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Übe ich oder mache ich mir ‚nur’ etwas bewusst?

Mir ging gerade der Gedanke durch den Kopf, ob meine bisherige Vorstellung von ‚etwas zu üben‘ nicht schlicht und einfach falsch war und ist. Ich nehme – wieder einmal – das Beispiel Motorradfahren, hier die Kurventechnik, um diese Frage für mich zu klären.

Wie ich am besten um eine Kurve fahre, kann ich mir mit Wissen erarbeiten. Für irgend etwas müssen ja die 6 Semester Physik gut sein, die ich mal studiert habe. Doch dieses Wissen alleine nutzt mir absolut nichts, denn es ist erst einmal ‚nur‘ explizites Wissen. Ich kann es noch nicht, es muss implizites Wissen werden. Was wiederum bedeutet, ich muss es tatsächlich tun.

Am Anfang scheint das schwierig wenn nicht schlichtweg unmöglich zu sein. Aber ist es das? Ich erinnere mich noch gut an meine Fahrprüfung, vor der ich ordentlich Bammel hatte, da ich das mit den Bremsübungen nie ordentlich hinbekam. Aber ich setzte mich am Tag vorher hin und ‚übte‘ das in Gedanken.

Nur – übte ich es oder machte ich es mir bewusst? Ich denke, ich machte es mir bewusst! Vor allem wurden mir dabei die gedanklichen Sperren bewusst, ‚Barrieren’, die verhinderten, dass mein Wissen implizit wurde und ich es anwenden konnte.

Doch was passierte dabei in meinem Gehirn? Es passierte Selbstorganisation, jedenfalls gehe ich davon aus. Ein schwieriger Begriff, denn Selbstorganisation hat gerade nichts mit einem ‚Selbst‘ zu tun, denn die stellt sich nur dann ein, wenn kein ‚ich will’ anwesend ist, also kein Selbst, kein Ich-Gedanke. Sobald ‚ich‘ mir zusehe, wie ich etwas tue, funktioniert es nicht, wohl aber, wenn ich es erlebe.

Das ist wie beim Musik hören. Entweder, ich höre sie nebenher, mache also noch etwas anderes, oder ich höre sie achtsam und mache nur dies: hören. Dann ist da nur die Empfindung des Hörens, aber nicht mehr das ‚Ich-höre‘.

Das Hören wird schon unterbrochen und oberflächlich, wenn ich nach meiner Tasse Tee greife und einen Schluck trinke, denn dann ist meine Aufmerksamkeit (sinnvoller Weise) bei dem Vorgang des Teetrinkens.

Fakt ist, dass in den Prozessen der Selbstorganisation höhere strukturelle Ordnungen erreicht werden, was jedoch nur dann möglich ist, wenn nicht versucht wird, diese von Außen zu steuern; wobei schon ein ‚Ich-will‘ ein solches Außenelement wäre, denn dann schaue ich von außen auf den Prozess und erlebe ihn nicht von innen.

Schauen oder erleben – das ist der Unterschied, der wirklich einen Unterschied macht. Wie oft aber meinen wir einen anderen erlebt zu haben, wenn wir doch nur auf ihn geschaut haben? Wobei es keinen Unterscheid macht ob abwertend oder wertschätzend, denn beides ist wertend.

Den anderen nicht zu erleben hat einen interessanten Aspekt, denn man muss (!!) ihn dann auch nicht spüren. Nur so aber ist die Konvention aufrecht zu erhalten: Bitte nicht spüren! Wobei das auch einen selbst betrifft.

Im Spüren gibt es absolut keine Trennung. Spüre ich mich, spüre ich auch den anderen. Doch sobald dabei ein ‚ich‘ anwesend ist, ist es etwas ganz anderes, nämlich ein Schauen. Bedeutet das, dass Wissen dann implizit ist, wenn ich es spüren kann? Ich denke ja!

Etwas ‚üben‘ muss ich vermeintlich nur dann, wenn ich es noch nicht spüren kann – oder aber ich spüre etwas, was da nicht hingehört.

Etwas zu üben dauert, da ist die Zeit sozusagen mit eingebaut, nicht aber beim Sich-bewusst-werden. Je mehr ich mich darauf einlassen kann, desto schneller geschieht es. Manchmal so schnell, dass man sich fragt, weshalb man nicht schon früher darauf gekommen ist.

Was man also kann und auch tunlichst machen sollte, das ist sich der eigenen, selbst auferlegten oder auch unbewussten Grenzen bewusst zu werden. Manchmal merke ich, wie ich mir selbst im Weg stehe. Und genau die Hürde will ich nehmen!

Published inAllgemein