Ohne Angst leben?

Ist das möglich? Ich denke ja, ist es. Nur denke ich auch, dass dafür einige „Bedingungen“ erfüllt sein müssen. Die sind wohl schnell benannt, doch nicht so einfach zu erreichen, mit Sicherheit nicht auf Befehl. Es kostet zwar keine Anstrengung, aber wohl Disziplin, um sie zu realisieren.

Erst einmal: Bewusst sein

Eines ist sicher: Je bewusster ich mir in jedem Augenblick meines Lebens bin, desto weniger Angst verspüre ich. Wenn ich wirklich bewusst bin, was etwas anderes ist, als nur darüber zu reden, dann fühle ich mich auf eine eigenartige Weise sicher. Nicht, dass ich dann glauben würde, ich hatte alles im Griff oder unter Kontrolle, aber ich fühle mich handlungsfähig, fähig, das Richtige zu tun, wenn ein Handeln von mir angesagt ist. Dabei bedeutet es gerade auch, mir keine Gedanken zu machen, nicht zu überlegen, was wäre wenn.

Wenn ich es genau bedenke, mache ich mir in solchen wirklich und nicht nur vermeintlich bewussten Zuständen überhaupt keine Gedanken, was nicht bedeutet, dass ich gedankenlos handeln würde. Ganz im Gegenteil, aber dann denke nicht ich, sondern „es“ denkt in mir. Schwierig auszudrücken. Jedenfalls bin ich dann ganz präsent, dann esse ich, wenn ich esse oder schreibe, wenn ich schreibe. Und wenn meine Konzentration doch mal nachlässt, suche ich sie schnellstmöglich wieder einzufangen und erneut auszurichten.

Die stimmige Art zu sein

Es ist schon witzig mit der Angst. Eigentlich weiß ich eher, was ich nicht tun darf, damit sie mir vom Hals bleibt, als dass ich wüßte, was ich tun muss. Doch noch einmal zur Konzentration. Wenn ich mich konzentriere, konzentriere ich mich eigentlich nicht auf etwas Konkretes, sondern bin in mir präsent, heißt, ich bin mir meiner 90 Kilogramm bewusst. Zu sagen, ich würde sie spüren oder fühlen wäre völlig falsch, denn das trifft es nicht. Es ist das Gefühl, in jeder Zelle meines Körpers präsent zu sein. Und irgendwie bin ich dann auch in dem präsent, was ich wahrnehme.

Vielleicht sollte ich mich immer wieder fragen, ob ich überhaupt anwesend in mir selbst bin, mir also bewusst sein, wenn ich es nicht bin. (Was mich gleich die Musik [Light My Fire von den Doors] etwas lauter machen lässt.) Das ist die beste Möglichkeit, nichts zu verdrängen und mich nicht gedankenlos in irgendetwas zu verlieren. Also Schluss mit allem Seichten, Halbherzigen. Ohne Angst zu leben ist ganz klar ein Leben im Augenblick, aber ohne mir Gedanken über das zu machen, was nachher sein wird. Was nicht bedeutet, keine Vorsorge zu betreiben, aber sehr dezidiert und gerade nicht angstgetrieben. Etwa mir zu überlegen, was ich morgen essen werde oder auch zu wissen, wann mein Auto zum TÜV muss und ob die Miete überwiesen ist.

Sorgen sind kontraproduktiv

Mich jedoch wegen etwas zu sorgen ist die beste Gelegenheit, mich selbst zu verlieren. Und in dem Augenblick, indem ich mich selbst verloren habe, wenn ich nicht mehr bei mir sondern bei meinen Gedanken bin, dann verliere ich wirklich etwas, weil ich in solchen Augenblicken einfach nicht wahrnehmen kann, was zu tun wäre und vor allem, welche Möglichkeiten ich habe. Mir Sorgen zu machen lässt mich an etwas festhalten, und dieses Festhalten verhindert die in jedem System präsente Fähigkeit zur Selbstorganisation. Nur „funktioniert“ die eben nicht, wenn ich mich gedankliche einmische und etwas erreichen will. Doch genau das tue ich, wenn ich mir Sorgen mache. Und ich habe noch nie erlebt, dass jemand davon erzähl hat, in einem Flow-Zustand gewesen zu sein und sich dabei Sorgen gemacht zu haben.

Ich denke, je besser ich ohne Ängste leben kann, desto eher melden sich auch (wieder) meine Instinkte zu Wort. Die kann ich ja leider nicht entwickeln, die sind immer da, nur kann ich sie mit Sorgen und Ängsten perfekt verhindern. Und merke es nicht einmal. Instinkt kann ich ja nicht entwickeln, wohl aber dafür sorgen, dass mein Instinkt aus einem möglichst großen Reservoir an Wissen schöpfen kann. Natürlich nicht einem beliebigen Wissen, sondern verifiziertem Wissen. Und ich darf Instinkt auch nicht wollen.

Die Erfahrung des Lebendigseins

All das wirft natürlich die Frage auf, weshalb ich das nicht ganz selbstverständlich immer tue. Gestern haben ich eine Katze beobachtet, die in einem Fenster im ersten Stock saß und interessiert auf die Straße und was da so zu sehen war herunterschaute. Die war ganz offensichtlich vollkommen präsent, absolut konzentriert und garantiert war die auch in jeder Zelle ihres Körpers anwesend. So sind Katzen nun einmal. Immer anwesend, immer konzentriert, immer präsent. Übrigens wie auch kleine Kinder. Sie leben ganz einfach im Hier und Jetzt, und das ohne irgend eine Einschränkung. Ich denke, Katzen (und Kinder) haben einfach keine Zeit für Ängste, dafür sind viel zu sehr damit beschäftigt, zu leben.

Um ein Haar hätte ich vor dem „zu leben“ noch ein „wirklich“ eingeschoben. Ein sehr menschlicher Gedanke. Wir Menschen leben zwar, aber wir kosten vielfach das Leben nicht aus, sind mit völlig anderen Dingen beschäftigt, Sorgen und Ängsten etwa. Und halten das dann idiotischer Weise für unser Leben. Oder wie wir unsere Ängste und Sorgen verdrängen und nicht wahrnehmen können. All das kosten uns die Erfahrung des Lebendigseins. Max Weber schrieb schon 1905, dass unserem Zeitalter die mechanisierte Versteinerung drohe. Und wenn ich mich so umsehe, habe ich oft genau dieses Gefühl. Und ich selbst fühle mich manchmal leider auch so. Aber ich merke es. Und das ist gut so, denn dann kann ich damit aufhören.

In Beziehung sein – gerade auch mit dem Tod

Lebendig bin ich, wenn ich in Beziehung bin. In Beziehung bin ich jedoch nur, wenn diese Beziehung auch etwas mit mir „macht“, sie mich innerlich bewegt. Lebendigkeit ist eine Beziehungsform, die sich der Logik der Steigerung und Optimierung, der Beherrschung wie der Kontrolle widersetzt. Wer sein Leben unter Kontrolle hat, ist tot, jedenfalls lebt er nicht wirklich, genauso wie der, der sein Leben zu optimieren sucht. Lebendigkeit hat keine willentliche Absicht. Entweder ich bin es oder ich bin es nicht. Was mich direkt zu der Überlegung bringt, ob man in unserer „normalen“ Gesellschaft überhaupt lebendig sein kann, eine Gesellschaft, in der Konvention die Norm ist. Ich kann, jedoch nur, wenn ich aus der Konvention ausgestiegen bin.

Ja, ein Leben ohne Angst ist möglich. Doch das verlangt von mir zu leben. Leben, also wirklich leben, kann ich aber nur, wenn ich das in dauernder Gegenwart des Todes tue. Was jetzt nicht bedeutet, dass ich ständig über den Tod nachsinnen müsste. Es ist eher die Gleichzeitigkeit, das Bewusstsein für die Unbeständigkeit und Vergänglichkeit. Nicht ohne Grund faszinieren mich die Fotos von den verwelkenden Rosen in unserem Garten so sehr. Nichts macht mir ihre Schönheit bewusster als ihr Verfall. Es ist eine Falle, darin Dekadenz zu sehen, eine Falle, die mich meine Lebendigkeit kosten würde.

Vollkommene Akzeptanz

Es mag für den einen oder anderen verwunderlich klingen, aber diese melancholisch wirkende Akzeptanz der Vergänglichkeit wie der Unbeständigkeit, auch meiner eigenen Vergänglichkeit, nimmt mir meine Ängste, etwa die vor meinem eigenen Tod. Dabei bin ich mir bewusst, dass es ein schmaler Grat ist, auf dem ich bleiben muss, will ich nicht Gefahr laufen, in Aufgabe und Fatalismus einerseits oder Konvention und Oberflächlichkeit andererseits abzurutschen.

Vielleicht ist das ja einer der Unterschiede im (Er-) Leben zwischen dem Menschen und der sonstigen Natur, dass sich der Mensch durch seine Selbstbewusstwerdung gerade auch der Vergänglichkeit und damit des eigenen Todes bewusst geworden ist. Und das löst Ängste und auch Sorgen aus – wenn man sich damit nicht konstruktiv auseinandersetzt.

Ohne Angst leben kann ich also nur dann, wenn ich bewusst lebe und dabei nichts ausklammere. Nichts anderes als vollkommene Akzeptanz dessen, was ist. Ohne Schnörkel oder irgendein Getue.