Strukturen und Beziehungen

Die einzige Philosophie, die mittlerweile für mich relevant ist, ist die, die zur Grundlage für mein eigenes Tun taugt. Eine Philosophie für das Kochen, das Malen, das Motorradfahren, des Tischlerns, des Gärtnerns oder des Wohnens. Was immer man möchte. Auch wie ich ein Buch lese oder fernsehe muss dieser Philosophie entsprechen. Bleibt es allein beim Denken beziehungsweise Reden oder Schreiben, ist eine Philosophie nichts andere als ein gedanklicher Sturm im Wasserglas. Um also eine stimmiges Tun zu realisieren, brauche ich eine eindeutige Struktur, die auch die Philosophie erfasst, der ich folge.

Philosophische Anwendungsgebiete

Für mich habe ich als hilfreiche Themen zum Beispiel das Kochen, die Gestaltung meines Zimmers, meine Kleidung, meine Sprache und das Motorradfahren definiert. Wobei letzteres als erstes kommt, denn nichts sonst gibt mir dieses direkte Feedback, da werden persönliche Defizite unmittelbar und unübersehbar sichtbar, weil nicht kaschier- oder verdrängbar. Beim Kochen bin ich noch am überlegen, wie ich das mit den Interessen meiner Frau vereinbaren kann, denn sie mag eine andere Art des Essens als ich; ich bin eher der Pasta-Typ, sie nicht.

Doch das ist eine gute Überleitung zu der Frage, worum es gerade in Beziehungen gehen könnte. Auf eine Idee kam ich gestern, als mir die Nachbarin erzählte, dass ihr Sohn sehr schnell Fahrrad fahren gelernt hat. Warum? Weil ich ihr einen Trick verraten hatte. Sie hielt ihn fortan nicht mehr hinten am Sattel, sondern im Genick fest. Die Folge: Sie hat sozusagen ein Gelenk nicht definiert, das es nicht nur nicht braucht, sondern sogar ausgesprochen kontraproduktiv ist. Idealerweise bilden Fahrrad und Fahrer ja eine Linie. Doch versucht man dem Kind dadurch Halt zu geben, dass man es am Sattel festhält, baut man sozusagen ein Gelenk ein, wo eigentlich keines sein sollte. Man muss schon ein Experte sein, um da ein Gelenk gebrauchen zu können, etwa beim Motorradfahren. Gilt aber nicht für Kinder und auch sicher nicht zu Beginn.

Einheit zwischen Mensch und Tun

Sie hat also aus dem einen Pendel (Fahrrad und Kind) gerade kein Doppelpendel gemacht, was viele Eltern sonst oft tun. So sieht übrigens ein Doppelpendel aus, wenn man ihm vollkommen freien Lauf lässt:

Trajektorie_eines_Doppelpendels.gif

Doch das Bild kann man auch auf Beziehungen übertragen. Das Doppelpendel beschreibt ganz gut, finde ich jedenfalls, wie zwei mit einander kombinierte Elemente, etwa ein Ehepaar, sich in dem komplexen System „Beziehung“ zueinander verhalten, wobei ich einmal unterstelle, dass jeder der Partner weiß, was er will. Aber es ist ja auch nur eine Metapher, um etwas zu verdeutlichen.  Zwei Menschen können sich ja nie ausschließlich zueinander in Beziehung setzten, sondern es ist immer noch ein Drittes dabei: Das, was sie umgibt, „worin“ sie leben. In einer guten Beziehung würden sie gegenüber der „Welt“ als Einheit auftreten.

Ich selbst bin ja, selbst wenn ich alleine bin, immer in Beziehung, nämlich zu dem Teil der Welt, in dem ich mich gerade bewege. Daher sind auch die meisten Menschen wesentlich besser drauf, wenn sie alleine sind, etwa in der Natur, außer natürlich, sie haben gerade mit dem Alleinsein ein Problem. Zwei Menschen haben also immer einen Dritten mit im Bund: Die (Um-) Welt. Es ist also immer auch eine Frage des Kontextes, wie man sich zu einem anderen in Beziehung setzt. Das darf einfach nicht außer Acht gelassen werde. Ich bin ja nicht „nur“ ich, sondern ich bin Ausdruck der Einheit von mir und der Welt, in der ich lebe. Jede Beziehung ist eine Beziehung zur Welt und nicht zu etwas anderem. Daher zurück zum Fahrrad beziehungsweise zum Motorradfahren.

Bemerkbare Organisation

Das Motorrad bringt den komplex organisierten Fahrer dazu, sich auf eine ganz bestimmte Weise zu organisieren, damit er nicht umfällt. Das ändert sich schlagartig, wenn der Motorradfahrer noch eine Sozius oder eine Sozia mitnimmt. Da müssen sich dann nämlich beide den Vorgaben des Motorrades beugen, es sei denn, sie wollen hinfallen. Was sie aber idealerweise nicht tun wollen. Daher „zwingt“ sie das Motorrad, sich synchron zueinander zu verhalten. Ganz anders wäre es in einem Auto. Da sind die beiden wesentlich freier in ihren unterschiedlichen Bewegungen.

Und damit komme ich wieder zurück zum Anfang. Warum sagen so viele Motorradfahrer, dass Motorrad zu fahren eine Therapie wäre? Ganz einfach, weil das Motorrad sie regelrecht zwingt, sich ihrer selbst und ihres Tuns bewusst zu werden und zu sein – und zwar in Beziehung zu etwas durch etwas! Auf dem Motorrad erfahre ich nämlich nicht mich, sondern meine Beziehung zur Welt! Und genau das wird möglich, weil der „Anspruch“ des Fahrens das Gequake im Gehirn beendet, das ständige Nachdenken, meist auch noch über mich selbst. Doch dieses „selbst“ ist nicht das isolierte Selbst, sondern das Ganze, das ich erlebe, wenn ich mich in einem Flow erlebe. Das Resultat ist Bewusstheit meiner selbst als Einheit mit der Welt. Letztlich erzwingt das Motorradfahren regelrecht meditativ zu sein, meditativ zu leben. Und wenn zwei auf einem Motorrad fahren, dann eben auch beide.

Die Form ist entscheidend

Es ist letztlich also die Form dessen, was man tut, die einen meditativ leben lässt – oder eben nicht. Doch bitte immer in Bezug zu etwas, genauer zur Welt! Welche Form also könnte im ganz normalen Alltag das Motorrad sozusagen ersetzen? Was bietet diese absolute Unmittelbarkeit, Direktheit und Ehrlichkeit? Mir fällt dazu nur eins ein: Kommunikation mit dem Mittel des Dialogs. Das bedeutet vor allem das Verlassen der Konvention. Doch das heißt jetzt nicht entweder oder, sondern zu dem Dialog kommt dann noch Ethik hinzu.

Am leichtesten lässt sich der Dialog beim Lesen üben. Bei dieser Art des Lesens geht es darum, dass ich bei jedem Text, den ich lese, ein persönliches Urteil abgeben muss. Stimme ich dem Autor in seinen Schlussfolgerungen zu? Falls nicht, sind folgende Fragen hilfreich:

  1. Habe ich verstanden, was der Autor sagen wollte? Falls nein, habe ich mit all meinen Möglichkeiten versucht, das Beste aus dem Text heraus zu holen?
  2. Bin ich mir sicher, dass ich ehrlich sagen kann, dass ich den Bereich, den der Text abdeckt, so gut kenne, dass ich mir erlauben kann, den Autor zu kritisieren?
  3. Bin ich mir bewusst, dass eigentlich alle Unstimmigkeiten gelöst werden können? Wenn man sich darüber nicht im Klaren ist, kann man die Diskussion auch gleich bleiben lassen.

Wenn man mit dem Autor nicht übereinstimmt, so gibt es wohl nur vier mögliche wirkliche Kritikpunkte:

  1. Der Autor ist uninformiert, das heißt, ihm fehlen bestimmte Bestandteile, die zur Lösung seiner geschilderten Fragen / Antworten nötig wären.
  2. Der Autor ist falsch informiert, das heißt, er geht von falschen Voraussetzungen aus und behauptet, Wissen zu besitzen, das er nicht besitzt.
  3. Die Argumentation ist unlogisch, das heißt, der Autor zieht aus den richtigen Informationen die falschen Schlüsse.
  4. Die Analyse ist (unbewusst!) unvollständig, das heißt nicht, dass man das Thema noch beliebig erweitern könnte, sondern es bezieht sich darauf, dass für die Antworten noch mehr Überlegungen erforderlich wären.

Der Dialog ist in meinen Augen das Tor zur Welt, so wie die Stille das Tor zum Selbst ist. 

  1. In der Stille gründen wir im Ursprung, im Dialog entfalten wir uns in der Beziehung zur Welt. 
  2. Im Dialog finden sich Subjekt und Objekt als untrennbare Eines in der Beziehung wieder. 
  3. Im Dialog verlassen wir die Welt der Konvention, legen ausgeblendete Konflikte offen und verantworten unseren Aspekt in der Beziehung in der Selbstreflexion.
  4. Hier beginnt das Gemeinsame, die gemeinsame Suche nach Sinn, nach Lebenssinn.

Jede Struktur und jede Beziehung hat also immer einen Kontext, in dem sie sich ereignet. Wir übersehen allzu leicht, dass wir alle miteinander und der Kosmos eins sind. „Beziehung“ bezieht sich daher nicht etwa auf meine Frau und mich, sondern auf uns und die Welt. Ohne die sind wir nicht komplett. Daher finde ich auch diesen Gedanken von Huang Po vollkommen korrekt: „Deine Niederwerfungen sind umsonst. Vertraue nicht solchen Zeremonien. Lass ab von solch falschen Glauben.“ Zu glauben, man könne die Welt durch Rituale und Zeremonien quasi aus- und abschalten, ist definitiv eine Illusion.