Unus mundus

Das ist für mich mittlerweile Weg wie Ziel gleichermaßen. Dazu ein Beispiel: Als Tangotänzer sollte es mein Ziel und damit auch mein Weg sein, einen guten Tanz zu tanzen und nicht nur, ein guter Tänzer zu sein. Genau genommen muss es das auch sein, es sei denn, es geht mir alleine darum, mich selbst gut darzustellen und mich gegenüber meiner Partnerin abgrenzen zu wollen. Denn ich kann ja nur dann der sein, der ich „eigentlich“ sein will, wenn der Tanz gelingt; doch das kann ich nicht alleine, nur mit der Tangotänzerin zusammen.

Der Tanz ist wesentlich

Tänzerin und Tänzer müssen jeder für sich den Anspruch haben, das Beste aus sich selbst herauszuholen. Doch was das Beste ist, das definieren nicht sie selbst, sondern der Tanz. Sie brauchen also noch den gemeinsamen Anspruch, gut tanzen zu wollen. Also erst der gemeinsame Anspruch eröffnet mir als Tänzer den Raum, der sein zu können, der ich sein will! Eine Metapher vielleicht für das ganze Leben? Geht es mir um mich oder geht es um den Tanz? Dabei wird klar, dass der Tanz immer besser wird, je weniger es mir dabei um mich (und meiner Tänzerin um sich) selbst geht, sondern eben um den Tanz. Entscheidend ist, was unser Fokus ist. Es geht also um das Prinzip, nicht um meine Rolle dabei. Die Frage ist demnach, was ich mit meiner Partnerin gemeinsam erreichen will und auch kann, was jedoch für mich bedeutet, dass ich für mich der beste Tänzer sein muss, der ich sein kann.

Will ich also ein guter Tangotänzer sein, dann muss ich bestmöglich sein wollen, jedoch ohne dabei mich selbst im Fokus zu haben, sondern den Tanz. Dafür muss ich mit meiner Partnerin geklärt haben, was wir erreichen wollen. Das definiert, was erreicht werden kann und es definiert auch meine eigenen Grenzen. Das darf ich nie übersehen. Lasse ich mich dann wirklich auf den Tanz ein, werde ich auch selbst besser werden, soweit es in meinen Möglichkeiten liegt. Es geht also nie um mich alleine, sondern immer um den Tanz. Wenn ich einen guten Tanz tanzen möchte, umfasst das ja auch mich, ohne dass ich im Fokus stehe. Und genauso sollte ich wohl überhaupt leben wollen.

Der gemeinsame Entschluss

Das ist schon bei ganz banalen Dingen merkbar. Wenn ich, etwa mit dem Auto, möglichst schnell irgendwo hin kommen will, komme ich am schnellsten weiter (Verkehrsregeln mal ausgeblendet), wenn alle anderen Verkehrsteilnehmer und natürlich ich selbst schnell sein wollen, dabei aber den Verkehrsfluss im Blick haben. Selbstbezogenheit bedeutet in diesem Fall ganz klar Sand im Getriebe. Und das ist bei wohl allem so. Selbstbezogenes Verhalten reduziert meine Möglichkeiten – und die des anderen.

Nicht anders ist es in einem Gespräch. Auch da ist nur das möglich, was beide gemeinsam wollen. Fehlende Offenheit wie fehlende Ehrlichkeit haben unmittelbare Auswirkung auf den möglichen Verlauf und damit auf das inhaltliche Ergebnis. Verlässt der Anspruch an ein Gespräch nicht den Rahmen der Konvention, ist es von vorne herein limitiert. Genauso wenn ein Gespräch von Misstrauen oder gar Feindschaft geprägt ist. Also muss ich mich genauso wie auch mein Gegenüber nicht nur fragen, was ich (oder eben er)  erreichen will, sondern was das Gespräch erreichen soll. Ist einem dieser Zusammenhang nicht bewusst, erreicht man nicht, was tatsächlich möglich wäre.

Was soll erreicht werden?

Genauso könnten und müssten sich auch ein Mystiker und ein Praktiker fragen, was sie überhaupt erreichen wollen, wenn sie sich über ein Thema austauschen. Bevor man mit einem Gespräch beginnt, sollte immer geklärt sein, worum es genau geht, was das gemeinsame Ziel ist. „Was ist das gemeinsame Ziel?“ ist also die entscheidende Frage, die Frage, die letztlich den inhaltlichen Raum definiert. Mir selbst diese Frage einmal im Stillen zu stellen und meine bisherigen Argumente wie mein bisheriges Verhalten daraufhin zu untersuchen, würde mir mit ziemlicher Sicherheit bewusst werden lassen, wo meine Befürchtungen und Ängste liegen.

Unus mundus ist ein Begriff, der auf Carl Gustaf Jung zurückgeht. Er versuchte damit die Einheitswirklichkeit zu beschreiben, eine Welt, in der Seele und Materie nicht unterschieden sind. Ich würde dabei nicht von Seele, sondern von Geist sprechen, ein Begriff, der vielleicht weniger durch unsere Vorstellungen darüber „belastet“ ist. Vielleicht würde ich noch einen Schritt weiter gehen wollen. John A. Wheeler von der Universität Princeton hat eine Interpretation der Quantentheorie initiiert, wonach die physikalische Welt eigentlich aus Information besteht, während Energie und Materie nur Oberflächenphänomene sind.

Was gestaltet die Welt?

Das kann ich mir für mich selbst gut vorstellen. Und für die Welt sogar leichter als die Vorstellung, alles sei Geist. Die Vorstellung, dass letztlich alles Information ist, kann ich mir einfach besser vorstellen; genau genommen nicht nur besser, sondern gut vorstellen. Die Frage, wo diese Information dann sitzt oder wer sie hat, die lasse ich einfach einmal offen. Auf jedenfalls ist das ein anderes Verständnis von Information. Denn bei diesem Verständnis von Information nehme ich die nicht nur auf, denke darüber nach, speichere sie als richtig oder verwerfe sie als falsch, sondern die Information gestaltet mich direkt, sie definiert mich unmittelbar zusammen mit den weiteren Information, über die ich verfüge.

Was ganz klar auch bedeutet, mir wirklich bewusst sein zu müssen, was und und vor allem auch, wie ich denke, denn jeder Gedanke bringt Informationen in die Welt. Und auf diese Weise „arbeite“ ich an der Welt mit, denn „meine“ Welt ist ja nichts anderes als ein Aspekt der Welt. Doch was mache ich jetzt mit all diesen Erkenntnissen? Ganz einfach, ich mache sie zu meinem Anspruch an mich selbst. Unus mundus ist so nicht nur eine Philosophie, sondern ein konkretes Prinzip für mein Leben, mit dem ich die Form klarer definieren kann. Ganz einfach, was dem Prinzip nicht entspricht, kommt schlicht und einfach nicht in die Tüte. Also suche ich nach Lebensformen, die dem Prinzip entsprechen – und nicht nur nahekommen.

Die Umsetzung

Dafür brauche ich weder ein magisches, mystisches noch ein philosophisches oder sonst wie geartetes Konzept. Das wäre meines Erachtens nach auch genau das Falsche. Also suche ich ganz praktisch nach Lebenssituationen, in denen das Prinzip des Unus mundus erfüllt ist. Das ist fraglos im Zustand des Flow der Fall. Es erscheint jedoch schwierig, außerhalb extremer Situationen wie etwa Motorradfahren oder Freeclimbing in einen solchen Flow-Zustand kommen zu können. Doch mit dem inneren Anspruch des unus mundus gelingt auch das. Schließlich kennt man einen Flow-Zustand ja auch bei kleinen Kindern. Die machen nichts anderes, als alles zu lassen, was dem Prinzip des unus mundus nicht entspricht. Sie leben einfach nicht in der Konvention, sind offen für die Situation, sind ehrlich und verbergen nichts. Das ist das ganze Geheimnis.

In dem Moment, in dem ich mein Ziel des unus mundus gleichermaßen zur Grundlage meines alltäglichen Tuns, also meines Weges im Leben mache, werde ich es auch realisieren, unabhängig von dem, was ich konkret tue. Vor allen Dingen muss ich mir bewusst sein, dass darüber zu reden nicht hilft, ich muss es auch wirklich tun.