Schwierige Kommunikation

Nicht nur, dass die Kommunikation mit mir selbst schwierig wäre, nein, sie ist es immer wieder auch mit anderen Menschen. Natürlich ist sie leicht, wenn ich mit mir selbst oder wenn ich mit anderen keine Probleme habe. Was natürlich meist bedeutet, dass ich mir meiner selbst nicht so wirklich bewusst bin und bei den anderen, dass wir uns in dem Raum der Konvention bewegen. Beides taugt jedoch nur für den oberflächlichen Gebrauch, schon bei den kleinsten Problemen fängt es schnell an zu knirschen. Dann brauche ich entweder einen Doktor oder einen Kommunikationstrainer, schlimmstenfalls einen Juristen oder sonst jemanden, der Bescheid weiß.

Fakt ist, dass ich es verlernt hatte, mit mir selbst wie mit anderen zu kommunizieren. Dazu muss ich vielleicht darauf hinweisen, dass ich mich nicht für ein Wesen halte, sondern für ein System, bestehend aus einer gigantischen Menge an Zellen, Bakterien und sonstigem Getier, die zwar als Eins auftreten, aber nicht eins sind. Ein System eben. Doch Systeme funktionieren nur, weil sie ein gemeinsames Ordnungssystem haben, so eine Art Stylesheet, damit jedes Subsystem weiß, welchen Beitrag es beizusteuern hat und damit es nicht mal eben so aus Versehen aus dem Ruder läuft. Ist die Ordnung gestört, hat das Ganze einen Fehler, habe also ich ein Problem und werde krank. Auf der rein körperlichen Ebene hat Jon Kabat-Zinn ein sehr effektives Instrument entwickelt, beziehungsweise eine alte Methode neu verpackt und so wieder attraktiv gemacht: Achtsamkeit als Bodyscan gekleidet.

Nicht sehr viel anders ist es bei dem System, das wir gemeinhin Gesellschaft nennen. Da bewegen wir uns meist im Stadium der Konvention, ähnlich einer Dinnerparty, wie Scott Peck es so treffend formuliert. Jeder kennt die Regeln, aber kaum noch einer ist sich ihrer bewusst, denn die Kommunikation in der Pseudogemeinschaft haben wir einfach intus. Wir bedienen uns ganz selbstverständlich der Verallgemeinerungen, als wäre das das Normalste von der Welt. Eine solche Kommunikation ist höflich, unauthentisch, langweilig, steril und unproduktiv. In der Konvention tun wir so, als seien wir eine Gemeinschaft, sind aber keine. In meinem Beruf habe ich damit mein Geld verdient, als Kommunikationstrainer und als Anwalt im Familienrecht. Warum nur fragt sich kaum jemand, warum kleine Kinder sehr gut miteinander klarkommen, das aber bald nicht mehr hinbekommen, ohne dass sich die Eltern korrigierend einmischen? Man nennt das dann Erziehung, ich nenne es eher Anpassung an eine kranke Gesellschaft. Statt dass die Älteren sich einmal zusammensetzen und sich überlegen würden, warum sie nicht mehr miteinander reden können. Miteinander zu diskutieren und Smalltalk zu betreiben fällt bei mir schon lange nicht mehr unter die Rubrik „miteinander reden“. Auch hier gibt es ein einfaches Mittel, das einen garantiert weiter bringt: Achtsamkeit. Einfach nicht mehr bewerten oder werten und nicht mehr beurteilen.

So einfach soll das sein? Ja, so einfach ist das. Jedenfalls ist das meine feste Überzeugung. Doch das Einfache ist oft schwierig, denn es kostet jede Menge Selbstüberwindung. Man muss nämlich bereit sein, sein Ego ins Körbchen zu schicken und aufpassen, dass es da auch bleibt. Es gibt einen Film, in dem dies exzellent zum Ausdruck kommt, jedenfalls dann, wenn man das Kriegerische einmal völlig ausblendet: „Last Samurai“. Die Grundtendenz oder der Grundtenor des Films könnte auch einem Bericht über das Leben in einem Zen-Kloster entnommen sein: Sei einfach achtsam bei allem, was du denkst und tust. Aber wirklich bei allem. Natürlich braucht man noch andere Elemente dazu, etwa Versenkung et cetera, aber Achtsamkeit ist der Grundton, ohne den es einfach nichts werden kann. Ach, wäre es schön, mich noch einmal zurückzubeamen bis zu dem eigenen Nullpunkt und noch einmal anzufangen, dabei immer begleitet von Achtsamkeit. Ich möchte wetten, dass ich da bei einigen Dingen, die ich so im Laufe meines Lebens gelernt und auch problemlos gemacht habe, dann etwas angeekelt die Nase rümpfen würde.

Dabei ist meine Erziehung, die ich wahrlich nicht nur meinen Eltern anlaste, sondern auch deren Altvorderen wie auch der Gesellschaft, an meinem originären Ordnungssystems (Ich denke mal, dass man das so nennen kann) keineswegs spurlos vorbeigegangen. Es hat teilweise sogar gewaltige Spuren hinterlassen, nicht nur in meiner Psyche, sondern auch körperliche. Aber wie sagte doch ganz richtig Erich Fromm? „Die Kranken sind die Gesunden!“ Meine Erfahrungen mit psychisch angeschlagenen Menschen, mich nicht ausgeschlossen, lassen mich mittlerweile ernsthaft so denken. Und sagt nicht auch Jiddu Krishnamurti, dass es kein Zeichen von Gesundheit ist, an eine von Grund auf kranke Gesellschaft gut angepasst zu sein? Nein, ist es nicht. Definitiv nicht. Aber es ist für den Einzelnen nicht so einfach, mal eben so aus diesem falschen Spiel auszusteigen. Aber ich denke, es geht.

Hat man sich einmal ohne wenn und aber entschlossen, achtsam zu leben (zu leben, nicht nur zu sein!) und noch ein paar anderen Fallgruben konsequent aus dem Weg zu gehen, also ein Leben zu führen, als wäre man ein Dorfmitglied wie in „Last Samurai“, selbstverständlich ohne das kriegerische Getöse, dann denke ich, ändert sich das Leben. Was ich bei mir selbst feststellen musste ist, dass einem sehr oft die notwendige Konsequenz fehlt. Das Witzige ist, dass meine Befürchtungen sich gerade dann zu verdünnisieren begannen, als ich begonnen hatte, mich nicht mehr zu verstellen sondern konsequent mein Ding verfolgte. Ich glaube darüberhinaus ganz ernsthaft, dass wir die Welt nur dann ändern können, wenn wir uns selbst ändern. Was natürlich voraussetzt zu wissen, wohin man sich verändern soll. Mittlerweile schwirren ja so viele Ansichten und Meinungen durch die Welt, das es einem schier schwindelig werden könnte. Daher habe ich mir angewöhnt, die Gedanken der modernen Wissenschaftler konsequent als ein Nadelöhr zu nutzen, durch das das Kamel meiner Gedanken hindurch muss. Bleibt es hängen, bleibt es draußen. Für Mystizismus habe ich einfach nichts übrig.

Natürlich weiß ich vieles nicht, doch alles was nicht verifizierbar ist (was etwas ganz anderes ist als es beweisen zu können, also auf Befehl zu reproduzieren!), wird einfach nicht unter der Rubrik „So ist es!“ abgelegt. Was nun wiederum keinesfalls bedeutet, dass das jetzt immer und ewig so wäre. Dafür sorgt dann schon der Advocatus Diaboli mit seinen Freunden, dem Hinterfrager, dem Forscher und dem Ergründer. Neugieriges Grüppchen, die vier. Wobei erst der Hinterfrager kommt, dann der Forscher, danach der Ergründer und erst dann der Advocatus Diaboli. Fast wie bei den vier edlen Wahrheiten Buddhas: Die edle Wahrheit über das Leiden. die edle Wahrheit über die Entstehung des Leidens, die edle Wahrheit über die Beendigung von Leiden und die edle Wahrheit über den Pfad der Ausübung, der zur Beendigung des Leidens führt. Und über allen vieren wacht die Achtsamkeit. Achtsamkeit beendet Probleme, aber es ist noch nicht die Lösung! Denn ein Problem ist nur dann ein Problem, wenn es nicht wahrgenommen wird. Und daher beendet Achtsamkeit Probleme, es ist aber kein Allheilmittel. Denn es lässt mich und jeden, der das möchte dessen gewahr werden, was ist. Und will ich noch ein Schippe drauf legen, dann rede ich nicht mehr von Achtsamkeit, sondern von Gewahrsein.

Gewahrsein eröffnet schlicht und einfach die stimmige Kommunikation.