Parzival und die Samurai

Was nur haben die Parzival-Sage und die Geschichte der Samurai gemeinsam? Es ist bei beiden eine Abkehr von dem gewöhnlichen Leben der Menschen ihrer Zeit, die sich vielfach nur für sich selbst, das eigene Wohlergehen interessierten und sich auf die verschiedensten Arten selbst zu behaupten hofften. Doch sie gingen einen falschen Weg, wie wir heute wissen.

Beide gesellschaftliche Welten waren geprägt von Gewalt, Egoismus, Selbstbezogenheit und Gier. Die Frage, die sich mir dabei immer aufdrängt ist, ob es denn heute wirklich anders ist? Ich selbst lebe, wenn ich es recht bedenke, wie im Schlaraffenland im Vergleich zu sehr, sehr vielen anderen, wenn ich sehe, wie sie leben und was sie erleben müssen. Dabei weiß ich das auch meist nur vom Hören-Sagen, selten bekomme ich es einmal wirklich mit. Und Kriege in anderen Ländern interessieren uns doch meist nur, weil dann der Sprit teurer wird. Und um das Gewissen zu beruhigen, schicken wir eben Spenden in die Länder, in denen die Menschen leiden.

Doch wer fragt schon ernsthaft, warum so viele Menschen überhaupt leiden? Klar kaufe ich mir ein neues Handy, wenn das alte den Geist aufgegeben hat; doch frage ich mich auch, wie die Batterie darin und die verwendeten Metalle gewonnen werden? Das weiß ich zwar, doch ich stehe vor einem Dilemma: Ich kann dagegen als Einzelner äußerst selten etwas ausrichten. Ich bin nicht der Erfinder, der das erfindet, was man vielleicht statt dessen nutzen könnte. Doch dieses Dilemma ist in Wirklichkeit keines, sondern nur die Folge eines unzutreffenden Denkens, eines Denkens, das die Lösung schlicht ausklammert: Wir bräuchten einfach nur zusammen zu denken und zu handeln.

Was „eigentlich“ das Natürlichste von der Welt ist, etwa wenn man weiß, dass „aktive“ Bäume alte Baumstümpfe mit Nährstoffen versorgen, Pflanzen untereinander kommunizieren genauso wie Bäume durch Duftstoffe mit dem Wetter beziehungsweise dem Klima und so weiter und so fort. Eine absolut faszinierende, ja mystisch scheinende Welt. Vorausgesetzt natürlich, die Krone der Schöpfung mischt sich nicht ein und versucht das Beste für sich herauszuholen.

Doch es ist vollkommen sinnlos zu denken oder zu glauben, man könnte die Menschen durch Anweisungen oder Regeln zu „korrektem“ Verhalten bewegen. Denn genau das ist der Irrglaube, dem so viele erliegen, nämlich zu meinen, sie könnten einem anderen sagen, was er tun soll und nur sie wüssten, was richtig ist. Auch ich werde nur dann wissen, ob ich mit meinen Überlegungen richtig liege, wenn sie der Natur entsprechen und ich sie mit meinem Gegenüber geklärt habe, soweit es den Menschen betrifft. Aber nicht demokratisch, sondern anarchistisch. Doch dazu müssten wir uns ganz anders organisieren. Nur ist das ein anderes Thema.

Was also verhindert, dass wir Menschen uns ganz einfach kooperativ zueinander verhalten? Es ist eine Art von selbst verschuldeter Blindheit, die wir aber gerade zu erkennen beginnen. Wir fangen an zu verstehen, dass die Welt Eins ist, zwar in sich differenziert, aber Eins. Und wir beginnen zu erkennen, dass die Ch’an-Menschen doch nicht so falsch mit ihrer Annahme lagen, dass es zwar keinen Handelnden sondern bloß die Handlung gibt, aber keine Erfahrung, sondern nur den Erfahrenden, nur sich zusammenfügende Teile, in Wandlung begriffen. Weshalb ich es auch für unsinnig halte, einen Wandel zu wollen, denn es ist schon alles in Wandlung begriffen.

Im Denken vieler Menschen ist die Realität des Seins genau umgekehrt. Sie glauben nämlich, dass es einen Handelnden gibt und sehen ihre Erfahrung als gegeben an. Ein, wie ich finde, fataler Irrtum. Es ist nämlich genau anders herum. Die Auswirkungen dieser irrigen Einstellung erleben wir gerade überdeutlich mit existenzbedrohenden Folgen. Da darüber zu lamentieren nicht hilft ist die Frage, wie man diese Art zu denken auflösen kann. Wie das geht, das finden wir sowohl in der Parzival-Sage wie in der Geschichte beziehungsweise der Philosophie der Samurai: Den anderen nicht bewerten und nicht beurteilen.

Es genügt nicht, wie Parzival oder die Samurai kämpfen und siegen zu können. Zu uns selbst können wir erst dann finden, wenn wir uns selbst im anderen begegnen können. Daher ist die Frage, die Parzival Erlösung bringt, seine Frage an Anfortas: „Oheim, was wirret du?“ („Woran leidest du?“). Und diese Frage erlöst nicht nur ihn, sondern auch Anfortas. Hinter der Frage, woran der andere leide, steht letztlich eine Haltung, die das Ich-Denken überwunden hat. Die gleiche Haltung finden wir in der Philosophie des Bushido. Oder sollte ich statt Philosophie nicht besser Einsicht sagen? Einsichten, die ich habe, zeigen sich in meiner Haltung, Philosophien nicht unbedingt, nur dann, wenn sie mit Einsicht einhergehen.

Und genau das ist, was Parzival und die Samurai gemeinsam hatten: Einsicht in das eigene Wesen.