Unmittelbarkeit

Ich bin, was ich erlebe. Nichts sonst. Die Frage ist, was mich an vergangenen Erinnerungen so festhalten ließ? Und warum definierte ich mich so oft über Vergangenes? Ich gehe auf die 70 zu, schreibe heute Texte über die Fragen, die sich mir in den Begegnungen stellen. Wen interessiert es da noch, was ich früher einmal beruflich machte?

Mein Lebensweg ist ganz klar bedingt, doch diese Bedingungen waren nie zwingend! Zwischen dem Erlebten und meiner Reaktion darauf befand sich immer eine Weiche: Meine persönliche Entscheidung. Es war meine Entscheidung, mich anzupassen, statt zu sagen „Ihr könnt mich mal kreuzweise!“ Natürlich konnte ich das als Säugling nicht, aber als Kind? Ich erlebe gerade immer wieder meinen dreijährigen Enkel, der seinen Eltern ganz klare Grenzen aufzeigt.

Gestern habe ich mit seinem fünfjährigen Cousin und seiner siebenjährigen Cousine Karten gespielt. Als der Junge mich am Spielen hinderte, damit er gewinnen konnte, griff seine Schwester mit ganz erwachsenem und mahnendem Ton ein. Sie spürte wohl, dass das das Ende des Spiels gewesen wäre. War das aber etwa keine Reflexion? Und ob das Reflexion war! Und ich werde auch nie das Grinsen des damals 2 1/2 Jährigen vergessen, der seine Mutter so lange trätzte, bis er endlich hatte, was er wollte. Klarer Fall, er hatte die Mama ausgetrickst und endlich seinen Schnuller wieder bekommen.

Das Einzige, was den Kindern zu Gute zu halten wäre, ist vielleicht die Tatsache, dass sie sich dessen nicht bewusst sind. Obwohl, so sonderlich sicher bin ich mir da nicht. Ich denke eher das Gegenteil. Vielleicht haben wir nur eine unzutreffende Vorstellung von Bewusstsein? Die übliche Vorstellung von Bewusstheit hat ja immer auch den Unterton der Kontrolle. Viele haben die Vorstellung, dass, wer sich etwas bewusst ist, auch die Kontrolle über das hat, was er da denkt und tut. Und das wollen wir doch dem lieben Kleinen nicht antun!

Genau deswegen entbinden wir ihn von der Verantwortlichkeit für sein Tun. Natürlich ist es keine Frage, dass er die Konsequenzen seines Handelns vielfach nicht sehen kann, weil er die Konsequenzen noch nicht abschätzen kann, aber ändert das etwas? Ich weiß doch als Erwachsener auch nicht, was mein Tun letztlich auslösen kann oder auch wird! Meine (bewusste?) Verantwortlichkeit endet ganz klar dort, wo ich kein Wissen um die Folgen meines Handelns habe. Aber werde ich da nicht wie ein Kind unschuldig schuldig, wenn sich später herausstellt, dass mein Handeln gravierende Folgen hatte?

Fakt ist, dass ich mich von klein auf perfekt an die herrschenden Lebensverhältnisse angepasst habe. Dumm nur, dass die von den Gedanken der Physik Newtons geprägt waren. In die bin ich hineingewachsen, an sie habe ich mich höchstpersönlich angepasst und so habe ich ein prächtiges Ego entwickelt, das ich jetzt wieder los werden will. Denn dieses Ego denkt in der Zeit, und das hindert mich zu leben. Leben kann ich jedoch nur im Augenblick, doch solange ich einen einzigen Gedanken an gestern und morgen verschwende, so lange lebe ich nicht.

Und wenn ich endlich dieses Ego los geworden bin, dann bin ich auch unverletzlich geworden. Natürlich nicht körperlich, wenn ich mit dem Motorrad einen Unfall baue, werde ich unter Umständen ziemlich verletzt sein. Aber um psychisch verletzt zu werden, beleidigt oder was auch immer, dazu brauche ich ein Ego, ein Ich. Und eine Psyche. Alles nur eine Illusion? Ja, alles nur eine Illusion. Nicht wirklich? Nein, nicht wirklich. Und meine Psyche? Auch nur ein Konstrukt, um die Illusion, genauer die Konvention, in der wir leben, erklärbar zu machen.

Seit einiger Zeit kann ich von meinem Platz aus die Vögel in unserem Garten beobachten. Was machen die anders als wir Menschen? Was ist der wesentliche Unterscheid? Manche würden dazu sagen, sie agieren spontan. Ich sage eher, sie leben unmittelbar. Im Gegensatz zu uns Menschen. Wären wir endlich unmittelbar und damit einhergehend auch ehrlich, würden wir merken, wie wir wirklich sind. Und das würde uns des öfteren nicht so sehr erfreuen. Also lassen wir das mit dem Unmittelbar-Sein, sonst merken wir am Ende noch, wie wir sind.

Oder Ich entscheide mich, unmittelbar zu sein, räume aber vorher ordentlich mein Denken auf.