Verhält sich die Menschheit wie eine Hammelherde?

Man könnte tatsächlich dieser Meinung sein, wenn man die aktuellen Nachrichten verfolgt. Aber ist es wirklich so? Ich glaube nicht, dass das dem Wesen des Menschen entspricht. Jedenfalls könnte es anders sein.

Ich will einmal dahingestellt lassen, weshalb die Menschheit so denkt, zumindest die meisten Menschen. Nehmen wir dieses Denken einmal als gegeben an. Es kommt tatsächlich nicht darauf an, weshalb wir denken, was wir denken, sondern wie wir denken.

Weiß ich, wie ich überhaupt denke, dann weiß ich auch, wie ich das ändern kann. Ich brauche mich nur zu fragen, weshalb meine Enkel, als sie noch klein waren, kein Problem damit hatten, Neues zu erfahren, wohingegen schon 20-Jährige Probleme damit haben, wenn man ihnen zu erklären sucht, dass sie falsch denken würden.

Wie verhält sich jemand, der sein ganzes Leben und vor allem sein eigenes Selbstverständnis auf seinem eigenen Denken aufbaut, wenn man ihm zu erklären versucht, dass dieses Denken unvollständig und letztlich irrig ist? Wenn das so wäre, dann würde das ja bedeutet, dass es zu irrigen Annahmen geführt hat, er es nur nicht bemerkt hat, eben weil er falsch denkt!

Wenn ich mir vorstelle, jemand hätte mir das vor 30 Jahren zu erklären versucht, als ich privat, beruflich und politisch dabei war, mich zu ‚positionieren‘ – ich denke, das Gespräch wäre recht kurz verlaufen. Und ich wäre absolut davon überzeugt gewesen, dass er Unsinn reden würde.

Was angesichts unseres letztlich auf Konkurrenz basierendem Wirtschaftssystem zwangsläufig ist. Stellen Sie sich einmal vor, ich hätte als Rechtsanwalt die gegnerische (!) Kollegin oder den Kollegen interessiert gefragt, wie er seine Ansichten begründet. Ich bin mir sehr sicher, ich wäre sehr schnell meine Mandantschaft losgeworden.

Das Selbe ist auch in der Politik so. Niemand hätte mich mehr gewählt, wenn ich mich zu den Kolleginnen und Kollegen auf der anderen Seite gesetzt und ihnen interessiert zugehört hätte – und nicht die Interessen meiner (!) Partei wortgewaltig vertreten hätte. Und auch als Berater ging es mir kein bisschen anders.

Wenn ich mir diese Situation heute ausmale, dann fällt mir auf, dass schon lange etwas an meiner Sicherheit, richtig zu denken, nagte. Je mehr es aber nagte, desto mehr beharrte ich auf der Stimmigkeit meines Denkens. Ein Problem, das kleine Kinder nicht haben. Nur lernen die meisten von ihren Eltern genau die falsche Art zu denken; was die aber nicht wissen, denn sie haben das ja auch so von ihren Eltern gelernt.

Als Kind hatte ich wie viele andere auch noch die Offenheit für verrückte Überlegungen und Gedankengängen, die ich im Lauf der Zeit ‚verloren‘ habe. Besser wäre wohl zu sagen als ‚nicht zielführend‘ aufgegeben. Aber man kann sie wieder zurückgewinnen, diese Offenheit; eine Offenheit, die wir von kleinen Kindern lernen könnten. Die müssen anderen auch nicht ständig beweisen, dass sie recht haben. Das ist der Paradigmenwechsel, den wir dringend bräuchten.

Einfach offen sein, was andere so denken. Zuhören, um zu verstehen und nicht, um erwidern zu können. Und wenn man den anderen wirklich verstanden hat, was nicht bedeutet, dass seine Ansichten auch valide wären, das Gehörte einmal bedenken. Und wenn es logisch ist, es selbst zu verifizieren.

Eines habe ich mit der Zeit gelernt: Wenn jemand behauptet, ich würde Schwachsinn reden, regt mich das nicht auf, sondern ich frage ihn, warum er das denkt. Den anderen seinen Standpunkt darlegen zu lassen ist die beste Möglichkeit, logische Denkfehler aufzudecken. Oder sich davon zu überzeugen, dass er ganz einfach recht hat.

Ich nenne das die Kunst, sich einzulassen. Seit geraumer Zeit gehe ich ganz selbstverständlich davon aus, dass ich schlicht und einfach ein Aspekt des Kosmos bin. Nur sehe ich ein bisschen anders aus als ein Stern, eine Sonne oder ein Mond, doch ich funktioniere nach den identischen Gesetzmäßigkeiten. Was will ich mehr? Ich brauche doch nicht zu wissen, weshalb ich denken kann, wenn ich es doch kann! Ich brauche es einfach nur zu tun.

Exakt diese Haltung zeichnet auch die Menschen des Ch’an wie die der Quantenphysiker aus. Die Physiker habe ich hier explizit erwähnt, weil sie im Wesentlichen das Selbe wie die Ch’an-Menschen denken. Aber auch die Systemiker kommen dieser Art zu Denken sehr nahe. Man könnte jetzt auf den Gedanken kommen, dass die Beschäftigung mit diesen eher wissenschaftlichen Fragen dem Gedanken in dem vorigen Absatz widersprechen. Was es aber nicht tut.

Wir Menschen haben ganz offensichtlich die natürliche Unschuld (?) verloren, die die übrige Natur hat. Wir sehen die Welt nicht mehr, wie sie ist, sondern wir sehen sie durch die Brille unseres Denkens. Und dieses Denken hat sich Dank der technischen Fortschritte in genau diese Richtung entwickelt: Es ist technisch geworden. Wir denken (entschuldigen Sie) so, wie auch Maschinen funktionieren. Sichtbar wird das bereits an und in unserer Sprache, die in ihrer Struktur ganz wesentlich den Erkenntnissen der klassischen Physik entspricht.

Wenn man sich Gedanken über den Lauf der Sterne macht, wo man herkommt oder warum überhaupt etwas existiert, dann hört man leider auf, das Leben wie eine Katze oder ein kleines Kind zu genießen. Man denkt in die falsche Richtung, weil man einen Grund für etwas sucht, was gerade dann funktioniert, wenn wir es nicht hinterfragen. Etwa Selbstorganisation. Wir müssen also wieder verlernen, alles zu hinterfragen, statt uns dessen bewusst zu sein. Das ist nicht so einfach, denn einfach vergessen geht wohl nicht. Wir brauchen die Erfahrung, dass anders zu denken besser (und nicht nur auch!) funktioniert, sonst geben wir das bisherige Denken einfach nicht auf.

Was die ‚Hammelherde‘ ausmacht, das lässt sich übrigens möglicherweise in wenigen Sätzen zusammenfassen: Sie rennen alle einem Leithammel hinterher. Dieser Leithammel oder das Leitmotiv in ihrem Leben ist die Vorstellung, dass sie ‚ein aus sich selbst heraus existierendes Wesen‘ sind. Damit geht eine gedankliche Trennung einher, nur, dass die der Wirklichkeit absolut nicht entspricht. Wenn ich mich jedoch gedanklich als getrennt ansehe, dann lebe ich diese Trennung auch. Mit fatalen Folgen.

Was wir eigentlich wissen könnten. Und wohl auch sollten.