Rituale und Lebensorganisation

Mit Ritualen und, wenn weniger bewusst und ‚gewollt‘, Gewohnheiten organisieren wir unser alltägliches Leben. Dabei ‚helfen’ uns Rituale nicht, sondern sie tun es, so oder so. Sie sind insofern neutral, da sie nur ein Ausdruck des eigenen Selbst- und Weltverständnisses sind. Ob ich früh mein Schlafzimmer ‚ordentlich‘ verlasse oder nicht ist ein Ritual und ein Ausdruck meiner selbst.

Was auch tückisch sein kann, denn ein scheinbar ‚positives‘ Ritual ist vielleicht nur dafür da, um von etwas anderem abzulenken. So kann ich mich durch ein spezifisches Ritual in eine entsprechende ‚Stimmung‘ bringen, was mich wunderbar von mir selbst ablenken kann.

Es macht daher keinen Sinn, ein einzelnes Ritual oder eine einzelne Gewohnheit zu betrachten, ich muss mir erst einmal meines eigenen Gesamtwerkes bewusst werden. Betrachte ich nur ein einzelnes Element, kann ich dessen Bedeutung in dem Kontext des Gesamten nicht sehen. Und ich muss dabei noch weiter sehr achtsam sein, denn ich lebe zwar scheinbar nur in meiner Gedankenwelt, doch tatsächlich gehöre ich ja auch zu dem nächst größeren System. Je nachdem, welche Funktion ich darin übernehme, definiert das auch mich.

So waren viele Rituale meiner Jugend schlicht Ausdruck meiner Probleme mit der Gesellschaft. Was es nicht gegeben hätte, wenn das nicht irgendwie Sinn gemacht hätte. Das ist die absolute Herausforderung im Leben zu begreifen, dass darin nichts ‚einfach so’ passiert, sondern sich in einem Prozess selbst organisiert. Was die Frage aufwirft, warum in der Natur es sozusagen in ihrer Matrix enthalten ist, dass sich ein Egoismus entwickeln kann. Aber eben nicht überall, sondern nur bei einer Spezies, dem Menschen.

Vielleicht ist ‚Sinnhaftigkeit‘ nur ein menschliches Gedankenexperiment, um etwas zu erklären, was für den Menschen nicht wirklich zu verstehen ist. Wie dem auch sei, es gibt für den Menschen eine ideale Lebensform, jedenfalls sehe ich das so. Doch das ist nichts, was ich mir ausdenken kann, es gibt sie nur, wenn ich mir keine Gedanken darüber mache. Wir nennen es ‚Flow‘. Doch diesen Zustand kann ich wie auch Bewusstheit oder Selbstorganisation nicht erreichen, aber ich kann ihn verhindern.

So sollten meine Rituale aussehen. Nichts erreichen wollen, sondern mich zulassen, wie ich eigentlich bin. Ohne dieses konventionelle Gedöns, das ich mir noch ständig selbst überstülpe, wenn auch nicht mehr so oft und eher unter Protest. Das ständige Nachdenken muss ich einstellen, will ich in diesen Zustand kommen. Dabei muss ich gleichwohl nicht nur ‚ich’, sondern auch ‚wir‘ sagen, denn ich bin nun mal nicht alleine auf der Welt. Mich gibt es ja nur, weil es die anderen auch alle gibt. Ich kann nur für mich denken und nur für mich selbst handeln. Entscheidend ist trotzdem, was wir alle zusammen und miteinander tun.

Daher ist es ziemlich sinnlos, ein Ritual für mich alleine zu veranstalten, ohne alle anderen dabei gleichermaßen mit einzubeziehen zu wollen.