Perfektion oder Perfektionismus

Das ist nur scheinbar das Selbe, tatsächlich besteht dazwischen ein gewaltiger Unterschied. Das erste Mal wurde ich schon vor langer Zeit damit konfrontiert, als ich nach einer längeren Krankheitsgeschichte als gesund aus dem Krankenhaus entlassen worden war, mich aber immer noch ziemlich krank fühlte.

Wir fuhren ziemlich bald danach mit einer Arbeitskollegin und Freundin meiner Frau in den Urlaub in die österreichischen Voralpen. Eines Tages, ziemlich zu Beginn, brachen wir zu einer längeren Tour auf, das Ziel war eine Berghütte. Doch ich mit meiner Nach-Krankheit im Rucksack knickte schon nach wenigen Kilometern völlig ein, war fix und fertig und komplett am Ende. „Geht ihr nur, ich geh zurück!“, war das Einzige, was mir noch zu sagen einfiel. Doch Susanne, unsere Begleiterin, machte da nicht mit.

Ziel oder Weg – das ist die Frage

Sie brachte mir bei, das Ziel wieder zu vergessen und mich auf jeden Schritt zu konzentrieren, Schritt für Schritt zu gehen und nicht mehr zu überlegen, wie weit es denn noch bis zu der Berghütte wäre. Und, Wunder über Wunder, ich kam dort auch an, nur wenig nach den beiden. Nicht, weil ich mich angestrengt hatte, sondern einfach nur weil ich einen Schritt nach dem anderen machte – das aber sehr bewusst. Da wurde mir das erste man der Unterscheid zwischen Perfektion und Perfektionismus deutlich.

Perfektionismus ist es dann, wenn ich nur noch das Erreichen des Ziel im Kopf habe, aber den nächsten Schritt nicht im Blick habe. Und da geht mir wie oben erzählt verdammt schnell die Luft aus, einfach deshalb, weil es mir, wie damals beim Wandern, unmöglich erscheint, das Ziel sicher zu erreichen. Doch als ich dann Schritt für Schritt mit dem Gedanken im Kopf ging, „du gehst soweit wie es eben geht„, in dem Moment „wechselte“ ich zum perfekten Tun. Es ist ja auch interessant, dass es „perfekt“ nicht als Hauptwort, sondern nur als Adjektiv gibt. Ein Eigenschaftswort ist in der Sprachwissenschaft diejenige Wortart, welche die Beschaffenheit eines konkreten Dinges, einer abstrakten Sache, eines Vorganges oder Zustandes beschreibt. Aber es ist definitiv keine Sache.

Reagieren, ohne nachzudenken

Gestern wurde ich auch wieder an den Unterscheid erinnert, wenn auch auf ganz andere Weise. Ich war mit dem Motorrad unterwegs und es wahr sehr, sehr windig und extrem böig. Ich bemerkte das an den unruhigen Bewegungen des Motorrades, aber ich merkte nicht, dass ich irgendetwas getan hätte. Was natürlich absolut nicht der Fall gewesen sein konnte. Tatsächlich habe ich auf jede Bö unmittelbar mit einer Bewegung des Lenkers und auch mit einer Gewichtsverlagerung reagiert. Mein Körper passte sich mit seinen Handlungen perfekt (!!) den Umständen an – nur war mir das absolut nicht bewusst. Perfekt ist, vorausgesetzt man hat das notwendige Wissen, wenn das, was man tut, so gut ist, dass nicht das Geringste daran auszusetzen ist. Und genau so war es auch.

In dieser Situation hatte ich die perfekte Kontrolle über die Situation, aber nur, weil ich sie nicht zu kontrollieren suchte oder das gar gewollt hätte. Ich machte einfach, was zu tun war, ohne einen einzigen Gedanken daran zu verschwenden, was ich vielleicht tun sollte oder müsste. Wirklich perfekt. Ganz klar, das war Kontrolle durch Nicht-Kontrolle. Das, was mir da gelang, gelang mir in den Kurven leider nicht so gut. Mein versteckter Hang zum Perfektionismus verhinderte nämlich, dass ich perfekt gefahren wäre. Sobald ich Ansprüche an mich habe, taucht immer diese Krake Perfektionismus auf und verhindert, was möglich wäre. Daher konzentrierte ich mich auf mein Tun, also das, was ich in den Kurven tat. Und dabei bemerkte ich sehr schnell, dass Maschine und Körper „scheinbar“ eins waren. Und genau das war das Problem. Je mehr ich nämlich den Körper in meiner Empfindung von der Maschine trennte, desto besser konnte ich die Maschine bedienen.

Das Ziel: Mich vergessen zu können

„Eigentlich“ war mir das nicht neu, ich kannte diese Selbstvergessenheit schon aus früheren Situationen. Aber es ist nicht einfach nur Selbstvergessenheit, denn die Basis muss da sein, sonst hilft die ganze Selbstvergessenheit nicht. Gerade vorhin habe ich einen Text darüber gelesen, wie man sich nicht so oft ins Gesicht fasst, schließlich ebnen wir auf diese Weise den Viren auf unserer Haut den Weg zu uns über Augen und Mund. Ganz einfach: Will man sich weniger im Gesicht anfassen, muss man die Sinne auf diese Handlung aufmerksam machen, etwa über den Trick mit der parfümierten Seife. Wenn also etwas nicht so klappt, wie es „eigentlich“ sollte, muss ich mir zu allererst einmal bewusst machen. Also muss ich mir meines perfektionistischen Handelns bewusst werden, um es abzustellen. Einfach nur bewusst werden, das langt schon.

Auf jeden Fall muss ich das perfekte Verhalten nicht üben, das ist ganz von alleine da, wenn ich das zielorientierte, perfektionistische Verhalten erst einmal als hinderlich ansehen und mir dann auch noch bewusst wird, wenn ich es tue. Das ist übrigens immer so, auch wenn wir es ganz anders gelernt haben. Ich muss meinen Fokus auf das Falsche richten, was ich tue. Richte ich den hingegen auf das (vermeintlich) Richtige, kommt sofort die Krake des Perfektionismus und verhindert alles. Nur wenn ich das Falsche sein lasse, kann das „perfekt“ sein, was ich tue. Vorausgesetzt natürlich, das aber ist logisch, ich habe die notwendigen und erforderlichen Handlungsschritte intus. Das ist ganz deutlich bei dem Thema Motorrad: Wissen, wie ich mich verhalten sollte, weiß ich schon seit einiger Zeit. Nur leider ist das Falsche so anhänglich.

Man muss nur das Falsche lassen, damit das Richtige auftaucht.