Sein, der ich bin

Eigentlich gar nicht so kompliziert, wie ich immer dachte. Schließlich bin ja auch ich ein Aspekt des Kosmos, ganz klar, denn die Axiome, nach denen der Kosmos „funktioniert“,  lassen auch mich „funktionieren“. Also fange ich ganz grundsätzlich an, mit den Axiomen, so wie Nagarjuna. Nur, dass damit das Problem vielleicht beginnt. Aber wenn ich es erkannt habe, löst es sich ja auf.

Denn wie nehme ich die Welt wahr? Sicherlich nicht so, wie sie ist. Jeder Mensch wird ja in ein existierendes gesellschaftliches System hineingeboren und gleich nach der Zeugung werden die gesellschaftlichen Gepflogenheiten eingeübt, die wir dann nach der Geburt weiter trainieren. Und die Gesellschaft denkt sich die Welt meist so, wie sie darüber spricht. Logisch, denn mittels der Sprache will man ja sein Erleben und seine Gedanken kommunizieren. Doch da meine Sprache mein Denken unmittelbar beeinflusst, sitze ich regelrecht in der Falle. Ich bin Gefangener der Sprache.

Wie aber hat sich Nagarjuna aus diesem sprachlichen Gefängnis befreit? Ganz einfach, mit einer Paradoxie. Er hat nicht versucht, die Axiome positiv zu formulieren, sondern er hat sie über Verneinungen ausgedrückt. Ist auch logisch, denn wenn alles Falsche aus dem eigenen Denken eliminiert ist, bleibt das Richtige übrig. Nur lässt sich das sprachlich leider nicht ausdrücken. Das ist der alleinige Grund, weshalb Zen-Menschen oft so kryptisch reden. Will ich also der sein, der ich bin, muss ich nur erkennen, was ich nicht bin. Ich müsste also eine neue Sprache erfinden. Das aber geht nicht, also bediene ich mich der Paradoxien.

Nichtvergehen und Nichtentstehen, Nichtabbrechen und Nichtandauern, Nichteinheit und Nichtvielheit, Nicht-zur-Erscheinung-Kommen und Nicht-aus-ihr-Verschwinden. Und das soll ich jetzt verstehen? Ja, das geht! Ich brauche mich nur darauf einzulassen. Nagarjuna verwendete das sogenannte Catuṣkoṭi in zwei unterschiedlichen Varianten: Die erste, positive Variante lautet „Alles ist wirklich und unwirklich, sowohl wirklich als auch unwirklich, weder wirklich noch unwirklich.“ In der negativen Variante des Catuṣkoṭi wird ausgesagt, dass keine der vier Möglichkeiten wahr ist.

So sieht dann eine Momentaufnahme aus. Doch im nächsten Moment ist es schon wieder ganz anders. Eben ein Doppelpendel, das eine chaotische Struktur exakt demonstriert. Schauen Sie es sich einmal an, da kann einem schon schwindelig werden. Die Rote Linie entspricht dem, wie wir es gerne hätten, einigermaßen kalkulierbar, die blaue dem, wie es tatsächlich ist, absolut chaotisch. Ein Grund für viele Menschen, sich damit gar nicht erst zu befassen. Zu kompliziert! Aber so ist es gar nicht!

Man braucht jedoch nur die Disziplin, nach dieser Weiterführung des Kategorischen Imperativ Kants zu denken und zu leben: „Denke nur in der Art über die Dinge und über andere, derjenigen Maxime, wie du zugleich wollen kannst, dass ein anderer so über die Dinge und dich selbst denkt.“ Denn wir kreieren nicht nur unserere eigene Wirklichkeit, sondern die Wirklichkeit an sich, dadurch, dass wir unser Erleben interpretieren, durch die Art und Weise, wie wir mit anderen interagieren und kommunizieren und durch unsere Absichten im Rahmen der natürlichen Ungewissheit über die Eintrittswahrscheinlichkeit des Problems. Berücksichtig man dies und setzt sich mit der Frage auseinander, ob etwas eine dinghafte, für sich bestehende Existenz besitzen kann oder nur empirisch existiert; ob etwas etwas anderes erzeugen kann; genauso die Vorstellung, dass Systeme nur als Zusammensetzung ihrer Teile zu betrachten sind und ob es Subjekte und Objekte geben kann. Substanzialismus, Subjektivismus, Holismus und Instrumentalismus sind nämlich die Fallen, die mich die Dinge falsch denken und damit auch unzutreffend wahrnehmen lässt. 

Das alles sind theoretisch-philosophische Überlegungen, die mittlerweile dank der Quantenmechanik mehr und mehr unter Beweis gestellt wurden. Doch da ich es nicht so mit dem Glauben, sondern eher mit dem Verifizieren habe, mache ich genau das: Ich verifiziere diese Überlegungen. Und das gelingt auch, jedoch unter einer Voraussetzung: Man muss vorher sein Ich beiseite gelegt haben. Das geht leichter, als man denkt. Jeder Mensch erlebt möglicherweise solche Situationen, wahrscheinlich jedoch, ohne sich dessen bewusst zu sein. Ich habe es zum Beispiel auf dem Motorrad erlebt. Also gehe ich her und nehme Krishnamurtis Gedanken, den der Dalai Lama einmal als den neuen Nagarjuna bezeichnet hat und betrachte sie durch meine Motorraderfahrungen, zusammen mit dem Urteilsvierkant Nagarjunas.

Damit ist schon viel gewonnen. Weiter geht es mit intellektueller Redlichkeit: Sei dir keiner Sache absolut gewiss. Äußere Hypothesen statt Meinungen. Sei neugierig und offen. Glaube nur, wofür es Belege und Beweise gibt. Schließe nicht von eigenen Erfahrungen aufs Allgemeine. Versuche, dich selbst zu widerlegen. Versuche nicht, deine Annahmen zu immunisieren. Vermeide Konzepte. Halte dich an Ockhams Rasiermesser. Argumentiere einfach und klar. War es das jetzt? Nicht ganz! Man besiegt einen Feind am leichtesten, wenn man ihm in die Augen blickt. Unser Bezugspunkt ist die Erde, doch sowohl Nagarjuna, Krishnamurti wie auch die Quantenmechaniker sehen ihn weder in uns noch wo anders. Und damit verliere ich vollkommen die Kontrolle, denn kontrollieren kann ich ja nur etwas, was außerhalb von mir selbst ist. Bis ich begreife, dass ich diese Kontrolle noch nie hatte. Es war immer nur eine Illusion. Aber bis dahin beruhige ich mich damit, dass ich doch immer noch hier sitze, auch wenn alles eine Illusion zu sein scheint.

Ich bleibe also ruhig sitzen, renne nicht davon, fange nicht an zu kämpfen und stelle mich auch nicht tot. Und was für ein Wunder, mir passiert nichts. Was aber bedeutet das, dass mir der Bezugspunkt abhanden gekommen ist? Unser sogenannter gesunder Menschenverstand beruht vor allem auf der Annahme – oder sollte ich sagen Illusion? – dass ich die Welt beschreiben kann, ohne von mir selbst zu sprechen. Doch genau das ist ein Trugschluss. Weil wir aber üblicherweise den Wunsch haben, dass äußere Phänomene, wie auch wir selbst, sicher sein mögen, aus sich selbst heraus, eigenständig und substanziell existierend, damit wir uns auf irgendetwas verlassen und daran festhalten können. Also sollten wir uns einmal davon verabschieden, was wir hoffen, dass es sicher so wäre. Und wir brauchen auch nichts befürchten, denn es ändert sich nichts und alles. Nichts, weil sich wirklich nichts ändert. Und alles, weil ich es ganz anders als bisher sehen kann.

Sehen, was wirklich ist. Und genau das ist der Schlüssel zu mir selbst. Und wie will ich mit jemandem eine Gemeinschaft bilden, wenn ich nicht bin, der ich bin?