Was habe ich nur getan?

Manchmal, wenn ich mir die Lieder meiner Jugend anhöre, erschrecke ich und frage mich, was mich das so leicht hat vergessen lassen. All meine Träume über eine gerechte Welt – lange aufgegeben, ja verraten. Heute, mit 68 frage ich mich, 50 Jahre danach, wo war ich da, denn all die Träume, Gedanken und Ideen sind wieder da. Doch was hat mich all das ignorieren lassen? Ich kann (leider) niemandem die Schuld daran geben, denn aufgegeben habe ja ich es. Den Schuh muss ich mir selbst anziehen. Und der drückt auf meiner Seele.

Früher konnte ich noch über den Witz lachen, dass der Marsch durch die Institutionen scheinbar bis zur Rente dauert. Heute kann ich darüber nicht einmal mehr schmunzeln, zu wahr ist er. Jetzt, mit 68, bin ich wieder da, wo ich mit 18 auch schon war. Die Welt ist anders geworden. Doch wenn ich mir die Lieder etwa von Joan Baez anhöre, dann ist das, was sie darin besingt, immer noch aktuell. Nichts hat sich wirklich geändert, nur in den Facetten, in Nuancen ist es erträglicher geworden. Man darf zwar nicht mehr „Neger“ sagen, aber die Ressentiments scheinen immer noch allgegenwärtig zu sein.

Wirkliches Verständnis wurde durch Political Correctness ersetzt – ein wirklich fataler Fehler.  Sarah Diefenbach und Daniel Ullrich haben das in ihrem Buch „Es war doch gut gemeint: Wie Political Correctness unsere freiheitliche Gesellschaft zerstört“ sehr gut beschrieben. Der öffentliche Diskurs wird zunehmend von Sprech- und Denkverboten bestimmt. Wer sich negativ über Flüchtlinge äußert, gerät schnell unter Rassismusverdacht, und sich über den politisch unkorrekten US-Präsidenten Trump lächerlich zu machen, scheint wichtiger zu sein als die Frage, warum er überhaupt gewählt wurde.

Ja, es ist so: Durch das Gefühl, nicht mehr sagen zu dürfen, was man denkt, wird eine Spannung in der Gesellschaft erzeugt, die sich in einer starken Polarisierung mit Tendenz zum Extremen zeigt. Albrecht Mahr hat es einmal so formuliert: „Die Verquickung von Macht und Ideologie hat in Deutschland eine „pazifistische Versuchung“ nach sich gezogen, d.h. Aggression in jeder Form zu vermeiden, weil sie mit Faschismus gleichgesetzt wurde. Diese Art der Friedfertigkeit führt zu Kraftlosigkeit – wir werden dann „wie gekochtes Gemüse“, hat mal jemand gesagt“. Dem ist nichts hinzuzufügen.

Ja, es ist traurig. Aber ich kann mir den Schlaf aus den Augen reiben und etwas tun. Das heißt und verlangt auch von mir, mich klar zu positionieren, statt mit den Wölfen zu heulen. Oder mit den Schafen zu blöken, was irgendwie auf das Selbe hinausläuft. Alles, nur bloß nicht selber denken. Und genau das habe ich lange, lange Zeit auch getan.

Damit ist jetzt aber endgültig Schluss.