Viele reden über das Selbe

Meinen sie. Denn tatsächlich sprechen sie über Verschiedenes. Auch wenn jemand sagt, er sei Atheist, dann hat er doch wie jeder andere auch ein Bild von der Welt im Kopf, auch wenn das den allerwenigsten so wirklich bewusst ist. Und dieses Weltbild ist die Grundlage dessen, was jemand wissen will, es definiert sozusagen die Fragen, die er hat. Unsere Fragestellungen sind aber auch die Grenze für die Antworten, die wir zu finden in der Lage sind. Über diese Grenze gehen wir nicht hinaus, denn dann würden wir unser Weltbild verlassen. Und dagegen haben wohl die meisten etwas.

Daher wäre doch die wichtigste Frage überhaupt, will man mit einem anderen über ein natürliches Phänomen diskutieren, sich nicht darüber, sondern über das jeweils zugrundeliegende Weltbild klar zu werden und sich darüber auszutauschen. Dann würde wohl sehr schnell deutlich werden, dass man völlig verschiedene Sprachen spricht. Doch es wird noch spannender, denn was wir denken, wie die Welt beschaffen sei, ist selten das, was wir wirklich darüber glauben. Nicht ohne Grund gibt es für Verstand und Empfindungen verschiedene Begriffe, denn die gehen sehr unterschiedliche Wege. Unsere Weltbilder haben wir aufgrund der Tatsache gebildet, wie sich unsere Eltern uns gegenüber in den ersten Lebensjahren verhielten. Allein durch ihr Verhalten haben sie eine einzigartige Welt für uns geschaffen – unsere Welt. Was sie sagten und wie sie sich „öffentlich“ verhielten ist dabei nebensächlich.

Dieses Weltbild ist tief in uns verwurzelt. So kann es vorkommen, dass ein Atheist deutlich mehr christliche Werte leben kann als ein Christ, der jeden Sonntag zur Messe geht. Da kommt man definitiv nur heraus, wenn man sich intensiv damit beschäftigt und auch zur kritischen Selbstreflexion bereit ist. Denn meine Empfindungen habe ich, ganz klar, doch das heißt jetzt aber nicht, dass sie nicht auch ganz anders sein könnten. „Refraiming“ ist eine klassische psychologische Methode, indem der Auslöser der Empfindung in einen anderen Sinnzusammenhang, einen anderen Kontext gestellt wird, wodurch sich die Empfindung verändert. Weiß ich den Grund für das Verhalten eines anderen, „sehe“ ich ihn auch anders, meine ihn betreffende Empfindung ist eine andere geworden.

So hat sich für viele das tradierte Naturbild sehr verändert, es zeigt kein Bild der Natur mehr, sondern unsere Beziehungen zu ihr. Was die einen als real existierend ansehen, hat für einen anderen eben nur eine empirische Substanz. Ich kann etwas sehen, doch das bedeutet nicht, dass ich auch wüsste, was es ist. So kann ich, wie gerade, auf einen Wald blicken, doch weiß ich, wie ein Wald lebt? Oder ich habe mich im Sommer an den Mohnfeldern erfreut, doch weiß ich deswegen schon, welche Funktion eine Mohnblume hat? Ich finde Mohn wunderschön, seit ich weiß, wie sehr ihn meine Frau liebt. Ein typisches Refraiming, den vorher war mir Mohn ziemlich egal. Empfindungen habe ich und ich kann auch nicht darüber diskutieren, aber ich kann darüber sehr wohl reden.