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Sich einlassen auf einen Text

Was ist zu tun, will ich jemandem etwas vermitteln? Muss derjenige sich auf mich ‚einlassen’ oder sollte ich den anderen ‚abholen‘? Eine spannende Frage, vor allem dann, wenn ich etwas vermitteln möchte, worüber der andere keine mentale Repräsentation hat, es sich absolut nicht vorstellen kann, keine entsprechende Erfahrung hat.

Bei meinem Enkel Paul, 4 Jahre alt, ist das recht einfach. Er will ja etwas lernen, warum auch immer. Er ist sich scheinbar bewusst, dass ich (noch) meist mehr weiß als er. Warum er das weiß? Keine Ahnung. Vielleicht weil ich keinen Zweifel daran lasse, dass ich es besser weiß als er und er auch die Erfahrung gemacht hat, dass es sinnvoll ist, sich auf mich einzulassen.

Wenn ich sage „Stop! Halt!“, dann bleibt er (hoffentlich) stehen. Das wird sich wohl ändern, wenn er sich mir als ebenbürtig ansieht (womit er hoffentlich nicht so bald anfängt) und meine Ansichten in Frage stellt. Ein wenig anders ist es, wenn es sich um einen Kunden handelt. Da geht es noch, denn er will ja was von mir wissen.

Doch wenn ein Kunde (ich war Anwalt) nichts wissen wollte, sondern mit einer Zeitungsnotiz in den Händen in die Kanzlei kam und genau das, was da stand (natürlich ohne Kontext!) umgesetzt sehen wollte, dann wurde es schwierig.

Fazit: Wenn ich etwas wissen will, muss mich niemand „abholen“. Das öffentlich-rechtliche Rundum-Sorglos-Dogma „man muss die Leute da abholen, wo sie sind“ braucht es da nicht. Es muss keiner von seinem Berg des Wissen herunterkommen und sich auf mein Niveau begeben, er muss nur rechtzeitig Platz machen, wenn ich oben angekommen bin und neben ihm sitzen und die Aussicht genießen will.

Ganz nebenbei: Ich halte es für schlichtweg überheblich zu sagen, ich müsste jemanden ‚abholen‘. Denn damit stelle ich mich über ihn, indem ich mich klein mache. Da spreche ich lieber Klartext.

Ich nehme gerne als Beispiel das Motorradfahren, um das zu verdeutlichen. Es hat mich nie einer abholen müssen. Es hat immer genügt, wenn mir einer, der Ahnung davon hat, mich erstaunt angeschaut und gefragt hat, was um Himmels Willen ich denn da machen würde.

‚Total verkehrt’ war dann meist der weitere Kommentar, zum Trost wurde mir etwa empfohlen, einen Artikel über den Kammschen Kreis zu studieren. Wohlgemerkt, studieren, nicht nur zu lesen. Also lesen, begreifen und auch noch anzuwenden. Oder mein Fahrlehrer seufzte, verkniff sich das Augenrollen und sagte nur: „Lass endlich den Lenker locker!

Den Kammschen Kreis kann ich ‚begreifen‘, also verstehen. Doch dann auch so zu fahren ist etwas ganz anderes. Es ist wie mit ‚den Lenker locker halten‘. Auch das kann ich verstehen und begreifen, aber noch lange nicht tun. Das Verstehen erschließt sich mir über den Verstand, das Tun eben nicht. Das kann ich nur üben, und zwar so lange, bis ich es auch tue und es mir in Fleisch und Blut übergegangen ist. Mit anderen Worten: Ich muss – nachdem ich es begriffen habe! – es erst noch verifizieren, dass es tatsächlich so ist.

Indem ich „die Wahrheit oder Richtigkeit davon prüfe und bestätige“, also selbst die Erfahrung mache, stelle ich fest, dass es stimmt. Mit anderen Worten: Ich habe mich darauf eingelassen, dass mein Fahrlehrer recht haben könnte (!) und das dann selbst (!) verifiziert.

Und exakt das ‚erwarte‘ ich von meinen Lesern: Dass sie das von mir Behauptete zu begreifen suchen und dann selbst verifizieren. Das funktioniert natürlich nicht, wenn der Betreffende schon beim Lesen anfängt, mich zu kommentieren und zu korrigieren, was immer dann passiert, wenn er glaubt, dass mein Weltbild mit seinem übereinstimmen würde. Was es sehr oft nicht der Fall ist.

Da ist es dann wieder wie bei dem Motorradfahren. Ich kann jemandem vorschwärmen, wie toll es ist Motorrad zu fahren, verstehen wird er es erst dann, wenn er es auch tut. Vorher kann er sich das einfach nicht vorstellen. Wie auch? Es fehlt im ganz einfach die Erfahrung. Wohingegen mich Motorradfahrer sofort verstehen. Und genau das ist die Crux. Wie erkläre ich jemandem, dass ich anderes denke als er, er es aber selbst nicht merkt? Ganz einfach: Gar nicht.

Es gibt ein gutes Beispiel dafür: Ich habe gerade versucht, einen Schlangenwürfel zusammen zu bekommen. Es hat eine ganze Weile gedauert, aber plötzlich brachte ich das Teil in die richtige Form, und zwar in dem Moment, in dem ich es nicht mehr mit meiner gewöhnlichen Logik versuchte. So ist es auch mit meinen Texten, jedenfalls denke ich das.

Mit Logik sind sie für viele erst einmal schwer zu erfassen, doch hat man es einmal herausbekommen und ein paar Mal geübt, ist es ziemlich leicht. Vollkommen logisch sagt man dann meist. Nur ist es eine Logik, die auf einer anderen Organisation des Denkens aufbaut. Es war auch wirklich leicht (bei dem Würfel), ich brauchte nur endlich um die Ecke zu denken und meine üblichen Denk- und Lösungsmuster aufzugeben.

Bekommt jemand den Schlangenwürfel nicht zusammen, hilft es nichts, wenn Sie ihn abholen wollen, außer natürlich, Sie bauen ihn schnell zusammen. Aber dann weiß er immer noch nicht, wie es geht. Das muss er selbst herausbekommen. Und genau das ist auch bei meinen Texten notwendig.

Die Frage ist natürlich, ob Sie meinen Texten die Qualität eines Schlangenwürfels zugestehen. Das ergibt sich gemeiner Weise erst dann, wenn man sie wirklich verstanden hat.

Published inAllgemein