Was für eine Geschichte

Geschichten können stimmen oder auch nicht. Und sie können Menschen auseinander- oder auch zusammenbringen. Es kommt ganz darauf an, welche man erzählt. Ein guter Grund, sich die Geschichten einmal genauer anzusehen, die wir uns tagtäglich so erzählen. Wie ich darauf kam?

Ich saß anlässlich der Rückreise von Südtirol am frühen Morgen im Frühstückssaal und hörte zwangsläufig, was die Menschen um mich herum an den Nebentischen sich so zu erzählen hatten. Ein älteres Paar faszinierte mich besonders, vor allem sie. Ganz offensichtlich kannten sich die beiden noch nicht so lange, denn sie erzählte ihm einiges aus ihrer Lebensgeschichte, wie man es eben so macht, wenn man sich gerade kennengelernt hat.

Darin bestätigte sich für mich wieder einmal, dass wir alle, jeder und ohne eine einzige Ausnahme, uns unsere Geschichten erzählen – mal so, mal so. Aber es ist immer unsere eigene Geschichte, an die wir glauben. Ich beispielsweise erzählte und lebte lange Zeit die Geschichte meiner Familie; aber nicht nur das, ich identifizierte mich damit. Dann vermischte sich die zu einer neuen durch meinen Beruf, aber die Grundtendenz war noch immer klar ersichtlich. So lange, bis ich die familiäre Geschichte endlich auf ihre Stimmigkeit hin zu untersuchen begann und die Brüche darin erkannte, die Unstimmigkeiten, die sich letztlich als lange Zeit nicht geglaubte Wahrheiten entpuppten.

Aber ich bekam die Kurve, als ich begriff, dass das keine Wirklichkeit an sich war, sondern die Geschichte, die ich für wahr hielt. Eine Geschichte, die zwar historisch ohne jegliche Zweifel wahr war, doch sie hatte keine Verbindlichkeit für mich, denn es war Geschichte, aber eben nicht meine – nur hatte ich sie zu meiner eigenen Geschichte gemacht, indem ich sie fortschrieb und mich damit identifizierte. Und genau das war der fatale Fehler. Jedenfalls so lange, bis ich endlich meine Geschichte selbst und vor allem ganz neu zu beschreiben begann, ohne die alten Verstrickungen und ohne mich mit etwas zu identifizieren, was ich aber nie war und auch nie sein werde.

Doch eines durfte ich nie übersehen, das war der Wendepunkt, wenn man so will. Meine Geschichte – und es war ja meine Geschichte – hörte erst dann auf  ihre Wirkung auf mich zu haben, so falsch sie auch sein mochte, bis ich eine bessere Geschichte hatte. Doch ohne eine gute eigene Geschichte ähnle ich eher einem Kaspar Hauser als mir selbst. Daher brauche ich eine ausgezeichnete Geschichte für mich selbst. Nicht für eine gute Show, sondern für ein gutes Leben. Wenn ich einmal gestorben sein werde hoffe ich, dass man meine ganz eigene Geschichte Revue passieren lassen kann und und nicht nur eine Fortsetzung von Geschichten, die mit mir nichts wirklich zutun haben, weil ich sie nur fortgeschrieben habe. Ja, es wäre gut, wenn es eine gute Geschichte wird.

Doch was eine gute Geschichte ist, das bestimme immer nur ich selbst, diese Verantwortung muss ich selbst tragen, das kann ich auf niemand anderen übertragen oder abwälzten. Und deshalb will ich eine wirklich gute Geschichte hinterlassen.

Und zwar meine.