Sprache trennt oft mehr, als wir uns bewusst sind

Die Frage ist doch, ob wir wirklich über das Selbe oder auch Gleiche sprechen, nur weil wir die identischen Wörter benutzen? Das tun wir nämlich sehr oft nicht. Diese Überlegung kam mir kürzlich, als ich mich mit einer Bekannten auf Xing per Post unterhielt. Ich schrieb etwas, dem sie mir zustimmte, genauer einem Begriff. Da tauchte bei mir die Frage auf, ob sie den Begriff auch genau so versteht wie ich ihn gemeint hatte.

Mir viel da wieder die Situation ein, als ich mich mit einem Freund auf FaceBook über die ‚Taten von Konzernen‘ unterhielt.  Er vertrat die Ansicht, dass Konzerne dieses oder jenes täten, einer Ansicht, der ich aber nicht folgen konnte und auch immer noch nicht folgen kann, denn ein Konzern kann nichts tun, es ist nur ein Begriff für ein rechtliches Konstrukt.

Da ich mich davon nicht abbringen lies, artete das Gespräch dann zu einem heftigen Streit seinerseits aus, ich blieb ‚nur‘ bei meiner Ansicht. Was ich leider übersah war, dass ich ohne Absicht wohl etwas in ihm ausgelöst haben musste, was ihn in einen uneingestandenen Konflikt brachte. Mein Freund, der dann leider nicht mehr mein Freund blieb, beharrte auf seiner Ansicht und war nicht bereit zu sehen, dass Konzerne ja nicht handeln können, handeln können nur Lebewesen, in dem Fall also Menschen.

Wenn ich einmal phantasiere, dann bestand der mögliche Auslöser für den Streit darin, dass er in einem ganz anderen Kontext ein rechtliches Konstrukt wie einen Konzern, etwa einen Staat für etwas verantwortlich machte, für das jedoch tatsächlich ein Mensch verantwortlich war. Auch ein Staat tut nichts, es ist nur ein rechtliches Konstrukt. Und wenn dieser Mensch ihm wichtig war, dann bedeutete meine Ansicht in seinem Verständnis, dass ich mit dem Finger auf den zeigte, natürlich ohne dass ihm das auch nur ansatzweise bewusst geworden wäre.

Warum sonst hätte er sich auch regelrecht dagegen verteidigen müssen, dass Menschen handeln und keine rechtlichen Konstrukte? So wurden auch in der NS-Zeit nicht durch die Nazis, sondern durch Menschen und auch keine Juden, sondern Menschen umgebracht. ‚Nazis‘ und ‚Juden‘ sind nur Etiketten. Seit mir das bewusst geworden ist, ist mir auch klar geworden, dass ich selbst wie meine Vorfahren in ein Handeln hätte hineinrutschen können, was ich vielleicht hinterher bitter bereut hätte. Einfach deshalb, weil ich strukturell wie meine Eltern denke.

Es war die Ideologie meiner Jugend, die mich die Zeit von 33-45 anders sehen lies als meine Eltern sie wohl sahen. Doch was wäre gewesen, wenn ich wie sie in der Zeit nach dem ersten Weltkrieg groß geworden wäre? Urteilen ist sehr leicht, verstehen oft sehr schwierig. Noch schwieriger ist es manchmal, die Taten anderer nicht zu rechtfertigen, nur weil man sie kennt oder auch liebt.

Ich denke ernsthaft, dass dieses Dilemma da anfängt, wo wir uns zum einen mit scheinbar identischen Begriffen austauschen, die wir doch ganz anders verstehen. Meine Bekannte auf Xing, argumentierte aus einem religiösen Verständnis heraus, was mir jedoch ziemlich fremd ist, denn ich argumentiere aus einem naturwissenschaftlich geprägten Verständnis heraus. Zwei sehr unterschiedliche Sichtweisen, doch eine scheinbar identische Sprache. Aber eben nur scheinbar.

Entscheidend ist also, welches Weltverständnis sich hinter meinem Gebrauch der Sprache verbirgt; verbirgt deswegen, weil uns das oft nicht bis in das letze Detail überhaupt bewusst ist. Und nochmals schwieriger wird es, wenn wir nicht nur von unterschiedlichen Weltbildern ausgehen, die sich inhaltlich unterscheiden, sondern darüberhinaus auch noch von einem strukturell ganz anderen Denkstrukturen.

Das kann sehr unterschiedlich sein. Wenn es einen Gott gibt, der weiß, was ich mit 40 oder 50 tun werde, wie eine junge Nachbarin kürzlich meinte, dann nehme ich meine Verantwortlichkeit ganz anders wahr, als wenn ich davon ausgehe, dass ich mich in einem Prozess der Selbstorganisation befinde und sich daraus meine Verantwortlichkeit definiert. Alleine, wenn ich die Überschrift betrachte, stellt sich mir die Frage, ob unser unterschiedliches Sprachverständnis uns wirklich trennt oder wir nur das Gefühl von Trennung haben.

Und was beutetet eigentlich Bewusstsein? Wenn ich Bewusstsein so verstehe, dass ich weiß, was ich tue, wenn ich mir dessen bewusst bin, dann würde ich mich nie in einem Zustand des Flow befinden können. Da weiß ich nämlich absolut nicht, was ich tue, also nicht wissend, aber ich tue es! Ich glaube, das ist die sprachliche Kröte, die die Ch´an- und Zen-Menschen sich so ausgedacht haben, als sie solche Begriffe wie Handeln durch Nicht-handeln oder Denken durch Nicht-Denken in die Welt setzten.

Aber die sollte man vielleicht doch ernst nehmen, denn auch die Quantenphysiker haben ein sehr ähnliches Weltverständnis auf Lager. Zumindest sollte man einmal darüber nachdenken.