Vermitteln, was nicht zu vermitteln ist

Ein wunderbares Paradoxon. Denn weder kann ich einem anderen oder er mir Erkenntnis oder Einsicht in das eigene Wesen vermitteln, nicht einmal Verständnis lässt sich vermitteln. Entweder ich kapiere es selbst oder eben nicht. Doch wenn mich keiner darauf hinweist, wie soll ich dann zu Erkenntnis und Einsicht kommen?

Wird mir eine noch unbekannte Erkenntnis oder Einsicht „angeboten“, dann kann ich die nicht aufnehmen und nicht auf ihre Stimmigkeit hin untersuchen, wenn ich sie sofort mit meinem bisherigen Wissen abchecke. Da wird nichts Neues dazukommen, denn ich bleibe ja nur in dem mir bekannten Wissen, alles andere wird erst einmal abgelehnt. Also muss ich mich selbst erst einmal befähigen, Erkenntnis und Einsicht überhaupt gewinnen zu können. Manche meinen ja, das hätte man etwa im Zen dann erreicht, wenn man Mantras auswendig rezitieren kann, eine Robe oder zumindest ein Rakusu trägt und sich strickt an die vorgegebenen Regeln hält. Ein gewaltiger Irrtum, der einen regelrecht kaserniert, bis man endlich seinen Irrtum bemerkt.

Hilfreiche Mittel

„Ursprünglich war es, jetzt besteht es immer noch fort, es hängt nicht von einer Übung wie dem Sitzen in Versenkung ab. Nichts zu üben und nicht in Versenkung zu sitzen, das ist das reine und wahre Ch’an des Tathagata.“

So sieht es Mazu Daoyi, jedenfalls liest man das so. Und so ist es fraglos auch. All dieses rituelle Brimborium ist nur ein „hilfreiches Mittel“, das dem Ch’an-Praktizierenden helfen soll, schneller an sein Ziel zu kommen, also schneller Einsicht und Erkenntnis gewinnen zu können. Mehr aber auch nicht. Und das ist nicht nur im Ch’an so.

Verwechselt man nämlich ein solches Mittel mit dem eigentlichen Ziel, dann hat man ein wirkliches Problem, denn dann steckt man sozusagen in einer Sackgasse fest, nur dass man das überhaupt nicht merkt. Man rezitiert – im Fall, das man Ch’an praktizieren möchte – weiter vor sich hin, sieht aber die Wand nicht, vor der man sitzt. Doch das ist sicher nicht die Wand, vor der Bodhidharma gesessen haben soll.

Die Wand sehen

Die Wand, vor der nicht nur Bodhidharma saß und auch heute noch viele sitzen, ist eine gedankliche, eine innere Wand. Es ist natürlich nicht immer die selbe Wand, deren Eigenart hängt von dem ab, was man zu realisieren sucht und vor allem, was man bisher so dachte, welchem Welt- und Selbstbild man also folgt. Oder sollte ich sagen verfallen ist? Egal, es läuft auf das Selbe hinaus. Jedenfalls ist es nicht so einfach, eine solche Wand zu durchdringen. Doch wie heißt es so schön im Ch’an, man solle einfach nur das torlose Tor durchschreiten und alles wäre gut?

Wahrscheinlich ist damit einfach nur die Mauer der eigenen, bisherigen Gedanken gemeint. Und diese Wand sieht man eben erst, wenn man seine eigenen Ansichten, Überzeugungen und vor allem die eigenen Handlungen nicht nur erkennt, sondern auch ihre Unstimmigkeit erkannt hat. Sind sie nämlich stimmig, ist es ja keine Wand. Aber das voneinander zu unterscheiden ist manchmal schwierig. Und vor allem braucht es dafür Hilfsmittel. Doch welche? Das ist die entscheidende Frage.

Form oder Inhalt – das ist hier die Frage!

Klingt ziemlich paradox, aber wähle ich einen formellen, also einen traditionellen Weg, dann wähle ich tatsächlich einen Inhalt und gerade keine spezifische Form. Denn ein formeller und traditioneller Weg hat ja schon eine Form, also wähle ich damit auch den vorgegebenen Inhalt. Wer das aber tut, steckt in einer Falle. Zum einen bedeutet es nicht, dass ich mir des Prinzips meines Aufräumens bewusst wäre, wenn ich aufräume. Viele Dinge tue ich, ohne dass mir deren Hintergründe bewusst wären. Zur Erinnerung: mir (und leider auch Ihnen) sind allenfalls 5 % dessen bewusst, was in meinem Gehirn so vorgeht. Daher halten sich ja so viele an Konventionen, denn da können sie einigermaßen sicher sein, dass sie nichts falsches tun. Gelernt ist eben gelernt.

Doch es geht auch anders, nämlich indem ich die Form definiere.