Stimmig denken

Solange ich denke, dass es das Eine ohne das Andere geben könnte, denke ich nicht stimmig. Jedenfalls ist das meine Überzeugung. Wenn ich annehme, dass es Schwingung oder Energie an und für sich gibt, liege ich falsch. Immer muss etwas schwingen oder etwas muss ein Träger der Energie sein, irgendwo muss sie gespeichert sein. Ohne eine „Beziehung“ (ich bin mir nicht sicher, ob das Wort stimmig ist) kann nichts existieren.

Hat LaoTse vielleicht das gemeint, als er im ersten Vers des Tao te King schrieb „Beides ist eins dem Ursprung nach und nur verschieden durch den Namen.“? Doch bedeutet das, dass es jetzt keine Steine und kein Holz mehr gibt? Kommt darauf an, aus welcher Perspektive ich das sehe. Versuche ich das aus der absoluten Perspektive zu betrachten, dann bleiben nur jede Menge Fragezeichen, denn um diese Perspektive einnehmen zu können, müsste ich mich ja neben Gott stellen und die Welt aus seiner Perspektive sehen können. Kann ich aber nicht, darüber kann ich allenfalls spekulieren. Und das will ich nicht. Aber die Wissenschaftler, hier die Quantenphysiker, sind auf ein ganz ähnliches Problem gestoßen. Je genauer sie hinschauen, desto weniger ist da. Aber dazu schreibe ich noch was.

Also die absolute Perspektive ist für mich nicht ohne weiteres erreichbar. Bleibt mir also erst einmal nur die relative. Da gibt es, ganz klar, die zehntausend Dinge, wie es im Daoismus heißt. Über Dinge kann ich reden, nicht nur über Steine und Holz, sondern auch über Intelligenz, über Bewusstsein, über die Menschen und über mich. Muss ich auch reden können, wie sonst soll ich mich mit den Menschen verständigen können? Wir nutzen nun einmal unsere Sprache, um uns in der Welt zueinander in Beziehung zu setzen und um nicht sprachlos und entsprechend einsam herumzusitzen. Nur ob Steine, Holz, Intelligenz, Bewusstsein und Menschen auch so sind, wie ich tue, nämlich eindeutig wahrnehmbar und definierbar, das ist eine große Frage. Obwohl, eigentlich ist es keine Frage, denn ist immer nur eine Verallgemeinerung, ein gedankliches Konstrukt.

Doch das ist nur das eine. Denn wenn ich mein eigenes Menschsein wenigstens annähernd verstehen will, um mich zum Beispiel aus der Konvention zu verabschieden, mich weiter aus meinen Konditionierungen zu lösen und darüberhinaus meine noch schlummernden Potentiale wenigstens einmal zu entdecken, um sie eventuell auch nutzen zu können, dann muss ich mich doch eine Ebene tiefer wagen. Da geht es mir nicht anders wie den Quantenphysikern, als die die Materie untersuchen wollten. Je genauer sie hinschauten, desto weniger fanden sie aber. Klingt verrückt, ist aber so. Und ihren Entdeckungen haben wir technische Entwicklungen zu verdanken, die uns ganz selbstverständlich sind: Die Reise auf den Mond, dass Satelliten nicht vom Himmel fallen, damit wir über sie kommunizieren können bis hin zu Handy und CD-Spieler. All das gäbe es ohne Quantenmechanik nicht.

Was, wenn das bei uns Menschen genauso ist, wenn wir uns einmal auf die nicht so wirklich rational zu verstehende Seite der Wirklichkeit einlassen? Etwa auf das Denken, das uns im Chan / Zen oder auch bei Krishnamurti immer wieder begegnet? Oder auch beim Motorradfahren, in der Kampfkunst oder beim Extrem-Klettern, um nur ein paar Beispiele zu nennen? Wobei die wenigsten Motorradfahrer, Kampfkünstler oder Kletterer das mit ihrer Sportart in Verbindung bringen würden. Ich habe das begriffen, als mir mein Provider zu erklären suchte, warum ich ein barrierefreies Design nehmen sollte, ich im Gegenzug ihm die Faszination des Zen begreiflich zu machen suchte – bis ich begriff, dass wir vom Selben sprachen. Wiedergefunden habe ich es auch in der Gestaltung meiner Präsentationen durch das Buch „ZEN oder die Kunst der Präsentation“ von Garr Reynolds. Schaue ich genau hin, kann man es in vielen Konzepten finden. Doch einem zu erklären, warum es funktioniert, das kann keiner so wirklich. Aber es funktioniert. Also lohnt es sich, sich dem anzunähern.

Beispiel systemische Prozesse. Die lassen sich mit dem üblichen Denken nicht wirklich verstehen und auch nicht nachvollziehen. Da muss man dann schon in Form eines Tetralemma denken: A kann sein oder B, auch A und B  können gleichzeitig möglich sein, aber auch weder A noch B. Oder doch etwas ganz anderes. Nicht so einfach zu denken. Auch in der Wirtschaft hat man eigentlich schon längst begriffen, dass man mit Menschen nicht wie mit Maschinen umgehen kann. Nur was das genau bedeutet, das weiß man noch nicht so richtig. Denn all die bisherigen methodischen Konzepte und Konstrukte funktionieren nur vordergründig, aber nicht wirklich. Man versucht dem über komplexes wie über agiles Denken näher zu kommen, doch was das genau bedeutet, ist scheinbar noch nicht so ganz klar. Aber es gibt auch Erfreuliches, denn ich kann mich auch als Normalo in diesen Grenzbereich zum letztlich Sprachlosen wagen, indem ich eine andere Art des Denkens als das Übliche favorisiere, nämlich sowohl über systemisches Tetralemma-Denken, über ein Denken in Komplexität wie in einem Denken, das die Phänomene der Quantenphysik philosophisch zu fassen sucht, ohne dabei ins Fabulieren abzudriften.

Es ist wie im wirklichen Leben: Die schönsten Früchte finden sich oft jenseits der Grenze des scheinbar Erreichbaren. Aber das kann man ändern, jedenfalls im Bereich des Denkens und Wissens. Dazu brauche ich mich nur darauf einzulassen, dass ich immer weniger genau weiß, was was überhaupt ist. Doch je mehr die klaren Abgrenzungen von Begriffen wie Bewusstsein, Intelligenz, Wissen, Intuition zu verschwimmen beginnen, je unklarer und undifferenzierte sie zu werden beginnen, desto klarer beginne ich jedoch die damit einhergehenden Phänomene zu verstehen. Ich darf nur eines nicht tun, nämlich im Sinne des mechanistischen Denkens verstehen zu wollen, genauso wenig, wie ich dabei in Mystizismus abdriften darf. Dass ich etwas nicht erklären kann, bedeutet nämlich definitiv nicht, dass ich es nicht verifizieren könnte.

Verifizieren ist ein absolutes Muss, verstehen nicht unbedingt.