Schwierige Selbstdefinition

Ich bin eins mit Allem und doch bin ich nur für mich. Schwierig zu erklären. Dass ich nur für mich bin, ist meine ganz normale und alltägliche Wahrnehmung. Doch ich weiß, dass ich auch eins mit dem Universum und dem Kosmos bin, denn sonst würde ich ja überhaupt nicht existieren. Aber es geht noch weiter. Mein Körper setzt sich aus einer Vielzahl von Zellen, Bakterien et cetera zusammen, wobei jede einzelne Zelle ein Eigenleben führt. Sie lebt so an die 7 Jahre, das Ganze aber schon über 68 Jahre. Doch nichts stirbt dabei wirklich, es schafft sich nur wieder neu aus dem Vorhandenen.

„Ich“ bin also ein Verbund, eine Community, eine Gemeinschaft. Aber ich erlebe mich auch immer wieder als einen von allem anderen getrennten Menschen und eben nicht als Einheit, nicht als Eins mit allem, auch wenn ich mir bewusst bin, dass das nicht stimmt. Wenn ich die Handlungen mancher Menschen sehe, fällt es mir schon schwer, dieses Bild aufrecht zu erhalten und uns als Einheit zu sehen, als ein großes System. Letztlich aber ist das gesamte Universum, also alles Existierende, ein einziges System, zwar in sich differenziert, aber nicht getrennt oder gar von einander isoliert.

Doch das ist nur der physische Aspekt dieses Gedanken. Viel interessanter ist der geistige. Wir beginnen ja zu verstehen, dass Materie als solche nicht aus sich selbst heraus existiert und einfach da ist, sondern etwas ist, das wir in Ermangelung eines besseren Begriffs als eine Art geronnener Geist beschreiben. Je genauer man Materie aufzudröseln versucht, desto weniger ist tatsächlich vorzufinden. Ich denke mittlerweile, dass es eine Illusion ist zu glauben, dass man etwas real Existierendes wird finden können. Da halte ich es dann doch eher mit der Ideenlehre Platons. Ideen, so Platon, sind Teil des Seins, jedoch nicht wahrnehmbar, sie können nur mit dem Geist erkannt werden. Diese Welt der Ideen ist der Pool, aus dem sich alles Existierende immer wieder neu manifestiert, erst als Vorstellung und mehr und mehr als konkrete Idee, um sich dann zu realisieren, wobei es dahinstehen mag, ob es sich selbst realisiert oder realisiert wird. Einiges spricht dafür, dass es sich selbst realisiert, aber dagegen spricht, dass nichts aus sich selbst heraus existiert und alles Eins ist. Also ist es wohl das Eine, das in einer differenzierten Form aktiv wird. Wie auch immer.

Ich bestehe aus ungefähr 30 Billionen Zellen und 39 Billionen Bakterien. Die Frage ist, wer hat dann eine Idee, wenn „ich“ eine Idee habe? Und wer ist sich dann bewusst, wenn „mir“ etwas bewusst ist? Auf dem Motorrad habe ich begriffen, dass ich am Besten fahre, wenn ich im traditionellen Verständnis von Bewusstheit gerade nicht bewusst fahre, einfach, wenn da kein Ich-Bewusstsein mehr ist. Doch unbewusst fahre ich deswegen sicher nicht, ganz im Gegenteil. Also sind alle auf „mich“ verweisenden Formulierungen nur der sprachlichen Handhabbarkeit geschuldet. Doch in dem Moment, in dem dieses „ich“ in meinem Denken eine spezifische und scheinbar konkrete Gestalt annimmt, senkt sich so etwas wie ein Schleier über das Denken, das ja nicht meins ist. Ich halte es zwar oft für meins, aber das ist eine Illusion. Eigentlich könnten alle Zellen und Bakterien gemeinsam sagen: „Das waren doch wir alle zusammen!“ Und das tun sie auch, nur sagen sie „ich“ und nicht „wir“; denn nicht „ich“ erliege der Illusion, sondern sie alle, also wir alle.

Es ist ganz schön paradox. Wenn mir mein Ich-Bewusstsein abhanden gekommen ist, bin ich ganz offensichtlich vollkommen bewusst. Schwer vorstellbar, aber so ist es ganz offensichtlich. Jedenfalls ist das meine Erfahrung vom Motorradfahren. Dass ich mich dabei nicht auflöse wie ein Geist, das ist klar, ich bleibe also weiterhin präsent, nur ich bin mir meiner selbst in diesem Moment nicht (mehr) bewusst und auch nicht präsent. Das bedeutet, dass ich mich in solchen Momenten zwar nicht physisch und auch nicht geistig aufgelöst habe, mein Denken aber doch in einen anderen Aggregatzustand gebracht habe, ähnlich wie Wasser, das verdampft und als Dampf weiterhin vorhanden ist. Oder immerhin wie Eis, das geschmolzen und zu Wasser geworden ist. Den Zustand der Essenz, also des H2O, werde ich nie erreichen und wohl auch nach meinem Tod nicht. Aber es genügt mir völlig mir bewusst zu sein, dass ich geistig und, wer weiß, vielleicht auch physisch in unterschiedlichen Aggregatzuständen existiere.

Die Frage ist nur, ob ich mich auf diese Fluidität einlassen kann. Das kann ich zwar nicht lernen, aber ich kann es praktizieren. Wenn ich das hinbekomme, dann wird der Übergang von Allem zu mir fließend, also dem System, das immer „Ja?“ sagt, wenn jemand Peter ruft.