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Lebensweise

Jeder hat Mensch ein inneres ‚Betriebssystem‘, sein Weltbild.

Das Erfreuliche daran ist, dass man es ändern kann. Früher bestanden mein Weltbild hauptsächlich aus Konzepten und Theorien. Doch seit ich weiß, welche Bedeutung der Flow für mich hat, bin ich davon abgekommen.

Also von Konzepten und Theorien, was nicht bedeutet, dass ich konzeptlos handeln würde. Aus dem Management kennt man ja die gern verwendete gedankliche Pyramide ‚Vision – Mission – Werte – Strategie – Ziele‘, wobei es die in verschiedenen Varianten gibt. Wenn ich dem jedoch den Begriff ‚Lebensweise‘ gegenüberstelle, dann erfasst er all diese Punkte, von der Vision bis zu den Zielen.

Zur Lebensweise gehört in meiner Vorstellung der ‚Flow‘, denn er ist tatsächlich nichts Besonderes, sondern eigentlich das Normalste von der Welt. Zumindest sollte er das sein. Ich will das an dem Beispiel ‚Kochen‘ deutlich machen.

Heute Abend gibt es Kaninchen. (Ich hoffe, dass Vegetarier jetzt nicht zu lesen aufhören, für die gilt das im übertragenen Sinn ja auch.) Als ich alles hergerichtet hatte, was ich brauchte und das Kaninchen zu zerlegen begann, fiel mir eine alte Zen-Geschichte ein, die meines Erachtens nach perfekt beschreibt, worum es hier geht. Es ist die Geschichte vom Koch und seinem Messer:

Der Koch des Fürsten Wen Hui zerteilte einen Ochsen. Hand hinein, Schulter herabgezogen, Fuß fest aufgesetzt, Knie dagegenstemmen – schon liegt das Tier in Stücken da. Das blanke Messer flüstert wie ein Windhauch. Das ist eine Harmonie, wie sie bei einem Kulttanz, beim Kinderreigen und bei alten Lie­dern selbstverständlich ist.

„Das nenne ich gute Arbeit!“, sagt der Fürst „Du hast die richtige Methode.“ „Methode?“ meint der Koch und legt sein Messer auf den Tisch. „Ich folge nur dem Tao, und damit stehe ich haushoch über allen möglichen Methoden!

Als ich anfing, Ochsen zu zerteilen, sah ich das ganze schwe­re Tier vor mir: eine einzige dumpfe Masse. Nach drei Jahren entdeckte ich in dieser Masse feine Trennungslinien. Heute schaue ich erst gar nicht mehr hin. Alles in mir wird zum Auge. Meine Sinne können müßig bleiben, der Geist arbeitet für sie, der Geist, der keinem Plan folgt, sondern nur dem eigenen In­stinkt gehorcht. So findet mein Messer mühelos die verborgene Öffnung, und ich brauche kein Gelenk mehr zu durchtrennen und keinen Knochen zu zerspalten.

Ein guter Koch braucht jedes Jahr ein neues Hackbeil. Er schneidet. Ein schlechter Koch braucht jeden Monat ein neues Hackbeil. Er hackt drauflos. Dieses Messer benutze ich jetzt schon neunzehn Jahre. Ich habe damit tausend Ochsen aufgeschnitten, und es ist immer noch so scharf wie am ersten Tag.

In den Gelenken sitzen kleinste Zwischenräume. Die Mes­serklinge ist ganz dünn und spitz. Sie findet diese Zwischen­räume. Mehr Raum braucht es nicht! Alles geht dann leicht und schnell. Deshalb bleibt auch mein Messer immer scharf, und ich brauche es nicht zu wetzen.“

Fürst Wan Hui sagte: „Mein Koch hat mir gezeigt, wie ich mein Leben leben sollte.“

Mein Fazit: So zu leben ist das (offene) Geheimnis des Lebens.