Was braucht es zur Selbsterkenntnis?

Ganz klar, einen Spiegel. Doch in welchem Spiegel erkenne ich mein eigenes Weltbild? Natürlich in einem anderen Weltbild! Indem ich mich auf ein mir noch fremdes Weltbild einlasse und es nicht nur kennen zu verstehen suche, sondern es wirklich begreifen will, offenbart sich mir letztlich mein eigenes Weltbild.

Was in meinen Gedanken mir selbst nicht bewusst am werkeln ist, kann mir nur in der Konfrontation bewusst werden. Das war einer der Gedanken, die sich mir regelrecht aufdrängten, als ich das Buch von Malte Härtling „Kaiseki – Die Weisheit der japanischen Küche“ zu lesen begann. Härtling hat sich mit der japanischen Kochkunst befasst, weil er ergründen wollte, was seine eigene (!) kulinarische Identität ausmacht. Er wollte also nicht japanisch kochen lernen allein des Kochens wegen, sondern vor allem, um sich selbst zu ergründen.

Eine wirklich faszinierende Vorstellung. Die darüberhinaus auch noch wirklich stimmig ist. Ich kann mich selbst nur in einem Spiegel erkennen, und das ist eben das Gegenüber. Doch das kann, wenn einen etwa die eigene kulinarische Identität interessiert, eben nur eine andere kulinarische Identität sein!

Und als ich dann noch den Satz las, dass die japanische Küche gekochte Philosophie und geschmeckte Lebensweisheit sei, war mir mit einem Mal schlagartig klar, was ich seit geraumer Zeit zu formulieren versucht hatte. Ich sitze, wenn ich schreibe, immer gegenüber der Bücherwand in unserem Wohnzimmer. Und die Bücher schauten mich schon eine ganze Weile fordernd an und wollten mir etwas sagen.

Das habe ich mittlerweile verstanden. Sie sagten mir nämlich die ganze Zeit, ich solle endlich meine eigenes Ding machen und nicht ständig versuchen, in ihren Fußstapfen zu laufen. Ich soll mich ganz klar in ihnen erkennen, was aber gerade heißt, sie gerade nicht nachzumachen. Mitnehmen, was zu mir passt und weiterziehen.

Diese Art die eigene Identität kennenzulernen, hat für mich absolut etwas mit der Gesprächsform des Dialogs zu tun. Nur dann, wenn ich mich tatsächlich auf eine andere Gedankenwelt einlasse, kann ich nicht nur sie überhaupt verstehen, sondern erkenne darin gerade auch meine eigenen, mir selbst bisher verborgenen Gedankenaspekte.

Und so, wie Malte Härtling seine kulinarische Identität zu finden gesucht hat, habe ich all die Jahre meine sehr persönliche Identität gesucht, die Identität meiner selbst. Zuerst habe ich versucht, diese philosophisch zu fassen, dann eher lebenspraktisch auf dem Boden der Tatsachen, danach spirituell, bis ich am Ende alle Aspekte mit der Physik zusammenbrachte, letztlich ein Weltbild, das keinen Aspekt mehr ausklammert.