Selbstüberzeugung

Irgend etwas von mir zu erwarten und zu glauben, dass ich es dann auch tun werde, das ist in etwa so als zu glauben, dass der Klapperstorch die kleinen Kinder bringt. Es sei denn natürlich, ich würde es auch von mir aus tun. Dann, aber auch nur dann, werde ich den an mich gerichteten Erwartungen gerecht werden. Ich selbst stehe bei mir nämlich nur sehr, sehr selten in der Kritik, denn was ich denke und tue, davon bin ich felsenfest überzeugt.

Solange ich also davon überzeugt bin, dass ich mich nicht auch gewaltig irren kann – ohne Konjunktiv -, solange werde ich mich selbst nicht hinterfragen oder, wesentlich effektiver, mich hinterfragen zu lassen. Warum das so ist? Zum einen ist es meine Erfahrung und Überzeugung aus meinem Berufsleben, zum anderen ist es meine ganz persönliche Erfahrung und ich sehe es auch immer wieder bei den Angestellten einer Bank, die ganz in der Nähe unserer Wohnung ihr Domizil hat. Denen sieht man regelrecht an, wie sie mit einer Maske in die Bank gehen und auch wieder herauskommen. Und solange sie sich in der Stadt bewegen, nehmen sie die auch nicht ab.

Zu ihrem Chef hatte ich mal aus einer Laune heraus bei einem Gesprächs-Mittagessen gesagt, dass er so, wie er gerade schilderte, mit seinen Mitarbeitern umzugehen, sich wohl nicht erlauben dürfe, bei seiner Familie aufzutreten, wenn es noch eine Weile seine Familie sein solle. Interessanterweise hat er auf diese Bemerkung, die wohl eher eine Provokation war, nicht reagiert. Überhaupt nicht. Ganz offensichtlich war er sich bewusst in zwei Welten zu leben, einer beruflichen und einer privaten. Habe ich in meinem Beruf übrigens auch getan, daher war mir das nicht fremd.

Die interessante Frage dabei ist, warum es wahrscheinlich so viele nicht nur für absolut in Ordnung halten, sondern sogar für notwendig, ihr wahres ‚Ich‘ hinter einer Maske zu verbergen. Und das nicht nur im Beruf, sondern auch im ganz normalen gesellschaftlichen Leben. Da halten sich wohl alle an die Regeln der Konvention, damit man sich nicht gegenseitig auf die Füße tritt. Doch genau das macht uns leider auch dialogunfähig. Konvention und Dialog vertragen sich nun einmal nicht. Absolut nicht.

Warum suchen sich so viele Menschen zu verbergen und als jemand zu erscheinen, der sie aber nicht sind? Dafür gibt es zwei Gründe, denke ich. Zum einen ist es das gesellschaftliche (Wirtschafts-) System, das nicht nur Erich Fromm als krank bezeichnet hat. Aber daran sind wir selbst schuld, denn wir haben dem, was uns Menschen eigentlich dienen sollte, eine eigene Existenzberechtigung verschafft und uns diesem System unterworfen. Der andere Grund ist, dass man sich seiner selbst nicht sicher ist. Wie kann ich der sein, der ich bin, wenn ich weiß, dass ich der Sohn eines Menschen bin, der Unrecht getan hat? Ich bin ja ein Kind der 68er, und es war damals ziemlich normal, die eigenen Eltern in Grund und Boden zu verdammen. Manchmal mit voller Berechtigung, möchte ich hinzufügen.

Doch wer bin ich selbst, wenn ich meine Eltern ablehne, also meine eigene Herkunft? Als junger Mensch kann ich das wohl nicht wissen, später muss ich mich um Beruf und Familie kümmern und dann will ich endlich meine Rente genießen und Ruhe haben. Also verdränge ich die Auseinandersetzung damit, nicht, dass mir da etwas in die Quere kommt.

Ist das der Grund, diese innere Unsicherheit, wer wir überhaupt sind, die uns vielfach – um nicht zu sagen regelmäßig – eine Maske tragen lässt? Einfach, weil wir Angst haben, wer wir sein könnten? Was immer ich tue, tue ich ja nur, weil ich die Notwendigkeit dafür sehe. Mache ich mir Sorgen, dann weil ich die Notwendigkeit dafür sehe, so unisinnig es für einen anderen erscheinen mag, sich Sorgen zu machen. Worin liegt also die Notwendigkeit, eine Maske zu tragen? Gute Frage, nicht?

Was immer ich (oder jemand anderes) tue, darin sehe ich eine Notwendigkeit. Sonst würde ich es ja nicht tun. Wie, ich sehe eine Notwendigkeit darin, meine Sachen nach dem Aufstehen nicht aufzuräumen, bevor ich das Zimmer verlasse? Ganz genau! Denn das würde mir ein Gefühl geben, das ich gerade aber nicht brauchen kann. Also wenn ich beispielsweise das Gefühl habe, nicht gesehen zu werden, dann besteht dafür eine Notwendigkeit? Ganz offensichtlich, nämlich um mein Selbstbild aufrecht zu erhalten.

Ganz schön verrückt. Aber so ist es. Und genau deswegen ist es so unsinnig, von anderen etwas zu erwarten. Aber von mir selbst erwarte ich schon, dass ich hinter meine Fassaden klettere.