Sowohl als auch!

Sicher? Nicht doch entweder oder? Oder eventuell gar beides? Kann es unter Umständen auch etwas völlig anderes sein? Wir leben gerade in einer Zeit, die manche Menschen nachdenklich werden lässt. Die einen, weil sie sich darin bestätigt sehen, dass wir Menschen die Welt und was darauf so passiert einfach nicht unter Kontrolle haben und auch Unerwünschtes passiert, ob uns das nun passt oder nicht. Andere wiederum beginnen zu sehen, wie unkalkulierbar die Welt letztlich doch ist.

Was jedoch noch lange nicht bedeutet, dass sie es auch verstehen würden. Womit ich keinesfalls jemanden abwerten möchte. Verstehen können wir ja immer nur, was wir auch denken können. Und dieses ‚können’ ist keine Frage der Intelligenz, sondern eher die Frage, ob es einem begegnet ist, so dass man darüber nachdenken musste. Daher bedeutet mein eigenes Verständnis von der Welt immer nur, wie ich sie sehe, nicht aber wie sie tatsächlich ist. Denn ‚sehen‘ kann ich ja nur, was ich auch (schon) denken kann.

Die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse von Isaac Newton haben die Menschen scheinbar aus dem Dilemma befreit, dass sich das Geschehen auf der Welt nicht vorhersagen lässt. Stattdessen haben uns seine Erkenntnisse denken lassen, die Welt ließe sich ganz eindeutig definieren. Und viele glauben das immer noch, auch wenn uns die Quantenphysik lehrt, dass das leider überhaupt nicht er Fall ist.

Die Naturgesetze sind eben keine Gesetze, sondern allenfalls Beschreibungen der Natur. Schon verrückt, dass Nagarjuna, der Philosoph des Zen schon zu seiner Zeit im 2ten Jahrhundert unserer Zeitrechnung darauf kam, dass man nicht definieren kann, was ist, sondern nur, was nicht ist: Nichtvergehen, Nichtentstehen, Nichtabbrechen, Nichtandauern, Nichteinheit, Nichtvielheit, Nicht-zur-Erscheinung-Kommen, Nicht-aus-ihr-Verschwinden. Er hat das auch in dem Urteilsvierkant sehr gut formuliert: 1) Etwas ist (so) 2) Etwas ist nicht (so) 3) Etwas ist sowohl (so) als auch nicht (so) 4) Etwas ist weder (so) noch nicht (so). Ich würde noch ein 5tes hinzufügen wollen: Oder es ist etwas völlig anderes.

Aber Gott sei Dank haben uns mittlerweile die (Quanten-) Physiker erklären können, dass Newtons Physik leider unvollständig ist und Nagarjuna recht hat. Sie können das ganz klar erklären und auch demonstrieren, nur verstehen lässt es sich nicht, zumindest noch nicht. Nur wird es das vielleicht nie, zumindest nicht auf unsere normale Art des Verstehens. Und das hat nichts damit zu tun, ob man Physik beherrscht oder nicht. Wirklich verstanden hat es wohl noch keiner, noch sind da zu viele ungeklärte Fragen. Was einen aber nicht dazu verleiten sollte, die Gedanken der Quantenphysik zu ignorieren.

Denn wir erleben sie permanent. Was Hans-Peter Dürr zu der Feststellung veranlasst hat, dass wir mehr erleben, als wir begreifen, also verstehen. Und zwar wesentlich mehr. Doch was passiert, wenn wir die Welt nicht mehr bis ins Kleinste verstehen wollen? Vielleicht passiert dann gerade nicht nichts. Was ich übrigens auch glaube. Denn Selbstorganisation gibt es nur da, wo keine Kontrolle ausgeübt wird, wo also nichts absolut gesetzt, sondern der Zukunft offen begegnet wird. Wollen wir die Krisen, in die wir uns gebracht haben, wirklich lösen und beenden, sollten wir wohl genau damit anfangen. Nämlich aufzuhören, die Dinge unter Kontrolle zu haben und alles ‚managen‘ zu wollen, es ‚im Griff‘ zu haben.

Es war zugegebener Maßen auch für mich eine gewaltige Herausforderung, dieses Denken aufzugeben. Aber irgendwann habe ich es erlebt, dass es tatsächlich so zu sein scheint. Begriffen habe ich es noch nicht wirklich. Denn das Prinzip der Selbstorganisation lässt sich nur beschreiben, aber verstehen nicht. Jedenfalls ich kapier es noch nicht, wie das funktioniert und was da genau passiert. Das mit dem ‚Geschehen-lassen‘ ist wirklich eine Herausforderung. Das klingt erst einmal sehr, sehr paradox.

Ich muss also meine konkreten Ziele aufgeben, um weiterzukommen? Das kann ich zwar erfahren, aber zu begreifen ist das wirklich nicht. Jedenfalls ist das so, wo ich wie man so schön sagt über mich hinauswachsen will. Denn ich bin ja nicht nur der, der kommt, wenn jemand ‚Peter‘ ruft, sondern ich bin ja letztlich Teil von einem wesentlich Größerem, einem viel größeren System. Solange ich nur in meiner eigenen Dimension denke, sozusagen nicht aus meiner Haut herauskomme, solange ‚funktioniert‘ das bisherige Denken. Doch wenn ich einmal verstanden habe, dass ich (was immer das auch ist, dieses ‚Ich‘) nicht nur ich selbst bin, sondern Teil eines viel größeren Systems, dann muss ich anders denken. Und damit aufhören, die Kontrolle haben zu wollen.

Das ist absolut kein ‚Sich-treiben-Lassen‘ oder die Dinge einfach geschehen zu lassen, wie sie geschehen. Und es bedeutet auch nicht, kein Interesse und keine Absicht zu haben. Doch das ist eben offen, nicht vorher definier- oder planbar. Definitiv mysteriös, nicht wirklich zu verstehen. Doch wenn man sich darauf einlässt, dann ist es erleb- und erfahrbar. Um das letztlich erreichen zu können muss ich das Gespür dafür entwickeln, wo ich etwas wissen kann und wo eben nicht.

Das hat nichts mit Wissen an sich zu tun, sondern es ist eine tatsächliche Frage. Ich weiß ja auch nicht, ob der Club bei seinem nächsten Spiel gewinnt oder nicht; auch dabei kann ich allenfalls in Wahrscheinlichkeiten denken und mich überraschen lassen, was dabei herauskommt. Sicher ist, wenn ich das Leben ernst nehme, wird es absolut faszinierend, um nicht zu sagen mystisch. Und man fragt sich, jedenfalls ich tue das, ob solche Gedanken wie ‚Die Macht sei mit dir!‘ aus ‚Star-Wars‘ nicht doch auch in unserem Leben eine Berechtigung haben.