Raus aus der Konvention!

Das ging übrigens einfacher, als ich dachte. Ich musste mich nur dazu entschließen und es wirklich tun. Das war alles. Heute würde ich diesen Schritt mit meinem ersten Schritt auf ein Segelboot vergleichen. Aber nicht zum Sonnensegeln, sondern zum richtigen Segeln, also bei ein bisschen Wind nicht gleich wieder in den Hafen, sondern es mal so richtig krachen lassen.

Die Schwierigkeit für einen eher ängstlichen Menschen ist, dass ich das „auf See sein“ nicht üben kann, ich kann es nur tun. Learning by doing eben. Ich konnte mich zwar darauf vorbereiten, mir die richtigen Klamotten kaufen, über ein paar Eigenarten im Leben auf einem Boot nachlesen, navigieren lernen. Doch wie es dann auf dem Boot tatsächlich ist, das ist dann doch etwas ganz anderes, etwas vollkommen anderes. Es ist der Unterschied zwischen darüber reden und es tatsächlich tun und erleben.

Für mich war es eine Faszination und eine Herausforderung gleichermaßen. Übrigens beides, also das Segeln und das aus der Konvention aussteigen, wobei den Schritt aus der Konvention zu machen für mich wesentlich schwieriger war. Das wurde mir so richtig bewusst, als ich mit dem Motorradfahren anfing. Das ist nämlich ganz ähnlich. Die Stabilität, die man sonst zu haben glaubt, ist mit einem Mal weg.

Das Interessante ist, dass sowohl beim anspruchsvolleren Segeln wie auch beim zügigen Motorradfahren kein Platz für die Mechanismen ist, die aber in der Konvention „normal sind“: Beliebigkeit, Oberflächlichkeit, kein Klartext und so weiter. Eben gute Manieren, mehr aber auch nicht. Doch was macht den Unterschied? Obwohl ich segle und auch Motorrad fahre, konnte ich es lange nicht in Worte fassen. Erst als ich das Buch „Kaiseki: Die Weisheit der japanischen Küche“ von Malte Härtig las, viel es mir wie Schuppen von den Augen. In der Beschreibung stand dieser Text: „Einfachheit, Achtsamkeit, Ruhe, Konzentration auf Details – all diese Elemente der japanischen Philosophie finden sich in der Teezeremonie und im Kaiseki wieder.

Das war es! Und genau das findet sich auch sowohl beim Segeln wie beim Motorrad fahren (und natürlich nicht nur da!) wieder: Einfachheit, Achtsamkeit, Ruhe, Konzentration auf Details. Natürlich nur, wenn es gelingen soll. Ich würde das noch ergänzen wollen mit „klare und eindeutige Entscheidungen“ treffen. Dabei ist dies nichts ausschließlich Japanisches, sondern findet sich auch in anderen philosophischen Traditionen wieder.

Was mich aber schon lange irritiert, das ist die Frage, warum sich viele sowohl beim Segeln wie auch beim Motorradfahren an Regeln halten, die sie im „normalen“ Leben dann aber nicht mehr einhalten, etwa im Gespräch. Warum ist da dann doch wieder Konvention angesagt, statt Einfachheit, Achtsamkeit, Ruhe und Konzentration auf Details? Vielleicht eine müßige Frage, mittlerweile scheint es mir falsch zu sein, nach Erklärungen zu suchen, warum manche wieder in die Konvention zurückfallen, statt einfach zu sehen, dass das der falsche Weg ist.

Daher achte ich darauf, diese Prinzipien, nämlich Einfachheit, Achtsamkeit, Ruhe und Konzentration, zur Ausgangsbasis bei allem zu machen, was ich tue.