Von der Geschichte lernen

Was mich manchmal oder auch oft ziemliche Selbstüberwindung kostet. Denn von der Geschichte lernen kann ich nur, wenn ich darin nicht (nur) das Historische sehe, sondern in erster Linie das Menschliche. Gehe ich davon aus, dass ein Mensch immer nur das tut, was er denkt, muss ich mich also fragen, was und wie er gedacht hat, will ich die Geschichte wirklich verstehen.

Denn verstehen kann ich die nur, wenn ich sie aus der Perspektive des Anderen betrachte, nicht aus meiner. Über einen anderen zu urteilen ist einfach, ihn zu verstehen schon schwieriger. Manchmal auch sehr schwierig. Und es kommt immer wieder vor, dass man sich regelrecht weigert, die Dinge sehen zu wollen, wie sie der Protagonist wohl gesehen haben muss.

Denn wieso sollte ich mir sicher sein können, dass ich, wäre ich an seiner Stelle gewesen, anders gehandelt hätte? Wie ich tatsächlich denke ist mir ja kaum bewusst. Ich gehe immer erst einmal davon aus, dass das, was ich denke, richtig ist. Wenn ich etwas als logisch ansehe heißt das noch lange nicht, dass mir auch bewusst wäre, was die Basis der Logik ist.

Diese Basis suchen wir nur in den seltensten Fällen zu ergründen, sondern wir fragen uns nur, ob die Regeln der Logik eingehalten sind. Doch sind sie das, bedeutet das noch lange nicht, dass das, was ich als ‚logisch‘ ansehe, auch stimmig wäre. Es ist eben ‚nur‘ logisch, mehr aber auch nicht. Es geht also nicht um die Inhalte, sondern um die Struktur, will ich wirklich wissen, weshalb ich denke, was ich denke. Und erst recht gilt das zu beherzigen, wenn ich überhaupt wissen möchte, ob es überhaupt stimmig und angemessen ist, was ich denke  – und nicht nur richtig.

Denn ‚richtig’ ist etwas nur für mich, für einen anderen kann es total falsch sein. Es geht also nicht darum, ‚richtig‘ und ‚falsch‘ zu verteufeln, das ist nichts anderes als die Angst davor, klar Position im Leben zu beziehen, sich nämlich festzulegen und damit auch erheblich bis total falsch liegen zu können. Vielmehr geht es darum, mir über die grundlegende Struktur meines Denkens im Klaren zu sein, denn die definiert die Inhalte meines Denkens.

Wenn ich etwas aus der Geschichte meiner Familie gelernt habe, dann, dass es nicht darum geht, die Inhalte zu ändern, wenn etwas im Nachhinein betrachtet ‚falsch‘ gelaufen ist, sondern ganz grundsätzlich die Struktur des Denkens zu verstehen. Doch das kostet eben Selbstüberwindung, wenn man unter Umständen selbst diese Struktur hat. So, wie ich die Welt verstehe, sehe und verstehe ich ja auch mich selbst. Zwischen meinem Welt- und meinem Selbstbild kann es ja keinen Unterschied geben.

So war die Struktur des Denkens bei meinen Eltern wahrscheinlich geprägt von dem Bedürfnis, dazuzugehören. Was für mich die Frage aufwarf, ob ich nicht eine identische Denkstruktur hatte. Ich habe mich immer da wohlgefühlt, wo ich akzeptiert war, dazugehörte. Doch das kostet meist das eigenständige Denken. Ich bildete mir zwar ein, eigenständig zu denken, doch tat ich es wirklich? Eher nicht!

Bin ich mir jedoch nicht darüber im Klaren und auch stets bewusst, dass ich ‚meine‘ Welt ja nur denke und sie nicht ‚so‘ ist, sondern eben nur von mir gedacht, dann kostet es erst einmal Selbstüberwindung, sich selbst zu hinterfragen. Und das nur, weil man nicht sieht, dass weder die Welt noch man selbst ‚so‘ ist, sondern nur, weil man sie und sich ‚so‘ denkt. Doch das kann man fraglos ändern! Sehe ich hingegen die Welt und mich selbst als gegeben an, gelingt mir das nicht. Da braucht es dann schon einen ordentlichen Knall, dass dieses Konstrukt erschüttert wird.

Denn das ist es, sowohl die Welt wie auch ich selbst: Ein Konstrukt meines eigenen Denkens. Ist mir das aber nicht klar, wehre ich mich mit Händen und Füßen dagegen, daran etwas zu ändern. Doch habe ich einmal verstanden, dass es ja ‚nur‘ ein Konstrukt ist, dann kann ich das fraglos ändern, indem ich die Struktur meines Denkens ändere. Aber immer die Struktur, nicht den Inhalt. Selbstüberwindung kostet es mich also immer nur dann, wenn ich von einer unzutreffenden Vorstellung von der Welt und damit von mir selbst ausgehe.

Doch damit fing es leider bei mir an. Und ich befürchte, dass das bei vielen so ist. Bis man begreift, dass es ganz anders ist.