Und was, wenn alles ganz anders ist als ich bisher dachte? II

Wie komme ich von meinem bisherigen Denken herunter? Hilft eine wunderbare Vision? Ich glaube nicht. Denn wenn ich jemandem eine Vision verkaufen kann, dann denkt er die doch immer nur im Kontext seines bisherigen Denkens. Da kommt man nun einmal beim Selbst-Denken nicht heraus. Ist wie eine Grube mit sehr, sehr glitschigen Wänden. Es bräuchte schon eine Menge Bücher und auch viel Fantasy, um darauf hochklettern und den Rand erwischen zu können. Aber wer hat das schon, Bücher und Fantasy zu Hauf herumliegen, um sich daraus eine Leiter zu bauen? Kaum einer.

Mich erinnert das immer schmerzhaft an diese Aussage von Nagarjuna, dass nur der Zen ernsthaft praktizieren würde, der gescheitert sei. Zu scheitern, das bedeutet aufzugeben und neu anzufangen, aber mit einer ganz anderen Ausrichtung. Sozusagen bei Null anfangen. Ganz von vorne die Welt neu (!) sehen und kennen lernen. Tja, doch wer macht das schon gerne und dann auch noch freiwillig? Irgendwie doch nur Verrückte. Oder die, die begriffen haben, dass unser Weltbild gerade dabei ist, in die Brüche zu gehen. Ich baue ja immer auf die moderne Physik, denn die macht eigentlich klar, dass wir linear denken, wo wir um´s Eck denken müssten. Sie hat ja so ein paar Aussagen, die ein normaler Mensch erst einmal einfach nicht begreifen kann. Aber was sag ich, es sind nicht ein paar, es ist eine Menge an nicht zu begreifenden Aussagen.

Dafür gibt es drei Lösungsansätze: Der erste ist so zu tun, als wäre nichts und das einfach alles schlicht weg zu ignorieren. Der zweite ist, zu denken man hätte es verstanden und sich in metaphysische Wolken zu hüllen. Dumm nur, dass beide Vorgehensweisen nicht funktionieren. Der dritte ist zu verstehen, dass die Wolke des Nicht-Wissens, in der man lebt, wirklich gewaltig ist und man genau genommen absolut keine Ahnung hat, wie das alles so funktioniert. Um sich dann ganz vorsichtig in dieses mysteriöse Feld des Denkens Schrittchen für Schrittchen vorzuwagen.

Schon witzig, denn eigentlich geht es darum, wie man selbst lebt. Doch viele wollen das scheinbar gar nicht wirklich wissen, sondern geben sich mit irgendwelchen gedanklichen Konstruktionen zufrieden, die zwar immer nur von anderen Menschen ausgedacht sind, doch eben keine Wirklichkeit, keine Realität sind. Es ist und bleibt ein Rätsel, warum so viele Menschen lieber in einer Illusion leben als dass sie sich einmal die Mühe machen würden zu hinterfragen, was sie da glauben. Doch das bedeutet bedauerlicherweise, dass sie sich mit diesem Hinterfragen ja sich selbst hinterfragen. Alles, was ich bin, resultiert nun einmal darin, was ich glaube zu sein. Also ich bin – erst einmal – nicht das, was ich bin, sondern das, was ich glaube zu sein.

Klingt wie ein Witz, ist nur leider keiner. Aber es scheint so zu sein, dass man da erst einmal draufkommen muss, bevor man sich darüber klar wird, dass man sich selbst auf den Leim gegangen ist. Jedenfalls glaube ich, dass das wirklich so ist und ich es auch in dieser Verallgemeinerung so behaupten kann. Jedenfalls für uns Europäer gilt das definitiv so. Es fängt ja schon mit der Sprache an, die ein eindeutiges Weltbild widerspiegelt. Nur ist es eben leider ein unvollständiges, keines, das uns die Welt und damit uns selbst komplett verstehen ließe.

Aber das ist doch, was ich will: Mich ernsthaft zu verstehen und nicht zu glauben, ich würde mich kennen.