Was ich erlebe ist nicht das Eigentliche

Denn das ist unsichtbar, es sind weder meine Emotionen, noch meine Erinnerungen und auch nicht meine Ansichten. Es sind allein das Geistige und mein Bewusstsein. Was ich erlebe ist zwar wirklich, aber nicht das Eigentliche, nicht die Ursache, der Grund, nur ein Symptom. Was ich tue oder was ein anderer tut, ist nicht das Ursprüngliche, sondern wohl eher das Denken. Doch betrachte ich es genauer, ist es das auch nicht, sondern möglicherweise die Haltung. Und das geht so weiter und weiter, bis ich bei dem Geist ankomme.

Der reine Geist (dies ist nur eine Metapher, also sich bitte nichts darunter vorstellen!) ist absolut formlos, ohne jegliche Gestalt. Er ist auch kein Potential, kein Feld der Möglichkeiten, denn er ist in sich vollkommen indifferent. Und doch ist es die Substanz, aus der letztlich alles Existierende entsteht. So jedenfalls sehe ich es. Doch das alleine ist es nicht, denn es kommt noch etwas hinzu, etwas, das ich Bewusstsein nenne, etwas, das dem Geist zu Beginn eine Form gibt. Üblicherweise denken wir Menschen ja, dass uns etwas bewusst wird, weil wir eine Form wahrnehmen. Doch vielleicht ist es genau anders herum? Nimmt etwas eine Form an, weil es uns bewusst wird? Zuerst nimmt das wie eine Idee eine innere, rein gedankliche Gestalt an, begleitet von Emotionen und Gefühlen, die sich dann weiter zu einer sicht- und unmittelbar auch für mich wie für andere erlebbare Form ausbildet. Jedenfalls erklärt das Einsteins Frage, ob der Mond auch da wäre, wenn keiner hinschaue.

Es ist also nicht der Geist, der die Dinge schafft, sondern es ist das Bewusstsein, das die Dinge aus dem Geist formt. Wie ich lebe, so denke ich, und was ich denke, dessen bin ich mir bewusst. So erlebe ich es, doch es ist wohl genau umgekehrt. Und genau darum geht es, ich muss mir bewusst werden, was mir bewusst ist. Denke ich, dass die Würde des Menschen unantastbar ist und wird es mir dann bewusst oder muss ich mir erst dessen bewusst sein, um es denken zu können? Klar ist, dass ich es erst denken können muss, bevor ich entsprechend handeln kann. Doch, wie gesagt, mein Bewusstsein entscheidet zuerst, was ich überhaupt denken kann und in welche Richtung sich mein Denken weiter bewegt und auch bewegen kann.

Solche Dinge zu erfassen ist theoretisch schwer möglich. Einfacher geht es da schon mit konkreten Ereignissen, wie gerade aktuell mit dem Corona-Virus. Bereits in der Pionierzeit der Infektionslehre, entbrannte ein heftiger Wissenschaftsstreit zwischen zwei Hypothesen: Auf der einen Seite war Louis Pasteur, der die Mikroben im Zentrum des Infektionsgeschehens sah, während seine Zeitgenossen Pierre Jaque Antonie Béchamp und Claude Bernard die ‚Milieuseite‘ vertraten. Bernard fasste seine Erkenntnisse so zusammen: ‚Der Erreger ist Nichts, das Milieu ist Alles‘ („Le microbe n’est rien, le terrain c’est tout“). Die Überlieferung sagt, dass Pasteur auf dem Sterbebett eingestanden habe, dass Bernard der Wahrheit näher war.

Dass die Welt nicht mechanisch strukturiert ist, wovon Newtons klassische Physik ausgeht, das wissen wir seit Einstein & Co. Die haben die mit der Quantenmechanik beschriebenen Prinzipien erkannt. Schon mit dem Doppelspaltversuch wird deutlich, dass Bewusstsein eine ganz wesentliche Rolle bei dem spielt, was sich (dann) ereignet. Ich muss mich also an den Gedanken gewöhnen, jedenfalls ist das meine Überzeugung, dass das, was mir bewusst ist, definiert, wie ich letztlich bin, was ich denke und was ich tue. Wobei der Begriff Bewusstsein dieses Phänomen, das ich hier zu beschreiben suche, nicht wirklich erfasst. Was die aktuelle Situation keineswegs aufhebt. Aber es sind Gedanken, die eventuell zukünftig mehr an Bedeutung gewinnen.

Doch das ist noch nicht das Ende der Fahnenstange, es geht noch weiter. In einer Zen-Geschichte ist die Rede davon, das Gantô und Seppô, zwei Zen-Mönche, miteinander unterwegs waren, als sie wegen eines Schneesturm in einer Berghütte Unterschlupf suchten und eingeschneit wurde. Während der Zeit des Wartens gab sich Seppô eifrig von morgens bis abends der Zazen-Übung hin; Gantô hingegen streckte sich entspannt auf dem Lager aus und schlief die meiste Zeit des Tages. Er sagte zu sich: „Wenn ich einfach meine Füße auf dem Lager ausstrecke und nichts anderes mache wie schlafen, gibt es weder Wahrheit noch Falschheit.“ Als er sah, wie Seppô den ganzen Tag Zazen praktizierte, sagte er zu ihm: „Du siehst aus wie eine Buddhastatue am Stadtrand. Was machst du da eigentlich?“ Seppô entgegnete: „Trotz meiner großen Anstrengungen öffnet sich mein Herz-Geist nicht. Mir bleibt gar nichts anderes übrig, als Zazen zu üben.

Nachdem sie eine Weile darüber geredet hatten, sagte Gantô: „Hast du nie gehört, dass alles, was von außen hereinkommt, nicht der Hausschatz sein kann! Deine Erfahrung muss direkt aus deinem eigenen Herzen her kommen und das ganze Universum erfüllen. All dieses angesammelte Zeug ist nichts als Müll.“ Und wie in solchen Geschichten üblich erlangte Seppô bei diesen Worten Erleuchtung. Jedenfalls so heißt es. Die eigentliche Botschaft ist wie es Paul Watzlawick in seiner „Anleitung zum Unglücklichsein“ beschreibt: Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus! Mit anderen Worten: Ich kann und muss es selbst (allein) erkennen. Nur wenn ich nach Innen schaue, werde ich zukünftig Lösungen finden. Zukünftig, weil ich das, was schon ist, niemals negieren darf. Einfluss habe ich immer nur auf das Jetzt, niemals auf Vergangenes.

Ist das exakt das, was Alan Watts mit seinem Gedanken ausdrücken wollte, dass das Leben ein Spiel sei, dessen erste Regel aber laute, dass es todernst wäre? Das bedeutet nämlich letztlich, kann ich etwas nicht denken, existiert es auch nicht für mich. Dass es für andere existiert bedeutet aber nicht, dass es grundsätzlich, also objektiv, existieren würde. Es existiert nur, weil ich es eben denke. Und das bedeutet mir bewusst zu sein, was mir bewusst ist, denn genau das existiert für mich.

In meinem Denken, meinem Verhalten, meinen Prinzipien, meiner Wahrnehmung.