Verunsicherung

Das passiert, wenn bisher klare Grenzen verschwimmen. In „meiner“ Welt gab es früher ganz klar Frauen und Männer und sonst nichts, außer natürlich noch Kinder, die schon. Aber dann war Schluss. Auch wenn ich heute weiß, dass die Natur das durchaus differenziert sieht und, jedenfalls bei Fischen, Männchen auch Weibchen werden können, wenn die äußeren Bedingungen es erfordern, tue ich mir trotzdem immer noch schwer im Umgang mit Menschen, die einmal ganz anders waren. So wie Andrea, eine gute Freundin – und doch bin ich mir nie sicher, wie ich sie sehen soll. Mann oder Frau?

Unbekannte Welt

Aber das ist nicht alles. Kürzlich habe ich gelesen, dass man mittlerweile festgestellt hat (fragen Sie mich nicht wie), dass Fische sehr wohl Schmerz empfinden. Nur sie sagen halt nichts. Und auch eine Fliege entscheidet sich wie es auch ein Mensch tut, ob sie eine Situation doch lieber verlassen sollte oder eher nicht. Es fällt uns Menschen, jedenfalls mir, schwer einfach einmal so zu akzeptieren, wenn sich die bisher angenommenen Grenzen zwischen Mensch und Tier verschieben.

Doch sie verschieben sich nur scheinbar, denn sie wurden nur von uns Menschen unzutreffend definiert, wir wussten es einfach nicht besser. Nur ist das noch lange nicht alles. Auch von der Wissenschaft bekommen wir mittlerweile ein Weltbild präsentiert, das man sich einfach nicht mehr vorstellen kann. Vielleicht können wir es irgendwann, aber aktuell sehe ich mich nicht in der Lage mir vorzustellen, dass eine Uhr, die sich relativ zu mir bewegt, langsamer gehen soll als meine eigene. Verstehen kann ich das, aber mir das auch vorzustellen, das geht nicht. Wie auch? Ob ich deswegen keine Uhren trage, um mich damit nicht beschäftigen zu müssen?

Das Ende des Vorstellbaren

Es ist definitiv nicht so einfach vorstellbar. Jedenfalls meine Vorstellungskraft macht da die Grätsche. Doch ich versuche nicht den Fehler zu machen, den dann scheinbar viele Menschen begehen, nämlich indem sie einfach ausblenden und schlicht ignorieren, was sie nicht mehr verstehen. Denn das könnte ein fataler Fehler sein, will man die Welt und damit sich selbst einigermaßen verstehen. Dazu gehört auch die normalerweise strikte Trennung zwischen „natürlichen“ und „technischen“ Prozessen, die wir Menschen üblicherweise vornehmen.

Es könnte ein Fehler sein, der letztlich verhindert, dass wir uns selbst in unserer – Entschuldigung – Funktionsweise verstehen lernen könnten. Wir haben, um uns zu verstehen, uns das Modell der vom Körper getrennten Psyche ausgedacht, eine Sichtweise, die dem asiatischen Verständnis jedoch fremd ist, wie es sich in der TCM darstellt. Die kennt einfach keine Psyche. So ist auch das asiatische Verständnis von Bewusstsein oder Denken ein ganz anderes als im sogenannten „Westen“, was sich beispielsweise in der Tradition des Ch´an zeigt. Viele unserer geistigen Konzepte sind Vorstellungen, die möglicherweise ihren Grund in unzutreffenden Annahmen haben.

Doch es geht noch weiter

Nur ist das nur die Spitze des Einsberges. Die Quantenmechanik hat uns Techniken beschert, die nicht nur hervorragend funktionieren und wesentlich mehr Funktionen bieten, als die mit dem bisherigen, auf Isaac Newton zurückgehendes Verständnis von Physik konstruierten Geräte, sondern die auch die bisher klare Grenzlinie zwischen Mensch und Maschine verschieben. Es hat sich, so sehe ich das jedenfalls, in unserem Verständnis sozusagen ein Keil dazwischen geschoben, ein Bereich, in dem wir sowohl quantenmeschanische wie auch natürliche Prozesse gleichermaßen vorfinden. Da muss man erst einmal tief Luft holen, um das nicht nur zu akzeptieren, sondern um es überhaupt erst einmal zu untersuchen.

Als ich noch als Anwalt arbeitete, kam es leider öfters vor, dass ich richtig schlechte Laune hatte, um nicht zu sagen, dass ich stinksauer war und auch regelrechte Wutanfälle bekommen konnte. Was dadurch definitiv nicht besser wurde, dass dann auch ganz oft mein PC irgendeine Störung bekam. Vielleicht hätte man mir wie Wolfgang Pauli ein Betretungsverbot auferlegen sollen. Dem wurde teilweise ernsthaft verboten, Untersuchungsräume zu betreten, da bei seinem Erscheinen Geräte den Geist aufgaben. Der Pauli-Effekt bezeichnet das anekdotisch dokumentierte Phänomen, dass in Gegenwart von Pauli ungewöhnlich häufig experimentelle Apparaturen versagten oder sogar spontan zu Bruch gingen.

Über das Vorstellbare hinaus denken

Pauli selbst war von der objektiven Existenz des Effektes überzeugt und führte unter anderem einen echten Pauli-Effekt, einen ohne direktes Eingreifen oder äußerlich erkennbare Ursache erfolgten Schaden an seinem Auto, als Grund für den vorzeitigen Abbruch einer Ferienreise mit seiner zweiten Ehefrau 1934 an. Meine Frage ist, ob wir solche Effekte (normalerweise) nur deshalb für Nonsens halten, weil wir sie uns nicht vorstellen können und keine „vernünftige“ Erklärung dafür parat haben?

Vielleicht erscheinen uns ja auch unsere zwischenmenschlichen Beziehungen nur deswegen manchmal so kompliziert, weil wir sie einfach noch nicht wirklich verstehen? Oder eine falsche Vorstellung von ihnen beziehungsweise von ihrer Funktionsweise haben? Ich könnte mir tatsächlich vorstellen, dass wir unsere Beziehungen untereinander wesentlich besser verstehen würden, wenn wir nicht nur hinnehmen sondern auch akzeptieren und verstehen könnten, dass auch Lichtwellen eine Beziehung zu einander haben. Und nicht nur das, sie gestalten diese Beziehung auch noch auf eine Art und Weise, wie es in unserem bisherigen Selbstverständnis, jedenfalls in meinem, nur Lebewesen tun, nämlich durch das Prinzip der Selbstorganisation.

Über Grenzen hinweg denken

Genau so funktioniert nämlich ein Laser. Ein Gas wird angeregt, was es erst einmal instabil werden lässt. Doch dann passiert etwas Eigenartiges. Die ausgestrahlten Lichtwellen werden nämlich wie von Geisterhand organisiert, so dass sie letztlich alle parallel verlaufen, was den Laser im Gegensatz zu einer normalen Leuchte ausmacht. Doch wie werden die Lichtstrahlen organisiert? Ganz einfach, das machen sie selbst. Durch Selbst-Organisation. Ja, das Licht organisiert sich selbst. Man mag es kaum glauben, doch es funktioniert. Sonst könnte ich ja keine Musik von einer CD hören.

Dass Evolution nach dem absolut identischen Prinzip erfolgt (oder sollte ich sagen funktioniert?) macht einen erst einmal sprachlos. Das will einfach nicht so leicht in unser Gehirn. Denn das bedeutet ja, dass wir unsere Vorstellung von uns selbst einmal sehr, sehr gründlich nicht nur überdenken sollten, sondern eigentlich müssten, dann nämlich, wenn wir aus unseren gedanklichen Sackgassen herauswollen. Denn nicht nur die Evolution erfolgt so, sondern auch die ganz persönliche Entwicklung von jedem von uns passiert auf diese Weise. Oder auch nicht, nämlich dann, wenn wir durch unzutreffendes Denken exakt das verhindern, was uns weiterbringen könnte.

Sind wir also bereit, den Bereich zu verlassen, wo wir glauben uns auszukennen und auf unbekanntes Neues einzulassen? Es gibt, neben dem Laser und der Evolution noch ein Gebiet, das nur über Selbstorganisation funktioniert. Und das ist der Flow. Der wurde von Mihály Csíkszentmihályi detailliert untersucht. Das Prinzip des Flow habe ich in diesem Text dargestellt. Jeder gute Musiker, jeder gute Chirurg und jeder gute Motorradfahrer hat mit hoher Wahrscheinlichkeit schon einen Flow erlebt. Doch warum sind Motorradfahrer und Chirurgen, von denen weiß ich es definitiv, wieder so „normal“, wenn sie nicht mehr fahren?

Wie wir das eigene Fortkommen nicht mehr verhindern

Warum fällt es uns so schwer, diesen Zustand auch in unserem ganz alltäglichen Leben aufrecht zu erhalten? Die Antwort ist sehr einfach: Weil wir in der Konvention leben. Und deswegen haben wir auch Probleme damit, uns aus der Deckung zu wagen und endlich offen und ehrlich miteinander umzugehen. Wenn Sie jetzt denken sollten, dass konventionelles Verhalten in letzter Konsequenz lebenshindernd wenn nicht gar lebensfeindlich ist, dann liegen Sie meines Erachtens nach vollkommen richtig. Unser normales Bedürfnis nach Kontrolle, das Selbstorganisation genauso wie Konvention verhindert (und damit letztlich Exzellenz!), lasse ich hier einmal außen vor, denn die Konvention aufzugeben bedeutet auch die willentliche Kontrolle aufzugeben.

Wir müssen einfach verstehen, dass eine solche Kontrolle genau das verhindert, was wir eigentlich wollen. Also ich will kochen, reden, laufen, lesen und so weiter, wie ich es manchmal hinbekomme, Motorrad zu fahren – indem ich mein Fahren gerade nicht kontrollieren will, sondern ich mich in das Fahren fallen lasse. In einer Beziehung oder einem Gespräch würde man sagen, sich darauf einzulassen. Schwierig zu beschreiben, wer dann fährt, wenn „ich“ nicht mehr fahre, sondern „es“ fährt. Und auch ich gestalte dann das Gespräch nicht mehr, sondern „es“ spricht.

Es ist an der Zeit, diese Zusammenhänge endlich zu sehen und sie nicht weiter zu ignorieren.