Nur Weisheit hilft weiter

Wissen muss konsequent weitergedacht werden. Und auch dementsprechend zu handeln ist absolut notwendig. Also nicht nur darüber zu reden. Das ist der Weg, der über Wissen letztlich zur Weisheit führt. Jedenfalls ist Aktionismus nicht der Weg. Was wir uns nur ausdenken, wird an der Oberfläche bleiben. Und damit bleiben wir selbst oberflächlich. Was wir brauchen, ist ein grundlegend anderes Denken – und kein Gerede vom Wandel.

Weise zu sein hat für mich klare Eckpfeiler. Da ist einmal die Struktur des Denkens. Es ist notwendig auch so zu denken, wie die Welt ist, nämlich komplex und eben nicht linear. So wie Nathalie Knapp es in ihren Büchern beschreibt. Das braucht weiter ethisch korrektes Handeln, dessen Basis in dem Bewusstsein liegt, dass alles das in sich differenzierte Eine ist. Und es braucht vor allem Wissen über „normales“ menschliches Verhalten, etwa so wie es  Étienne de La Boétie  in seinem Text „Freiwillige Knechtschaft“ oder auch H- G. Wells „Im Land der Blinden“ treffend beschrieben haben. Wir müssen ernst nehmen, dass wir eben Menschen sind und alle mit den selben Phänomenen zu kämpfen haben.

Das ist übrigens nicht wirklich neu, nur zum wiederholten Mal aufgegriffen und mit einem anderen Zugang versehen. Wir finden dieses Denken schon im Aikido wie im Ch´an, aber auch in der Philosophia perennis, so wie Aldous Huxley sie in seinem Buch beschrieben hat. Es geht darum einfach und klar zu denken, frei von Konzepten und Theorien, eine un-theoretische Haltung zur Wirklichkeit, ohne Doktrin und ohne Dogma. Es mag schwierig sein, auf dieser Basis wissenschaftliche Erkenntnisse auf das eigene Denken zu übertragen, ohne dabei dem Mystizismus zu verfallen, doch genau darum geht es. Solange uns eine absolute Wahrheit nicht zugänglich ist, müssen wir uns, wie Viktor Frankl es einmal gesagt hat, damit begnügen, dass die relativen Wahrheiten einander korrigieren. Doch damit dies gelingt, brauchen wir definitiv den Dialog, so wie David Bohm ihn definiert.

Der Dialog ist der Beginn einer anderen Art des gedanklichen Austauschs, der die völlige Versenkung in den Geist ermöglicht, eine Versenkung, in der nach und nach die bekannte Begrifflichkeit verschwindet. Vor allem verschwindet das „Ich-Denken“ und macht einem rein prozesshaften Denken Platz. Ein Denken, das verschwindet, wenn die Illusion des „Ich“ wieder auftaucht und einen blind werden lässt für das, was ist. In diesem Denken gibt es niemandem, der etwas „falsch“ oder „richtig“ machen könnte, sondern nur ein ineinander verwobenes, sich selbst organisierendes Geschehen, frei von Wertung und Beurteilung. Es geht nicht darum, sein wahres Wesen zu erkennen und es sich in seiner ursprünglichen Reinheit offenbaren zu lassen, sondern endlich zu tun, was zu tun ist.

Weise zu sein setzt mehr als Wissen voraus, dafür braucht es Erfahrungswissen. Ich sage dazu immer, dass ich es leben muss, soll es nicht bei einer Kopfgeburt bleiben. Und erfahren kann ich mich nur in Beziehungen zu anderen. Es ist eine Herausforderung, so zu denken, ganz klar. Doch die nehme ich an. Dazu gehört vor allem eine klare dialogische Haltung, die sich in wirklich allem widerspiegelt, eine Haltung, die sich bewusst ist, dass es uns nicht gibt, sondern nur Beziehung, Austausch und Geist. Man muss es definitiv tun, wenn es etwas werden soll. Aber es gibt keinen Weg dorthin. Ich bleibe solange in der bisherigen Position, bis mich die Erkenntnis ereilt. Dann brauche ich aber nichts mehr zu tun, denn dann bin ich es, nur bin ich eben anders als vorher. Eine andere Stufe des Bewusstseins. Nichts ist scheinbar anders und doch ist es ganz anders.

Mir dieses Prozesses bewusst zu sein öffnet die Tür zu Erkenntnis und Einsicht und letztlich zur Weisheit. Bin ich mir dessen jedoch nicht bewusst, bleibt die Tür verschlossen.