Warum tue ich eigentlich, was ich tue?

Eine hoch interessante, nur leider viel zu selten reflektierte Frage. Gestern fiel mir das wieder einmal auf, als ich einen Disput mit meiner Frau über Sachen hatte, die um die Waschmaschine und den Wäschetrockner herum standen. Es roch nämlich so eigenartig, und da hatte ich sofort im Kopf, dass da etwas überhitzt ist und deswegen roch.

Dabei hat sicher auch eine Rolle gespielt, dass das bei den Nachbarn der Grund für einen Brand war und ich grundsätzlich Probleme mit den möglichen Folgen nicht funktionierender Dinge habe. Ich bewege mich da lieber im kalkulierbaren Bereich, indem ich bekannte Fehler sofort zu beseitigen suche, wenn sie unkalkulierbare Auswirkungen haben könnten, auch wenn die nur möglich sind, andere sehen das gelassener. Ich denke, dass das möglicherweise etwas mit technischem Verständnis zu tun hat, das bei meiner Frau und mir schon recht unterschiedlich ist. Denke ich jedenfalls.

Was ich damit sagen will: Ist es mein Verständnis von den Dingen, die mich handeln lassen, wie ich eben handle? Und ist das nicht nur bei Waschmaschinen so, sondern überhaupt, egal ob es sich dabei um Beziehungen zu Waschmaschinen, Autos, zu der Natur oder zu anderen Menschen handelt? Zugegeben, bei technischen Geräten ist es einfacher, die sind im Gegensatz zu Menschen wesentlich leichter zu durchschauen und zu verstehen.

Mittlerweile bin ich absolut davon überzeugt, dass mein Verständnis von Dingen und Prozessen mein Handeln unmittelbar leitet. Das ist die Matrix, in der ich mich geistig und damit auch mit meinem Empfinden und meinem Handeln bewege. Und je länger ich darüber nachdenke, desto sicherer bin ich mir, dass es exakt so ist. Doch solange ich andere als Initiatoren der Matrix ansehe, in der ich lebe, bleibe ich gefangen und kann mich nicht frei entfalten. Es geht eben nicht darum, welche Götter die richtigen sind, sondern darum zu erkennen, dass keiner der richtige sein kann. Wirklich keiner.

Doch wie kann ich verhindern, dass ich in einem falschen Verständnis stecken bleibe und mir die alte Grube ein bisschen tiefer grabe, in der ich festsitze und nicht herauskomme, jedenfalls so lange nicht, so lange ich von dem falschen Verständnis ausgehe? Es ist schon witzig, denn in dem Augenblick, in dem ich das falsche Denken erkenne, wären ja die Gefängnismauern weg. Einfach so. Was natürlich die Frage aufwirft, warum wir Menschen so an der vermeintlichen Sicherheit unseres (bisherigen) Verständnisses hängen, statt dass wir unser Verständnis einfach als einen Zwischenstand auf dem Weg zur nächsten Etappe der Erkenntnis ansehen würden.

Vielleicht eine Frage der Motivation. Begnüge ich mich mit dem Erreichen des ersten oder zweiten Basislagers, begnüge mich mit der schönen Aussicht, oder will ich den Gipfel der Erkenntnis erreichen und nehme die damit verbundenen Anstrengungen auf mich? Dabei sollte ich mir darüber im Klaren sein, dass diese Erkenntnis ja mich ganz persönlich betrifft, sie entscheidet nämlich, in welchem Maß ich das mir zur Verfügung stehende geistige Potential überhaupt nutzen kann. Also ich selbst entscheide darüber, was mir möglich ist und was nicht! Irgendwann ist es im Leben eines jeden Menschen Zeit, sich von seinen (nicht dem!) falschen Göttern zu verabschieden. Man muss dabei nur aufpassen, dass nicht das eigene Ich als letzter Gott übrig bleibt.

Verständnis braucht Wissen, doch Wissen an sich macht nur schlau, aber nicht verständnisvoll. Es muss also noch etwas anderes hinzukommen, damit aus Wissen Verständnis wird. Ein Satz von Hans-Peter Dürr lautet „Wir erleben mehr, als wir begreifen.“ Und das ist definitiv so. Zum Wissen muss das Erleben hinzukommen, damit daraus Verständnis wird. Doch Erleben ohne Wissen führt allzu leicht in die emotionale und damit in die selbstbezogene Falle. Als Jugendlicher hatte ich jede Menge Vögel, Mäuse und andere Nagetiere – alle ihres natürlichen Lebensraumes beraubt. Oder sie haben ihn nie gekannt. War das nicht Ausdruck meiner eigenen damaligen Selbstbezogenheit zu Lasten der Freiheit dieser Tiere?

Vor ein paar Tagen war ich meines Enkels wegen im Tiergarten. Und fragte mich die ganze Zeit, was diese Tiere über ihre Gefangenschaft wohl dachten. Bei Menschen spricht man dann von Hospitalismus oder Kaspar-Hauser-Syndrom. Aber kann es bei Tieren anders sein? Etwa bei unserem Hund, einem Jäger, der draußen nie ohne Leine laufen durfte? Ist das dann noch artgerechte Tierhaltung? Er „wusste“ einfach, dass zu jagen zu seiner Natur gehörte und versuchte die auch auszuleben. Mit welcher Berechtigung aber reduzierten wir daraufhin seinen natürlichen Lebensraum? Unsere (!) Freude an dem Hund genügte dafür wohl nicht. Seit ich dieses Verständnis von Tieren habe, mag es stimmen oder nicht, seither will ich kein Tier mehr im Haus haben und in den Zoo gehe ich eher widerwillig.

Es ist also mein Verstehen, mein Verständnis der Welt und vor allem meiner selbst, die meine Bezogenheit definiert. Das ist die Matrix, in der ich lebe. Gestern habe ich bei Scott Peck etwas sehr nachdenklich Stimmendes gelesen, was ich eigentlich schon wusste, aber irgendwie wunderbar verdrängt habe: Die Gesundheit der Depression. Damit ich wachsen kann, muss ich mein altes Selbst aufgeben, mein altes Selbst- und Weltverständnis. Und dazugehört oft auch das urmenschliche Bedürfnis, das es mir gut geht. Also rede ich mir das so lange ein, bis das alte Selbstbild zu bröckeln beginnt.

Doch bevor ich mir bewusst eingestehe, dass ich etwas Liebgewonnenes aufgeben muss, um im Leben weiter zu kommen, stellt sich ein melancholisches Gefühl und eine depressive Stimmung ein – die Vorboten einer neuen Einsicht, die alte illusionäre Selbstbilder zerstört. Ich gehe davon aus, dass Welt- und Selbstbild immer identisch sind. Das führt dazu, dass ein irriges Weltbild ein irriges Selbstbild bedingt. Doch das eigene Selbstbild immer wieder neu aufzubauen ist kein Problem, wenn man auf den Gipfel will und das bisher Erreichte immer nur als Zwischen-, nie aber als Endstand ansieht.

Wie heißt es doch im Zen? Tiefes Verstehen. Dann weiß ich auch, warum ich wirklich tue, was ich tue.