Schwierige Sache, das mit der Individualität

So verschieden wir sind, in unseren Grundstrukturen sind wir alle grundsätzlich gleich. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass wir so extrem verschieden sein können. Das fiel mir wieder ein, als ich vorhin diesen Gedanken laß: Bildet man eine Absicht, das heißt, „lädt“ man sie ins Intentionsgedächtnis, wird zugleich auch eine Ausführungshemmung aufgebaut. Diese Hemmung hat die Funktion, den Organismus dazu zu befähigen, auf den richtigen Ausführungszeitpunkt zu warten, statt vorschnell zu handeln, da das ja nicht immer sinnvoll oder möglich ist.

Jetzt weiß ich wenigstens, warum ich früher immer alles auf die lange Bank geschoben habe und bis zum allerletzten Termin gewartet habe, bis ich es dann endlich fertig gemacht habe. Wenn ich etwas tun will, tue ich es heute meist gleich, etwa in einer Firma anrufen oder etwas erledigen. Früher hatte ich genauso viel Zeit wie heute, doch ich nahm mir Dinge immer nur vor, sie demnächst zu tun. Und dann fing die Schieberei an. Lese ich aber den obigen Gedanken, dann ist mir klar, was da passiert ist: Hatte ich einmal die Absicht gefasst, etwas „demnächst“ zu machen, wartete ich von diesem Moment an auf den „idealen“ Augenblick, um es zu erledigen. Vor allem dann, wenn es etwas war, was ich grundsätzlich als eher unangenehm empfand oder was mich gar ein Stück Selbstüberwindung kostete, dann rückte der ideale Augenblick immer in weite Ferne, um es zu erledigen. Fast so, als wäre da ein magischer Punkt.

Meist so lange, bis es nicht mehr anders ging und ich es letztlich machen musste. Seit geraumer Zeit aber habe ich durch die Lektüre von Krishnamurti Texten erkannt, dass ich etwas nur konkret tun und ganz konkret damit anfangen kann – oder eben nicht. Jedes „Später“ heißt erst einmal nein, jetzt nicht. Absichtserklärungen sind ein Synonym dafür, es eben doch nicht zu machen. Seit dem ich mich auf diesen Gedanken eingelassen habe und Dinge entweder gleich mache oder eben nicht, verschwinden diese Überlegungen, wann ich denn etwas machen könnte. Und ich habe auch begriffen, dass alle Erklärungen, warum ich es besser nicht gleich anfangen sollte, etwa weil ich keine Zeit hätte oder ähnliches, sich tatsächlich immer nur als Ausreden entpuppten.

Das „Problem“ ist nur, man muss sich auf solche Dinge auch einlassen, sonst kann man eben die Erfahrung nicht machen, dass es vielleicht ganz anders ist, als man selbst denkt und glaubt. Und wenn ich denke, dass ich keine Zeit habe, dann habe ich auch definitiv keine, jedenfalls empfinde ich das dann subjektiv genau so. Und wenn ich etwas subjektiv empfinde – wer will dagegen etwas tun? Da prallen objektive Fakten ab wie Wassertropfen an einer geölten Jacke. Es sind unsere subjektiven Annahmen über Wirklichkeit, die so verdammt leicht verhindern, dass wir einfach offen dafür wären zu sehen, was ist. Dazu gehört, dass wir am Verhalten anderer sehr gut erkennen können, wie andere Menschen gestrickt sind – und damit auch ich selbst. Davon muss ich nämlich ausgehen, dass die Grundmuster identisch sind. Akzeptiere ich, dass ich und andere das identische Problem haben könnten, bin ich schon einen wesentlichen Schritt weiter.

Unser Prozessor namens Gehirn funktioniert eben nach seinen Grundstrukturen, so wie er eben konstruiert ist. Dann kommt mein eigenes Weltbild, dann meine Prinzipen und erst dann kommt das, was andere als meine Haltung bezeichnen. Kenne ich aber die Grundstrukturen nicht genau, dann kann es sehr leicht passieren, dass sie da ein Programmierfehler einschleicht, einfach weil ich etwas übersehe. So wie den obigen Gedanken. Schiebe ich etwas auf, schaffe ich mir aller Voraussicht nach ein neues Problem, das Problem des Erkennens des idealen Zeitpunktes. So kann man sich mit der eigenen (falsch verstandenen) Individualität wunderbar selbst austricksen. Denn das lenkt so wunderbar davon ab, dass die Grundstrukturen eben doch identisch sind.

Und die sollte man tunlichst nicht ignorieren.