Tschüß Konvention!

Wer einen wirklich wahrhaftigen Weg gehen und nicht nur so tun will als ob, der darf sich keinem spezifischen Weg verpflichtet fühlen. Doch er muss bereit sein, sich von einem Weg definitiv zu verabschieden, nämlich dem Weg der Konvention. Das ist meines Erachtens nach die Bedingung, die man erfüllen muss, will man Denker wie Krishnamurti überhaupt verstehen. Und den verstehen zu können, das ist mein wichtigstes Anliegen. Mit dem Ausspruch, dass die Wahrheit ein pfadloses Land sei, hat Jiddu Krishnamurti absolut recht. Kein Weg, der gelehrt werden könnte, kann einen zur Wahrheit führen, was nicht bedeutet, dass man Wege nicht untersucht.

Darum liebe ich Zen, denn wie sagt doch Ikkyū Sōjun? „Ich würde gerne irgend etwas anbieten, um Dir zu helfen, aber im Zen haben wir überhaupt nichts.“ Wenn ich sage, dass ich Zen praktiziere, meinen viele, sie könnten wissen, was ich so mache, doch weit gefehlt! Das selbe sagt auch ein Quantenphysiker, hier stellvertretend Niels Bohr für alle anderen, die sich mit den damit einhergehenden fundamentalen Fragen beschäftigt haben: „Die Physik kann keine Aussagen darüber machen, wie die Welt ist, sondern nur darüber, was wir über sie wissen.“ Aber noch eine Haltung ist mir wichtig, für die Bruce Lee steht. Er hatte gegen Ende seines Lebens den Glauben an das Konzept eines starren Systems von Kampfstilen, Techniken und Strategien komplett verloren. Nicht anders ist es auch mir ergangen.

Nichts, was vom Meister zum Schüler weitergegeben werden könnte. Das ist wirkliche Freiheit. Was keineswegs bedeutet, dass man nicht über einen Meister lernen kann und vielleicht auch muss. Sie sind prächtige Schleifsteine für die eigenen Ansichten. Aber man kann eben nur „über“ sie, nicht „von“ ihnen lernen. Darum braucht man einen Lehrer, der einem die Mittel an die Hand gibt, um eigenständig weiter lernen zu können. Es ist also unsere gewöhnliche Sichtweise, die wir loswerden müssen, wollen wir im Einklang mit der Welt leben.

Das gilt die festen Denkmuster der Ratio und der Logik zu durchbrechen, denn wir können die Wirklichkeit nur in ihren Erscheinungen beschreiben, das, was ist, wir können sie aber nicht definieren. Der darin liegende Sinn ist offensichtlich, nämlich die Auflösung der Illusion, dass die Dinge der Welt voneinander getrennt gesehen werden könnten und dass das „Ich“ eine von der Umwelt losgelöste Existenz besäße. Dies erschließt sich nur intuitiv und nicht mit Worten alleine; das heißt, man muss über das Denken hinausgehen.

 

Eine Kultur zu leben ist wie ein Kunstwerk selbst zu gestalten, statt es nur zu betrachten und zu kopieren. Sie drückt aus, dessen ich mir bewusst bin, was und wie ich mich selbst verstehe, wonach ich strebe, was ich also zielbewusst, unbeirrt auf möglichst kurzem Weg und ohne mich ablenken zu lassen anstrebe und was ich zu sein suche. Auch der Beruf oder die Art, wie man kocht, kann ein Kunstwerk sein. Obwohl: Kann? Oder sollte es nicht eines sein? Konvention aber ist nie eine Kunst, sondern immer gekünstelt, nur eine Kopie.

 

Der Künstler aber, so Albrecht Dürer,

 

lebt Eigensinn im positiven Sinn,

er ist ein Meister seiner Profession,

er verfolgt seine Sache voller Leidenschaft,

er weiß sich allen Menschen verpflichtet

und er lebt für einen höheren Zweck und Sinn.

 

Mit anderen Worten: Er führt einen Dialog mit dem Leben.