Verschmelzen von Handlung und Bewusstsein, von Aktivität und Aufmerksamkeit. Diese Erlebnisweise lässt keinen Raum mehr für Sorgen, Ängste und Überlegungen, die sich um die eigene Person ranken.
    8. Die autotelische Qualität der Flow-Erfahrung. Das Ziel der Tätigkeit liegt zu einem großen Teil bereits in der Handlung selbst.

Alles klar soweit? Ich befinde mich demnach in einem Zustand des Flow, dem ich durchaus das Attribut „natürlich“ zuschreiben würde, wenn „es“ denkt, spielt, läuft und handelt – „es“, und nicht „ich“. Ein Flow-Zustand ist vor allem paradox. So habe ich subjektiv keine bewusste Kontrolle, handle aber gleichzeitig im Gefühl absoluter Sicherheit.

Entscheidend für den Flow-Zustand ist, dass Selbstorganisation möglich wird, was immer dann der Fall ist, wenn sich die Aufmerksamkeit auf so genannten Ordnungsparameter oder „Ordner“ des Systems richtet. „Ordner“ (ich sage immer Prinzipien dazu) sind Aspekte einer höheren, feineren Ebene, die quasi von außen das gesamte System in einen Zustand harmonischeren Funktionierens überführen. Ordner steuern ein System indirekt, aber gerade dadurch höchst effizient. Will man ein komplexes System möglichst effizient steuern, muss man zunächst seine Ordner identifizieren und diese dann kultivieren.

Es ist also keine Frage, auch wir Menschen können selbstverständlich „natürlich“ leben, doch nicht einfach so, sondern indem wir uns an eine dementsprechende Kultur halten. Denn wir haben, das denke ich jedenfalls, immer wieder die Tendenz, aus dem Flow-Zustand herauszufallen. Also bei mir ist das so. Daher brauche ich immer Markierungen, so eine Art Seezeichen, die mir signalisieren, ob ich mich noch auf Kurs befinde oder nicht mehr. Die effektivste Art, um sehr schnell zu sehen, wo ich gerade unterwegs bin, ist für mich der Dialog. Der ist so kompromisslos wie Motorradfahren. 

Vielleicht schätze ich beide deshalb so sehr, den sie symbolisieren für mich den vollkommen natürlichen Zustand, jeder auf seine Art.