Schöne neue Welt

Aldous Huxleys Roman „Brave new world“ scheint immer mehr der Wirklichkeit zu entsprechen, wie wir sie gerade erleben. Doch wo liegt der grundlegende Denkfehler? Sicher ist, wir suchen die Lösung für all unsere Probleme scheinbar dort, wo sie nicht zu finden sind, sonst hätten wir sie ja auch schon längst gefunden. Also sollten wir vielleicht doch einmal damit beginnen, woanders zu suchen. Also bei uns selbst:

Für ein Kind sind seine Eltern alles; sie repräsentieren die Welt. Das Kind kann noch nicht erkennen, dass andere Eltern anders und oft besser sind. Es nimmt an, so, wie seine Eltern die Dinge machen, müssten sie gemacht werden. Folglich war die Erkenntnis – die »Realität« –, zu der dieses Kind gelangte, nicht: »Ich kann meinen Eltern nicht vertrauen«, sondern »man kann keinem Menschen trauen«. Keinem Menschen zu trauen wurde daher die Landkarte, mit der es in die Adoleszenz und das Erwachsenenalter eintrat.

Ein Zitat von Scott Peck aus Der wunderbare Weg: Eine neue spirituelle Psychologie. Für diesen Irrglauben, den ja nicht nur Peck beschreibt, sondern auch andere, Arno Gruen oder Erich Fromm, um nur zwei zu nennen, dafür kann ich meine Eltern nicht verantwortlich machen, das bin beziehungsweise war ich dann schon selbst; ich bin unschuldig schuldig geworden, wie Bert Hellinger es einmal gesagt hat. Und das zu akzeptieren, das tut weh, sehr weh. Da stürzt ein Weltbild ein, alles, worauf ich mein Leben bisher aufgebaut habe, stimmt einfach nicht mehr.

Doch erst, wenn ich mir das wirklich eingestehen, dass es einfach so ist und aufhöre, die Verantwortung für meine Probleme und Schwierigkeiten auf andere zu projizieren oder mir eine heile Welt vorzuspielen, eine Welt, die in Wirklichkeit alles ist, nur nicht heil, erst dann höre ich auf, mir weiter ein X für ein U vorzumachen und letztlich eine Lüge zu leben. Nun will ich einmal eine gewagte These aufstellen: Kann es sein, dass darin der Grund zu sehen ist, dass sich derart viele Menschen so schwer damit tun, ihr tradiertes Weltbild aufzugeben, das auf einem unzutreffenden Verständnis der Welt beruht?

So lange ich noch an die Falschen Götter glaube, wie Arno Gruen es in seinem Buch „Verratene Liebe – Falsche Götter“ beschreibt, so lange sitze ich noch in der Falle, selbst dann, wenn ich meine Eltern ablehne oder für ihr Verhalten anklage. Denn diese Enttäuschung von den eigenen Eltern, dass sie nicht gehalten haben, was ich (!!) von ihnen geglaubt habe, die sitzt tief in mir und solange ich sie mir nicht eingestehe, solange bleibe ich in Haß, Schuld und Selbstmitleid verstrickt. Ist das der Grund, warum für viele Menschen ihre Weltbilder regelrecht heilige Kühe sind, die man tunlichst nicht in Frage stellt?

Menschen streben nach Autonomie, aber sie unterwerfen sich Autoritäten. Sie verlangen nach Liebe, aber sie machen sich abhängig. Wer ihnen Glück verheißt, dem folgen sie, ohne zu erkennen, daß der Weg vielleicht ins Unglück führt. Doch warum ist das so? Wo liegen die Ursachen für derart selbstzerstörerisches Verhaltens? Ohne daß es uns bewußt ist, haben sich schon in unserer Kindheit Selbstverachtung und Selbsthass in unserem Inneren eingenistet. Daraus entsteht eine lebenslange Verkettung von Hass, Schuld und Selbstmitleid.

Das sage nicht ich, sondern Arno Gruen. Oder Scott Peck. Doch die Suche nach Erlösung suchte ich im außen, wo zahlreiche andere „Falsche Götter“ mir Befreiung in Aussicht stellten, tatsächlich aber nur Gefolgschaft erwartet wird. Und manchmal sind diese neuen Götter gar keine Menschen, sondern Konsum und vermeintliche berufliche Notwendigkeiten. Ich folgte dem, was mir nicht gut tat, weil ich mich selbst dafür ablehnte, mich zu einem Opfer gemacht zu haben. Das aber hat ganz konkrete politische Konsequenzen, denn damit unterwarf ich mich freiwillig (!!) der Knechtschaft, wie es Étienne de La Boëtie in seiner „Abhandlung über die freiwillige Knechtschaft“ schon 1550 beschrieben hat. Doch er hat nur das Symptom, nicht die Ursache beschrieben.

Weil wir aber so beharrlich an unserem kindlichen Weltbild festhalten, um diese gewaltige Enttäuschung nicht spüren zu müssen, verweigern wir uns auch der Tatsache, dass unser tradiertes und in der Sprache abgebildetes Weltbild ganz offensichtlich einen Denkfehler in sich trägt, nämlich die Vorstellung, die Welt sei fragmentiert. Doch das ist sie nicht, sie ist nur in sich differenziert. Ein Denkfehler mit immer dramatischeren Folgen, denn wir suchen Zusammenhänge, wo sich tatsächlich Prozesse ereignen.

Ein gewaltiger Denkfehler.